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TV-Doku "Mein Freund Rockefeller": "Ich bin nie zuvor einem Psychopathen so nahe gekommen"

Ihre Doku über den legendären Hochstapler Clark Rockefeller läuft weltweit bei Netflix, nun zeigt sie der BR auch in Deutschland. Im Interview erklärt Regisseurin Steffi Kammerer, warum ein junger Bayer so viele Amerikaner täuschen konnte.

Mein Freund Rockefeller

Christian Gerhartsreiter alias Clark Rockefeller

Frau Kammerer, wie kam es dazu, dass Sie eine Doku über den Hochstapler Clark Rockefeller alias Christian Gerhartsreiter gedreht haben?
Ich habe zwei große Geschichten über ihn geschrieben, im Sommer 2008 für "Park Avenue" und 2011 für den stern. Und ich dachte früh, das ist ein visueller Stoff. Die größte Schwierigkeit war es, meine Gesprächspartner dazu zu bringen, sich vor der Kamera als Rockefellers Freunde zu outen. Dabei hat es mir geholfen, dass ich sie von den damaligen Recherchen schon kannte.

Können Sie inzwischen verstehen, warum so viele Menschen Gerhartsreiters Charme erlegen sind und sie sich so bereitwillig von ihm haben täuschen lassen?
Ich habe manchmal einen Restcharme spüren können. Aber als ich ihn im Gerichtssaal interviewen konnte, saß da im Grunde ein graues kleines Männlein. Das Charisma hat sich mehr oder weniger verflüchtigt in dem Moment, wo er nicht mehr Clark Rockefeller war. Ich habe seinen deutschen Akzent sofort rausgehört. Dass er seine Identität als Rockefeller so lange durchziehen konnte, hängt viel mit Autosuggestion zusammen.

Steffi Kammerer

Die renommierte Journalistin Steffi Kammerer hat unter anderem für den stern und "Park Avenue" über den Hochstapler Clark Rockefeller geschrieben. Die Doku "Mein Freund Rockefeller" ist ihr erster Film. Sie lebt als freie Autorin in Berlin und New York.

Auch nachdem Gerhartsreiter aufgeflogen ist, gab es kaum jemanden, der wirklich böse war auf den Betrüger. Woran liegt das?
Das hängt damit zusammen, dass alle irgendwo Kollaborateure waren. Viele fühlten sich und ihr Leben durch diesen Menschen bereichert. Sie haben sich wohl gedacht: Lieber einen Fake-Rockefeller als gar keinen Rockefeller.

Kann man sagen, zu einem Betrüger gehören immer zwei: Der Betrüger und die Leute, die betrogen werden wollen?
Das glaube ich. Das gilt auch seine Ehefrau, die bis 2014 Partnerin bei McKinsey in London war. Sie hatte damals ein Jahresgehalt von 1.2 Millionen Dollar, wurde für ihr vermeintlich gutes Urteilsvermögen bezahlt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in 13 Ehejahren nichts gemerkt hat. Aber natürlich hat es auch ihrer Karriere gedient, ab und an ihren Rockefeller-Ehemann zum Geschäftsessen mitbringen zu können. Er hat ein Stück Glitzern in das Leben der Leute gebracht. Offenbar hat das gereicht, um Zweifel zu unterdrücken.

Gerhartsreiter kommt aus einer einfachen Familie: Seine Mutter war Schneiderin, der Vater Künstler. Wie konnte der Mann sich in der amerikanischen Upper-Class so gut zurechtfinden?
Das hat ganz viel mit seinem Intellekt zu tun. Er war unfassbar belesen, hatte ein enzyklopädisches Wissen. Gerhartsreiter kann über Quantenphysik, die Antike und auch die Wahlen in Griechenland reden, er ist über alles informiert. Und er hat einen perfekten Lehrort gefunden: Er lebte ein Paar Jahre in San Marino, Kalifornien, einem Insider-Ort, der Fremden durch alle möglichen Regeln den Zugang fast unmöglich macht. Hier hat er ein paar "gatekeeper" überzeugt, damit war er drin. Wenn man einmal dazugehört, wird nicht mehr infrage gestellt, wie man da reingekommen ist. In San Marino hat er alles gelernt. Die Manieren, wie man auf einer Cocktail-Party parliert. Er ist wie ein Schwamm und hat alles aufgesogen. So präpariert ist er in die Welt gegangen.

Eigentlich wollte Gerhartsreiter nach Hollywood. Hätte ihn Erfolg in der Filmbranche von seiner schiefen Bahn abbringen können?
Davon ist auszugehen. Das ist ja das Traurige an der Geschichte: Was hätte jemand mit so einem Potenzial aus seiner Begabung machen können?

2013 ist Gerhartsreiter wegen Mordes verurteilt worden. In Ihrer Doku leugnet er, den Mord begangen zu haben. Glaubt er das wirklich - oder spielt er da auch nur eine Rolle?
Ich habe dazu keine Haltung gefunden, weil ich mir selber immer noch nicht restlos sicher bin, ob er wirklich getötet hat. Ich bin mir zu 99 Prozent sicher, aber ein Zweifel bleibt. Vielleicht will ich es mir nicht eingestehen. Vielleicht möchte ich, dass er ein Hochstapler ist, aber kein Mörder.

Gibt es hinter den vielen Rollen, in die er geschlüpft ist, den echten Menschen Christian Gerhartsreiter?
Das ist das Schwierige bei so einem Menschen: Man weiß nie, wann redet man mit dem echten Christian Gerhartsreiter, wann redet man mit einer seiner vielen Personas.

Hat es Ihnen leid getan, dass der Hochstapler aufgeflogen ist?
Nein. Ich habe aber durchaus Sympathien für ihn. Weil er diese Chuzpe hatte, sich nicht einfach mit seinem Los im Leben abgefunden hat. Und auch, weil ich viele Geschichten kenne, wo er sich als guter Freund erwiesen hat. Er war oft für andere da. Am Ende ist er trotzdem ein Psychopath. Ich bin vorher nie einem Psychopathen so nahe gekommen. Es ist kein komisches Gefühl zu merken: Man kann auch für einen Mörder Sympathie empfinden.

Die Dokumentation "Mein Freund Rockefeller" ist am Dienstag, 27. September, um 22.30 Uhr im BR zu sehen.