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TV-Kritik

TV-Experiment: Sat.1-Sendung "Nacktes Überleben": Minimalisten im Klopapier-Höschen

Schluss mit Konsum und Krempel: Sechs Menschen wagen ein TV-Experiment und leben 30 Tage lang in ihrer leer geräumten Wohnung. Auch die Klamotten müssen runter. Das macht erfinderisch. Mehr kommt dann aber nicht.

Von Sylvie Sophie-Schindler

Auf was verzichte ich am ehesten? Fragen bei "Nacktes Überleben" in Sat.1

Auf was verzichte ich am ehesten? Fragen bei "Nacktes Überleben" in Sat.1

Wie bastelt man sich eine Unterhose? Michael überlegt nicht lange. Aus Klopapier hat er bereits eine Schlafunterlage improvisiert. Die erste Nacht lag er dort, auf dem Zellstoffhaufen am Boden, er war splitterfasernackt. Nach draußen will er jetzt, es ist winterlich, es hat um die ein, zwei Grad, und weil die Nachbarn ihn vorher noch nie nackt gesehen haben, soll es auch so bleiben. Not macht erfinderisch, eines dieser Sprichworte, die man nicht mehr hören kann, aber Michael war noch nie in so einer Not und deshalb muss jetzt ein klopapiernes Do-It-Yourself-Höschen her. Was so originell nun auch wieder nicht ist, denn auch Claire will sich anderen nackt nicht zumuten, also umwickelt sie sich - als sei´s ein Partyspiel - mit Toilettenpapier. Das Lachen aber ist ihr vergangen. Sie hockt in der leeren Badewanne, schamgebeutelt, mit starrem Blick, und Mitbewohner Martin, der es tatsächlich schafft, so ganz ohne Basteleien nackt zu sein, sagt zu ihr: "Das hast du gut gemacht."

Sat.1: "Neue Erfahrung" sollen sie machen

Sat.1 hat mal wieder Menschen aufgegabelt, die unbedingt eine "neue Erfahrung" machen wollen. In der Reality-Show "Nacktes Überleben" wird die Frage gestellt: "Wie wenig ist genug?" Schluss mit Konsum, raus mit dem Gerümpel – drei Wohnungen werden komplett leergeräumt. In Umzugskisten landen Kochbücher, Hanteln, Schland-O-Schland-Brille und, und, und.

Im Durchschnitt stehen in jedem bundesdeutschen Haushalt 10.000 Gegenstände herum. Aber: Braucht´s das alles überhaupt?  Machen Besitztümer wirklich glücklich? Oder sind sie letztlich nur Ballast? Waren wir doch einst  Minimalisten. Als Baby. Schlaf, Nahrung, Wärme und Fürsorge – mehr brauchte es nicht. In den nächsten 30 Tagen müssen sie also bei Null anfangen: Michael (37) aus Warburg, Carmen (43) und Christian (30) aus Glottertal und eine Dreier-WG aus Solingen mit Claire (24), Martin (26) und Marcel (36).

Keine Möbel, kein Smartphone, kein Portemonnaie

Ihre Möbel und sonstigen Siebensachen, auch Portemonnaie und Smartphone, werden in einem Container in Fußwegnähe eingelagert. Einen Gegenstand oder eine Klamotte ihrer Wahl dürfen sie sich pro Tag von dort zurückholen.  Beruf und  Alltag müssen sie unter diesen Bedingungen weiter nachgehen. Und anders als im Dschungelcamp gibt´s genug zu essen, es gibt Wasser, Zahnpasta, Zahnbürste und eben: Klopapier.

Weil im letzten Umzugskarton sämtliche Klamotten landen, auch die, die man am Körper trägt, und weil er nicht auf die Idee kommt, sich seinen eigenen Klopapierslip zu designen und weil im Müll wühlen erlaubt ist, wühlt Christian schon bald im Müll, nach Pappkartons für sich und seine Liebste. Denn beim ersten Gang zum Container wollen die Genitalien verdeckt sein, alleine schon wegen Paragraf 118, Belästigung der Allgemeinheit. Aber mehr noch, weil Nacktheit Carmens Sache nicht ist und sie sich "echt" überwinden muss, alle Hüllen fallen zu lassen – ihr Schatz wird sie später dafür loben, Challenge bestanden.

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Nach der ersten Nacht auf hartem Boden wird die Schlafunterlage zurückerobert. "Wir feiern die Matratze sehr", sagt Carmen.  In der Dreier-WG gibt es erst was zu feiern, wenn die zweite Matratze im leeren Zimmer liegt. Denn so groß ist die Freundschaft nicht, dass man eine weitere Nacht zu dritt auf einer schlafen möchte. Aber wenigstens ist man schon angezogen. Jeder im Jumpsuit, der endlich einen Sinn bekommt: Für genau solche Gelegenheiten wurde dieses Kleidungsstück wohl erschaffen. Komplett angezogen wäre man, wolle man sich Unterwäsche, Hose und Shirt zurückholen, erst nach mindestens vier Tagen – mit dem Jumpsuit klappt´s ruckzuck. Als am nächsten Tag noch die Schuhe an die Füße geschnürt sind, verkündet Martin: "Jetzt haben wir alles, um zu überleben." Er muss trotzdem jeden Tag zum Container. Und stellt an Tag 12 resigniert fest: "Ich weiß nicht, was ich holen soll, weil alles die gleiche Wertigkeit hat."

"Jetzt erst weiß ich Dinge zu schätzen"

Dass es saublöd ist ohne Schuhe, noch dazu, wenn die Wege schneebedeckt sind, normalerweise denkt man nicht darüber nach. Jetzt schon. Die Teilnehmer sagen Sätze von der Art "Jetzt erst weiß ich Dinge zu schätzen, die ich vorher nicht zu schätzen wusste". Es sind vorhersehbare Sätze. Und weil auch sonst alles so kommt, wie man es sich gedacht hat und weil die Teilnehmer wenig aufregend sind, wird aus dem sicher spannenden Experiment eine zähe Nummer.

Schon bald will man nicht mehr wissen, wann Carmen sich ihr geliebtes Radio holt und wann Claire ihr Handy, das sie mal für unverzichtbar hielt. Und sobald Michael seinen Fernseher hat, schaut er eben Fernsehen. Der ihm übrigens wichtiger ist als seine Rasierklingen, auch wenn er es irgendwann nicht mehr ohne sie aushält. Denn: "Mein ganzer Körper ist ein Busch." An Tag 28 holen sich Carmen und Christian ihre Eheringe. Das Ende naht, dann ist es da. Ein bisschen Einsicht gehört dazu, in jedem Haushalt will man sich von überflüssigen Sachen trennen, zugunsten wohltätiger Zwecke. Michael sortiert aus seinen ursprünglich 1148 Sachen 214 aus, in der Dreier-WG sind´s 181 Sachen aus einst 3886 Gegenständen. Überflüssiger noch als mancher Tand aber ist: die Show.