HOME

Neuer ZDF-Freitagskrimi "Die Chefin": Eine Kommissarin zum Anmachen

Mit der ersten weiblichen Ermittlerin am Freitagabend gibt sich das ZDF fortschrittlich, verhaftet aber zumindest mit Folge eins der Krimireihe "Die Chefin" im Klischee: Denn die eigentlich taffe Hauptkommissarin muss sich andauernd zweideutige Kommentare gefallen lassen.

Von Rebecca Brockmeier

Der Alte", "Derrick" oder "Stolberg", seit jeher war der ZDF-Krimiabend am Freitag fest in männlicher Hand. Mit der neuen Krimireihe "Die Chefin" wird sich das ändern: Mit Katharina Böhm als lässig daherkommende Hauptkommissarin Vera Lanz setzt das ZDF zum ersten Mal freitags auf eine weibliche Chefermittlerin. "Umsichtig", "lebensbejahend" und "unkonventionell" soll sie sein, die neue Polizistin, die in der Mordkommission des Münchener Hauptkommissariats zunächst vier Folgen lang ermitteln wird. Dass mit Vera Lanz zum ersten Mal eine Frau am traditionellen Krimitag auf Verbrecherjagd geht, ist denn auch der Aufhänger, mit dem der Sender fleißig die Werbetrommel rührt. Dabei sind Frauen als Ermittlerinnen im TV nun wirklich keine Sensation - auch nicht im ZDF, wo es bereits "Rosa Roth", "Bella Block" und Eva Maria Prohacek gibt. Umso schlimmer ist es daher, dass zumindest die erste Folge "Enthüllung" weit davon entfernt ist, ein modernes Frauenbild zu zeigen.

Denn die neue Hauptkommissarin Vera Lanz tritt zwar auf der einen Seite durchaus selbstbewusst, machmal fast schon rabiat als Polizeichefin auf: So schreckt sie nicht davor zurück, dem aggressiven Vater eines Mordopfers ohne mit der Wimper zu zucken ins Bein zu schießen. Auf der anderen Seite wimmelt das Drehbuch dann aber von Szenen, bei denen sich die Frage stellt, ob das Wort Emanzipation im Wortschatz der Verantwortlichen irgendeine Rolle spielt: So hat zum Beispiel Hauptdarsteller Stefan Rudolf in seiner Rolle als junger Polizist direkt zu Beginn der ersten Folge nichts besseres zu tun, als beim Bewerbungsgespräch mit seiner neuen Chefin zu erklären: "Mein jetziger Chef hat übrigens auch nicht so schöne … Augen wie Sie." Eindeutige Blickrichtung inklusive. Und auch einer der Verdächtigen schlägt im Verhör unverblümt vor: "Frau Kommissar, wir könnten auch anders Zeit miteinander verbringen." Ein Klebezettel, der aus nicht erkennbaren Gründen am Gesäß der Ermittlerin klebt, gibt außerdem Anlass, eine kleine Diskussion über deren Hintern einzuflechten. Und schließlich, um das Maß voll zu machen, hat die Kommissarin dann auch noch eine Affäre mit dem verheirateten Staatsanwalt. Der verschafft ihr nach Belieben nachträgliche richterliche Anordnungen - nach einem Stelldichein in seinem Büro.

So sieht also Innovation im Zweiten aus. Und das alles, obwohl die Verantwortlichen bei der Präsentation der neuen Reihe in Hamburg mit sichtlichem Stolz verkündeten, mit der Krimireihe auf dem Sendeplatz etwas Neues auszuprobieren und die "letzte Domäne der Männer" zu besetzen. Allerdings, ein Zweifel bleibt: Ein "gewisses Wagnis" sei es dann doch, eine Frau auf den angestammten Platz der "alten Herren" zu lassen, fügte ZDF-Fiction-Chef Reinhold Elschot hinzu. Denn die Zuschauer seien nun mal an die männlichen Ermittler auf dem Sendeplatz gewöhnt. Angesichts dieser Einschätzung fragt Katharina Böhm nicht zu Unrecht, ob es nach 40 Jahren weiblicher Emanzipation nicht schade sei, die Frage nach dem Geschlecht so stark zu thematisieren.

Eine Chefin unter Chauvis

Der Begriff "Emanzipation" erscheint im Kontext eines Formats, bei dem die Kommissarin dauernd an ihrem Arbeitsplatz mit plumpen Anmachsprüchen konfrontiert wird, jedoch ohnehin reichlich fragwürdig. Das sieht Hauptdarstellerin Katharina Böhm jedoch völlig anders, die den Vorwurf mit einer Gegenfrage kontert: "Ist es der Wille der Emanzipation, nicht mehr Mann und Frau zu sein?" Genau das habe sie in der Vergangenheit am Fernsehen oft gestört: Dass nur noch "Schablonen" von Männern und Frauen gezeigt würden. Nachvollziehbar ist diese Argumentation nicht: Denn es wäre wohl kaum schablonenhaft, wenn die doch eigentlich so taffe Kommissarin Lanz von ihren männlichen Gegenübern auch in ihrer Rolle als Ordnungshüterin wahrgenommen und nicht auf ihr Äußeres reduziert würde.

Ärgerlich sind solche Szenen deswegen, weil sie eine zwar nicht überragende, aber recht unterhaltsame Freitagabend-Sendung nach dem Drehbuch von "Tatort"-Autor Orkun Ertener gründlich verderben. Denn die Fälle der Chefin bieten ansonsten einen netten Mix aus Krimihandlung und Privatem rund um Vera Lanz. Das Bindeglied zwischen Privatleben und Beruf ist dabei der mysteriöse Mord am Ehemann der Ermittlerin. Aufklärung verspricht Folge vier: Die sei am spannendsten, sagt Böhm. Als Gegenpol zur flippigen Ermittlerin fungiert Filmtochter Zoe: Die wohnt noch zu Hause, verbietet ihrer Mutter Fast Food und ist auch sonst sehr vernünftig. Daneben bietet die Krimireihe Zuschauern erstmals die Gelegenheit, sich selbst im Enträtseln zu versuchen: Auf der Website www.diechefin.zdf.de können Krimifans dem dunklen Kapitel im Leben der Kommissarin selbst auf die Spur kommen. Sechs neue Folgen sind bereits geplant und sollen im Juni gedreht werden. Wie es danach weiter geht, ist noch offen. Schön wäre es, wenn die Verantwortlichen dann nicht mehr den Griff in die Klischeekiste der 50er Jahre nötig hätten und sich stattdessen auf die Darstellung einer spannenden Krimihandlung konzentrieren würden. Bei der die "Chefin" dann auch wirklich die Chefin ist.

"Die Chefin" startet am Freitag, 24. Februar, um 20.15 Uhr, im ZDF.