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"Star Wars"-Spin-Off Neue Disney-Serie: Mit "Andor" weht ein frischer Wind durch das Gestrüpp der "Star Wars"-Ableger

Diego Luna als Cassian Andor
Diego Luna als Cassian Andor in der gleichnamigen Serie
© Sipa Press / Action Press
Unaufgeregt, stringent und top besetzt: Mit "Andor" liefert Disney+ endlich wieder etwas Frisches im schier unendlichen Wust der "Star Wars"-Serienadaptionen. Wer nach "Boba Fett" frustriert die Fernbedienung an die Wand geworfen hat, könnte hieran wieder Spaß finden.

Viel schlechter hätte es eine Serie in Sachen Timing nicht erwischen können: "Andor" aus dem Hause Disney+ erscheint nicht nur zu einem Zeitpunkt, an dem selbst eingefleischte "Star Wars"-Fans schon langsam den Überblick über die zahlreichen neuen "Star Wars"-Spin-Off-Serien auf dem Streaming-Portal verloren haben. Nach dem mauen "Book Of Boba Fett" war der Hype um diese zudem merklich verklungen, schon "Obi Wan Kenobi" mit Ewan McGregor kam und ging ohne große Emotionsäußerungen der Zuschauerschaft.

Nein, "Andor" läuft auch noch ausgerechnet, während die halbe Welt entweder bei "Rings Of Power" oder "House Of The Dragon" mitfiebert (oder bei beidem) und kaum andere Serien einen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung finden. Gerade da plätschert die neue Produktion aus dem "Star Wars"-Universum unaufgeregt im Hintergrund vor sich hin. Und – bildet damit einen ebenso merkwürdigen wie angenehmen Kontrast zu ähnlichen Disney-Produktionen und der restlichen Serienlandschaft des Augenblicks. 

"Andor" weckt neue Hoffnung in die Spin-Offs

Erzählt wird, wie der Dieb Cassian "Clem" Andor – nach einer mehr als bewegten Kindheit und Jugend vom rechten Weg abgekommen – ins Visier des Imperiums gerät. Dieses, wir erinnern uns, ist der ewige böse Gegenspieler der guten Jedi-Ritter in den Filmen. Ein mysteriöser Fremder überzeugt ihn, sich der Rebellion gegen die Herrscher anzuschließen. Die Serie spielt einige Jahre vor den Geschehnissen des ersten Original-"Star Wars"-Films "Eine neue Hoffnung" von 1977. Das Imperium ist an der Macht, die Rebellen wollen die Pläne des Todessterns erbeuten.

Auffällig ist schon während der ersten Episoden der eigenwillige Look der Serie: Die Welt des Planeten Ferrix wirkt, als wären die Bewohner in den späten Siebziger Jahren in eine andere Zukunft abgebogen als wir, alles wirkt gleichzeitig retro und futuristisch, ein bisschen grauer Sowjet-Charme liegt über der Szenerie. Dazu passend der dezente, elektronisch-melancholische Soundtrack. Man schaut das alles gern an, es hat etwas sehr eigenes, eine spezifische Stimmung – was etwa "Boba Fett" zuvor nicht gelang.

Die Serie kommt äußerst unaufgeregt daher

Es braucht jedoch ein bisschen, bis man als Zuschauer weiß, wo die Serie hin will. Es braucht auch etwas, bis man mit der Hauptfigur warm wird – da hilft es enorm, dass Schauspieler Diego Luna sich nach einigen Folgen den zuppeligen Bart abrasiert. Aber dann nimmt die Geschichte merklich an Fahrt auf, man beginnt wirklich mitzufiebern. Dazu kommt, dass eine ganze Reihe interessanter Nebenfiguren auftaucht, die alle ihre eigene Agenda mitbringen und zudem exzellent dargestellt werden.

Andors Ziehmutter Maarva (Fiona Shaw) etwa, eine stolze Frau mit großem, wenn auch gebrochenem Herzen. Der ehrgeizige Imperiums-Inspektor Syril Karn (Kyle Soller), dessen Gesicht man so bald nicht vergessen wird – auch, weil es ein wenig an Kyle McLachlan ("Twin Peaks" und vieles mehr) erinnert. Stellan Skarsgard als mysteriöser Rebellen-Strippenzieher Luthen Rael. Denise Gough als ehrgeizige Lieutenant des Imperiums.

"Andor" ist großartig besetzt

Und dann tauchen da noch einige herrlich überraschende Gesichter auf, die vielen Zuschauern Freude machen werden – gerade jenen, die intensiv Serien schauen. Alex Lawther etwa, der grandios die Hauptrolle des schmächtigen Teenagers James in den zwei Staffeln der Indie-Serie "The End Of The F***ing World" spielte. Oder der charismatische Ebon Moss-Bachrach, der gerade in der neuen Hype-Serie "The Bear" den trotzigen Kompagnon von Starkoch Carm verkörperte. Und als Bonbon spielt dann noch der englische HipHopper und Comedian Doc Brown alias Ben Bailey Smith einen Kommandanten des Imperiums – wer ihn einst als Kandidaten in der englischen Comedy-Gameshow "Taskmaster" gesehen hat, wird sich ein Kichern nicht verkneifen können.

"Andor" ist kein Straßenfeger wie der "Mandalorian". Dazu wird die Serie zu unaufgeregt erzählt, dazu ist das alles nicht bunt und actionreich genug. Das macht aber gar nichts. Wir bekommen hier eine stringente Geschichte erzählt, mit sehr menschlichen, gut geschriebenen Figuren und durchweg tollen Schauspielern, zudem mit einer sorgsam inszenierten Atmosphäre. Wer nach "Boba Fett" den "Star Wars"-Spin-Offs eigentlich schon abgeschworen hatte, könnte hier guten Gewissens einen Neustart wagen. Man muss sich nur der Gemächlichkeit dieser Geschichte vorab bewusst sein und ihr etwas Zeit geben – gönnen Sie dem titelgebenden Antihelden die ersten paar Episoden. Schalten Sie nicht weg, bevor der Bart ab ist. Es lohnt sich.

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