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Massive Luftangriffe Feuern, bis es dunkel wird: Wie der Kreml die Ukraine im Winter zermürben will

Nach Raketenangriffen am 10. Oktober steigt schwarzer Rauch über der Stadt auf
Nach Raketenangriffen am 10. Oktober steigt schwarzer Rauch über der Stadt auf
© ukrin / DPA
Blackout-Taktik im Ukraine-Krieg: Angesichts vorrückender ukrainischer Truppen setzen die russischen Besatzer auf die Zerstörung der empfindlichen Energie-Infrastruktur. Der Winter könnte für die Ukraine zu Bewährungsprobe werden – und für ihre Verbündeten.

Während die ukrainischen Truppen einen Fuß vor den anderen in Richtung Süden setzen und die pro-russischen Behörden alle Zivilisten in Cherson auffordern, die Stadt "sofort" zu verlassen, bedecken die russischen Invasoren das Land unaufhörlich mit Raketenfeuer. Dabei nehmen die Angreifer gezielt die Energie-Infrastruktur ins Visier. Mehr als eine Million Haushalte hatten laut Kiew am Samstag keinen Strom. Präsident Selenskyj rief die Bevölkerung erneut zum Stromsparen auf und sprach von "niederträchtigen Schlägen gegen kritische Objekte". Zudem bezeichnete er die Angriffe als "typische Taktik von Terroristen".

Bereits nach der ersten Angriffswelle am 10. Und 11. Oktober sei fast ein Drittel der Energieinfrastruktur von russischen Raketen getroffen worden, sagte der ukrainische Energieminister Herman Haluschenko. Der Blackout traf nicht nur die umkämpften Gebiete im Süden und Osten, sondern erstreckte sich über weite Teile des Landes, von der Region Kiew bis hin zu Städten tief im Westen. Tatsächlich ist der massive Angriff auf die zivile Infrastruktur Teil einer Blackout-Strategie, mit der Russland das Nachbarland in einem dunklen Winter zermürben will.

Bevor die ersten russischen Panzer am 24. Februar über die ukrainische Grenzen rollten, schätzten die meisten Experten das Risiko, Putin könne es zunächst auf die Energieversorgung des Landes abgesehen haben, als gering ein. Schließlich ging man im Westen – und wahrscheinlich auch im Kreml – damals noch davon aus, Kiew werde im Blitzkrieg eingenommen, ein moskautreues Regime installiert und die Ukraine zum Vasallenstaat. Eine intakte Infrastruktur wäre also auch aus russischer Sicht wünschenswert gewesen, schreibt Andrian Prokip vom "Wilson Center", einem US-amerikanischen Forschungszentrum. Bis auf Angriffe auf die Treibstoffversorgung, die für die Logistik entscheidend ist, behielten die Experten recht.

Angesichts der Erfolge, die die Ukrainer in den vergangenen zwei Monaten feiern konnten, wundert es wenig, dass der Kreml seine Meinung geändert hat und die Energieversorgung nun doch zum Angriffsziel bestimmt. Schließlich sei das auch "ein wirksames Mittel, um psychologischen Druck auf die Bürger auszuüben", so Prokip. Zudem habe Kiew seitdem Luftabwehrsysteme von der Front abziehen müssen, um die empfindlichsten Stellen der Infrastruktur zu schützen.

Ein Staudamm als Drohkulisse im Ukraine-Krieg

Dieses martialische Vorgehen ist an sich nichts Neues: Bereits in Tschetschenien und Syrien ging der russische Generalstab ähnlich vor. Wie das US-Nachrichtenportal "Vox" jedoch analysiert, ist das Ausmaß, mit dem die Invasoren inzwischen die Infrastruktur bombardieren, der Verzweiflung angesichts der rasch vorrückenden Ukrainer geschuldet. Ein kurzfristiges Faustpfand bleibt den Russen angesichts des drohenden Verlustes der strategisch (und moralisch) wichtigen Stadt Cherson: Die Sprengung des riesigen Staudamms am Wasserkraftwerk Kachowka.

Dessen Zerstörung hätte verheerende Folgen, die dadurch freigesetzten Wassermassen hätten ähnliche Ausmaße wie das Zünden einer Atombombe, sagt Militärexperte Carlo Masala im stern-Podcast "Ukraine – die Lage". Noch am Donnerstag betonte auch Selenskyj, dass ein Angriff auf den Damm zu schweren Überschwemmungen in den besiedelten Gebieten entlang des Dnipro und letztlich auch in Cherson selbst führen würde. 

Kiew ist fest davon überzeugt, das die Zerstörung des Damms nur ein Teil einer illegalen russischen Kriegstaktik ist, die darauf abzielt, die gesamte zivile Infrastruktur des Landes zum Erliegen zu bringen. Laut einer Analyse der US-Denkfabrik "Institute fort he Study of War" ist davon auszugehen, dass russische Besatzer den Staudamm sprengen werden, um ihren Rückzug zu decken. Die Schuld daran würden sie allerdings den Befreiern in die Schuhe schieben.

Diese Taktik der Verbrannten Erde, gibt "Vox" zu bedenken, stellt jedoch auch eine enorme Gefahr für das umkämpfte Kernkraftwerk Saporischschja dar. Das größte AKW Europas ist zur Kühlung der Brennstäbe auf Kachowka angewiesen. Ähnlich wie in Saporischschja hängt auch der Betrieb von Kachowka von ukrainischen Mitarbeitern ab, die die Anlage seit der russischen Eroberung im März am Laufen halten – und das im Wesentlichen in Geiselhaft. Das weiß natürlich auch der Kreml, der sowohl eine Überflutung als auch eine Nuklearkatastrophe in Kauf nehmen dürfte.

Der Winter naht

Dabei ist der rasche Vormarsch der Befreier ein Wettlauf gegen die Zeit. Mit den jüngsten Angriffen auf die Infrastruktur erhofft sich die russische Militärführung offensichtlich, sich in den Winter retten zu können. Nicht nur, dass die ukrainische Offensive in den kommenden Monaten im schlammigen Boden ins Stocken geraten dürfte. Mit der Zerstörung von Kraftwerken und Stromleitungen sowie den horrenden Preisen für den Energieimport droht der Ukraine ein kalter und dunkler Winter. Schon jetzt gibt es zwei Probleme.

Problem Nummer 1: Die ukrainische Stromversorgung ist ohnehin anfällig. Bereits fast die Hälfte der ukrainischen Stromerzeugung ist bereits seit längerem außer Betrieb, nur acht der 15 Kernkraftwerke laufen noch, berichtet die US-Denkfabrik "Atlantic Council". Aus dem Grund musste der Energiekonzern DTEK Mitte September seine Produktion im 16 Prozent erhöhen, um landesweiten Blackouts vorzubeugen. Stellt sich die Frage, warum die Lichter in der Ukraine überhaupt noch brennen? Die Antwort ist einfach: Die Nachfrage ist seit Kriegsbeginn um rund 35 Prozent gesunken. Ein Fünftel des Territoriums ist Stand heute weiterhin nicht unter Kiews Kontrolle, Millionen Ukrainer haben das Land verlassen, ganze Städte – und damit auch der Strombedarf – liegen brach. 

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Bis vor Kurzem sah es sogar so aus, als könne das Land überschüssigen Strom exportieren. Mit den russischen Luftangriffen steht das empfindliche Netz jetzt jedoch kurz vor dem Kollaps, zumal auch die Übertragungsanlagen unter Beschuss geraten sind. "Kein noch so zuverlässiges Stromsystem ist dafür ausgelegt, wiederholten massiven Luftangriffen standzuhalten. Und die Reparatur des Systems erfordert mehr Zeit, als die Häufigkeit der jüngsten Luftangriffe erlaubt", gibt Prokip vom "Wilson Center" zu bedenken.

Problem Nummer 2: Auch, was das Heizen angeht, sieht die Lage kaum besser aus. Naftogaz, der staatliche ukrainische Energieriese, hat knapp 14 Milliarden Kubikmeter Erdgas für den Winter eingelagert, so der "Atlantic Council". Das seien mindestens vier Milliarden Kubikmeter zu wenig – und das auch nur, sollte der Winter mild ausfallen. Im Gegensatz zum Strom lässt sich beim Gas bedeutend schlechter sparen. Die Heizsysteme werden von den Kommunen betrieben – sie sind also entweder für eine ganze Stadt ein- oder ausgeschaltet.

Eine Krise mit Ansage

Das Land bereitet sich, so gut es eben geht, auf die Krise mit Ansage vor. Kritische Einrichtungen wie Krankenhäuser seien bereits in aller Stille mit Notstromaggregaten ausgerüstet worden, berichtet der britische "Guardian". Doch für den Großteil der Zivilbevölkerung wird das kaum möglich sein. Bereits jetzt gelange kein Gas mehr in einige Frontgebiete. 

Die Angst vor dem dunkeln, kalten Winter, beschwört ein im Westen zudem altbekanntes Schreckgespenst. "Wenn es in der Ukraine keinen Strom, keine Heizung, kein Wasser mehr gibt, kann das einen neuen Migrationstsunami auslösen", warnte der ukrainische Ministerpräsident Denys gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Zu den bereits 7,7 Millionen Menschen, die die Ukraine bereits verlassen haben, kämen dann schätzungsweise noch einmal bis zu zwei Millionen hinzu, will der "Guardian" von einer internationalen Hilfsorganisation erfahren haben.

Von diesem Chaos kann sich nur einer etwas erhoffen: Wladimir Putin. Denn mit einer neuen Flüchtlingskrise könnte sich der Westen gezwungen sehen etwas zu tun, was er bislang strikt vermieden hat und Kiew zu Verhandlungen drängen. Dessen Verbündete müssen auch im eigenen Interesse alles daran setzen, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen.

Quellen: "Vox"; "Atlantic Council";  "Wilson Center"; "The Guardian"; mit dpa

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