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Angriffe auf Energieversorgung Die Energiekrise in der Ukraine spitzt sich zu. Das "Überleben des Systems" steht auf dem Spiel, heißt es

Eine dunkle Straße in Kiew, Ukraine
Kiew, Ukraine. Aufgrund der massiven Raketenangriffe Russlands auf die Energieinfrastruktur kommt es in vielen ukrainischen Städten zu kontrollierten Stromabschaltungen, um das Stromversorgungssystem zu stabilisieren.
© Hennadii Minchenko/Ukrinform via ZUMA Press Wire / Action Press
Die Ukraine baut auf die Unterstützung der Europäischen Union gegen den "Energieterror" Russlands. Die Situation ist äußerst kritisch, warnt nun der staatliche Energieversorger: "Wir sprechen über das Überleben des Systems".

Russland setzt sein massives Bombardement kritischer Infrastruktur in der Ukraine fort, offenkundig in der zynischen Absicht, Städte unbewohnbar zu machen und die Moral der Bevölkerung zu brechen, der ein kalter und dunkler Winter bevorstehen könnte.

Der jüngste russische Raketenangriff auf die Energieversorgung des Landes hatte am Montag zu Ausfällen und Engpässen in der Strom- und Wasserversorgung in mehreren Städten geführt. Allein in Kiew waren 80 Prozent der Einwohner zeitweise von der Wasserversorgung abgeschnitten, wie Bürgermeister Vitali Klitschko mitteilte, und Hunderttausende Haushalte ohne Strom, nachdem Russland auch die ukrainische Hauptstadt mit einer Reihe von Marschflugkörpern attackiert hatte. 

Die Strom- und Wasserversorgung in Kiew habe zwar weitestgehend wiederhergestellt werden können, allerdings würden sich die Behörden in der Hauptstadt auf weitere Energieausfälle vorbereiten. "Das schlimmste wäre, wenn es überhaupt keinen Strom, kein Wasser und keine Fernwärme gebe", schrieb Klitschko am Mittwoch auf dem Kurznachrichtendienst Telegram. "Für diesen Fall bereiten wir über 1000 Heizstellen in unserer Stadt vor." Die Standorte sollen demnach mit Generatoren und lebensnotwendigen Vorräten wie Wasser ausgestattet werden.

Nach Angaben des staatlichen Energieversorgers Ukrenergo droht der Ukraine im Winter eine humanitäre Katastrophe, sollte ein Zusammenbruch der Stromversorgung nicht verhindert werden können. "Praktisch alle" größeren Stromkraftwerke, die nicht nuklear betrieben werden, seien von russischen Raketen getroffen worden, sagte Ukrenergo-Geschäftsführer Volodymyr Kudrytskyi zum "Guardian", ebenso mehr als 30 Prozent der Umspannstationen.

"Dies ist der größte Raketenangriff auf die Strominfrastruktur in der Geschichte. Daher ist die Wirkung enorm. Leider ist die Lage kritisch. Sie (die russischen Streitkräfte, Anm. d. Red.) versuchen, gezielt das ukrainische Energiesystem zu zerstören, und das versorgt zig Millionen der Bevölkerung", wurde Kudrytskyi am Dienstag von der britischen Zeitung zitiert.

Sollte Russland die Angriffe fortsetzen, "werden die Stromausfälle in der Ukraine immer länger", warnte Kudrytskyi und fügte hinzu, dass es dem Energieversorger trotz aller Bemühungen nicht möglich war, das Stromnetz so schnell zu reparieren, wie es zerstört wurde. "Es ist offensichtlich viel einfacher, Raketen abzufeuern, als Umspannwerke wiederherzustellen", sagte er. 

Ukraine baut auf EU-Hilfen gegen Russlands "Energieterror"

Vor diesem Hintergrund sucht die Ukraine in Europa Hilfe gegen den "Energieterror" Russlands. Dabei geht es neben Geld und Anlagen zur Wiederherstellung der Energieversorgung auch um den Schutz vor neuen Angriffen.

Vierzig Prozent des Energiesystems seien "schwer beschädigt", sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj bei einem Treffen mit EU-Energiekommissarin Kadri Simson am Dienstag in Kiew. Russland werde alles tun, "um die Normalität des Lebens zu zerstören" und berücksichtige dabei nicht die Kosten dieses "Energieterrors". 

Selenskyj rechnete vor, dass der jüngste Beschuss am Montag "den Gegenwert von 2,3 Millionen durchschnittlichen russischen Renten gekostet" habe. "Und das nur für einen Angriff." Mittwoch ist der 252. Tag des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.

"Die Position der Terroristen ist absolut transparent, und diese Herausforderung sollte gerade als Herausforderung für ganz Europa gesehen werden", sagte Selenyksj. Moskau werde die Schwierigkeiten des Winters propagandistisch als vermeintlichen Beweis für das Scheitern des vereinten Europas darstellen. "Deshalb müssen wir gemeinsam den Terroristen beweisen, dass 'Scheitern' ein Wort über sie ist und nicht über Europa", so Selenskyj. 

Angesichts vorrückender ukrainischer Truppen setzen die russischen Besatzer auf die Zerstörung empfindlicher Energieinfrastruktur. Der Winter könnte für die Ukraine zur Bewährungsprobe werden – auch für ihre Verbündeten (mehr über die russische Blackout-Strategie lesen Sie hier).

EU-Energiekommissarin Simson verurteilte in Kiew die "gezielten" Angriffe Russlands auf die ukrainische Energieinfrastruktur, die "eine grausame und unmenschliche Taktik" seien, "um menschliches Leid zu verursachen, während der Winter naht". Sie wolle alles daransetzen, "die finanzielle, technische und praktische Hilfe zu erhöhen", teilte sie am Dienstag auf Twitter mit.

Der Brüsseler Behörde zufolge werden in den kommenden Tagen unter anderem die Kommission und das ukrainische Energieministerium zusammen eine Kampagne starten, um weitere Unterstützung aus dem Privatsektor zu mobilisieren. Schon jetzt hätten die EU, die EU-Staaten und private Unternehmen Energienotausrüstung im Wert von mehreren Millionen Euro geliefert. "Angesichts der eskalierenden Angriffe Russlands" müsse die Unterstützung jedoch verstärkt werden. 

Auch der französische Präsident Emmanuel Macron sieht dringenden Handlungsbedarf. Er habe Präsident Selenskyj zugesichert, "unsere militärische Unterstützung für die Ukraine zu verstärken, insbesondere im Hinblick auf ihre Luftabwehr", teilte Macron am Dienstag auf Twitter mit. Die Wasser- und Strominfrastruktur sei durch die russischen Angriffe "erheblich beschädigt" worden. "Vor dem Winter muss gehandelt werden." 

"Jetzt sprechen wir über das Überleben des Systems"

Die Ukraine hofft dabei auch auf umfangreiche Hilfen aus Deutschland, um durch den kommenden Winter zu kommen. Zwei vom Energieministerium in Kiew erstellte Listen mit benötigten Waren seien an die Bundesregierung übermittelt worden, sagte die Co-Vorsitzende der deutsch-ukrainischen Parlamentariergruppe, Halyna Jantschenko, vergangene Woche der Nachrichtenagentur Reuters. Auf den Wunschlisten stehen demnach etwa Geräte für Umspannwerke, Nutzfahrzeuge, Kabel, Stromgeneratoren und Heizgeräte.

Auf Nachfrage des stern, welche zusätzlichen Hilfen für die Ukraine geplant seien, teilte das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) am Mittwoch mit, dass die Bundesregierung und das BMWK in ständigem Kontakt mit der ukrainischen Regierung stünden und verwies auf vorherige Stellungnahmen zu dem Thema. Die konkreten Gesprächsinhalte seien grundsätzlich vertraulich. Eine Anfrage des stern an das Auswärtige Amt blieb bis Mittwochmittag unbeantwortet.

Angriffe auf Energieversorgung: Die Energiekrise in der Ukraine spitzt sich zu. Das "Überleben des Systems" steht auf dem Spiel, heißt es

Die Zeit drängt, so will es Ukrenergo-Geschäftsführer Kudrytskyi verstanden wissen. Der Fokus liege nunmehr darauf, die Lichter anzubehalten. "Vor den Raketenangriffen war es das Hauptziel, so viel Energie zur Verfügung zu stellen, wie unsere Kunden brauchen", sagte Kudrytskyi dem "Guardian". "Aber jetzt sprechen wir über das Überleben des Systems." 

Quellen:  "The Guardian", "The Kyiv Independent", "The New York Times", "Politico"Reuters, EU-Kommission, mit Material der Nachrichtenagenturen DPA und AFP

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