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Öffentlich-rechtliches Quotendebakel: Was sich bei ARD und ZDF ändern muss

Debakel für die Öffentlich-Rechtlichen: Während RTL 2011 seinen Vorsprung ausbauen konnte, verloren ARD und ZDF trotz Gebührenmilliarden weiter Zuschauer. Fünf Weckrufe für die verschnarchten Riesen.

Von Carsten Heidböhmer

Die Jahresabrechnung legte die Misere gnadenlos offen: Die öffentlich-rechtlichen Programme haben massiv Zuschauer verloren. Im Jahresschnitt kam die ARD nur noch auf 12,4 Prozent, das ist ein Rückgang um 0,8 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Das ZDF erreichte lediglich 12,1 Prozent Zuschauer und verlor 0,6 Punkte auf 2010. Privatsender RTL konnte dagegen seine Markführerschaft um 0,5 Prozent steigern und kommt auf 14,1 Prozent.

Noch düsterer sind die Zahlen, wenn man die Gruppe der 14- bis 49-Jährigen Zuschauer betrachtet: Dort rangieren ARD und ZDF in der Publikumsgunst nur auf den Plätzen 5 und 6 - hinter RTL, ProSieben, Sat.1 und Vox. Hält dieser Trend an, spielen die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Zukunft keine Rolle mehr.

In diesem Jahr dürften die Zahlen zwar etwas besser werden - dank der Fußball-EM und der Olympischen Spiele -, dennoch sollten die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten dringend Maßnahmen ergreifen, um sich für die Zukunft fit zu machen.

1. Gebt dem Nachwuchs eine Chance

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land: Nirgends haben es junge Talente schwerer als in ARD und ZDF. Anstatt den eigenen Nachwuchs zu entwickeln, handelt das Erste nach dem Bayern-München-Prinzip: Der Sender verpflichtet gestandene Größen von anderen Sendern. Vom ZDF kommt Thomas Gottschalk, RTL leiht Günther Jauch aus, Sat.1 gibt den langjährigen Herz-Schmerz-Moderator Kai Pflaume ab. Junge Moderatoren wie Florian Weber haben das Nachsehen. Sogar bei Krimiserien siegt inzwischen Starappeal über Können, wie die Verpflichtung von Til Schweiger beim Hamburger "Tatort" zeigt. Das ZDF ist auch nicht viel besser: Interessante Köpfe wie Joko und Klaas oder Silke Super werden gleich in die digitalen Kanäle ZDFneo und ZDFKultur ausgegliedert.

Dabei schlummern genügend Schätze in den eigenen Reihen, sie müssen nur gehoben werden. Das ist leider viel zu selten der Fall, wie das Beispiel Sandra Rieß zeigt. Die beim Bayerischen Rundfunk beschäftigte Moderatorin wird neben Steven Gätjen die Castingshow "Unser Star für Baku" präsentieren. Entdeckt hat sie jedoch nicht ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber, sondern ein Beobachter von der privaten Konkurrenz: "Stefan Raab (...) hat mich nachts in der Wiederholung von on3-südwild im Bayerischen Fernsehen entdeckt und dem NDR vorgeschlagen", sagte die Moderatorin in einem Interview. Während die Privaten mutig neuen Gesichtern eine Chance geben, setzen ARD und ZDF lieber auf die sichere Nummer und zeigen altbewährte Moderatoren.

2. Mehr Raum für kreative Ideen

Als es noch überschaubare drei Programme gab, da waren die öffentlich-rechtlichen Sender Hort kluger Ideen und Innovationen. Vor 30 Jahren hatte der Moderator Frank Elstner eine unerhörte Idee: Man könnte doch eine Sendung machen, in der die Leute wetten, dass sie etwas Besonderes können, prominente Gäste halten dagegen. Das ZDF war so mutig, dieses verrückte Konzept auszuprobieren - es wurde die erfolgreichste und langlebigste Show im deutschen Fernsehen. Allzu viele interessante neue Shows sind seither in ARD und ZDF nicht mehr entstanden.

Ganz anders die Privaten. Man muss nicht alles mögen, um zuzugeben, dass die Musik im Showbereich eindeutig bei den Privaten spielt. Die Quizshow "Wer wird Millionär", die Castingshow wie "DSDS", Late Night Shows wie "Harald Schmidt" und das "Dschungelcamp" - fast jede Unterhaltungssendung, die in den vergangenen 20 Jahren für Furore sorgte, lief sie bei den Privatsendern. Und dann ist da noch Stefan Raab, der seit 1999 das Fernsehen quasi im Alleingang mit frischen Ideen versorgt: "TV Total", "Schlag den Raab", die "Wok-WM", der "Bundesvision Song Contest" - immer wieder entwickelte Raab tolle neue Konzepte - und ProSieben gewährte ihm den Raum, diese umzusetzen. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern wäre sein Elan von unzähligen Gremien und Bedenkenträgern schnell gebremst worden. Und kaum sucht Raab in Kooperation mit der ARD den deutschen Teilnehmer für den Eurovision Song Contest - gewinnt Deutschland nach 30 Jahren wieder den Wettbewerb. So geht Unterhaltung, die gut und erfolgreich ist.

Zwar gibt es bei ARD und ZDF immer wieder geniale Köpfe - viel zu selten kommen sie zur Entfaltung. Erinnert sich noch jemand an Friedrich Küppersbusch? Von 1993 bis 1997 moderierte er die Magazinsendungen "Zak" und später "Privatfernsehen". Solche Perlen sind selten geworden. Vereinzelt gibt es in den dritten Programmen spannende Ideen - doch es fehlt der Mut, diese Sendungen ins Erste rüberzuholen.

3. Zeigt mehr jugendaffine Serien ...

Vor ein paar Jahren hat die ARD es vorgemacht: Die von David Safier geschriebene Vorabendserie "Berlin, Berlin" begeisterte Zuschauer und Kritiker - und sahnte nationale wie internationale Preise ab. Auch "Türkisch für Anfänger" brachte dem Sender Ruhm und Ehre. Viel mehr gut gemachte Vorabendserien gab's für junge Zuschauer im vergangenen Jahrzehnt nicht. Autor Bora Dagtekin schrieb seine nächste Serie "Doctor's Diary" lieber für RTL.

Noch düsterer sieht es bei ausländischen Serien aus: RTL hat "Dr. House", ProSieben die "Desperate Housewives", Vox einige "CSI"-Ableger. Und die öffentlich-rechtlichen? Das ZDF hat die hochgelobte US-Serie "Mad Men" im Programm - und versenkt sie auf ZDFneo. Noch schlimmer die ARD: Mit "Taras Welten" hatte der Sender eine echte Perle in den Archiven schlummern - und zeigte die Serie nachts um 3 Uhr. Wen wundert es, wenn da die jungen Zuschauer ausbleiben?

4. ... und haltet durch, auch wenn die Quote nicht berauschend ist

Natürlich sind tolle Serien kein Garant für gute Quoten. "Mad Men" wäre im ZDF-Hauptprogramm sicher kein Quotenknüller. Aber eine solche Serie könnte dem Sender Renommee verschaffen. Wie das funktioniert, hat ProSieben vorgemacht: Trotz teilweise enttäuschender Zuschauerzahlen hält der Sender an der Comedy-Serie "Stromberg" fest - inzwischen läuft die fünfte Staffel. Überwiegend jüngere Zuschauer interessieren sich dafür, die Sprüche des Ekel-Chefs sind inzwischen Kult geworden. Das strahlt auch auf den Sender ab. Darsteller Christoph Maria Herbst ist ein Imageträger geworden - so bindet man ein junges Publikum an den Sender.

"Stromberg" läuft übrigens dienstagabends auf ProSieben. Auch die ARD strahlt an diesem Abend eine deutsche Produktion aus: Die Arztserie "In aller Freundschaft".

5. Lasst euch vom internationalen Markt inspirieren!

ARD und ZDF können nicht jeden Trend mitmachen, der bei den Privaten erfolgreich ist. Ein Format wie "DSDS" ist hier ebenso wenig denkbar wie das "Dschungelcamp". Aber wie sähe es mit "The Voice of Germany" aus? Die Show ist gut gemacht, genießt großes Zuschauerinteresse - und geht mit den Teilnehmern respektvoll um, wäre also mit dem Wertekanon der öffentlich-rechtlichen Anstalten absolut kompatibel. Den Erfolg fahren jetzt aber ProSieben und Sat.1 ein. Dabei haben die privaten Sender das Konzept nicht entwickelt - sie haben nur gut den internationalen Markt beobachtet und dann zugeschlagen. Warum gelingt das den gebührenfinanzierten Sendern nicht?

Fazit

Es schlummert insgesamt noch viel Potenzial bei ARD und ZDF. Das auszuschöpfen erfordert Mut, Zeit und den richtigen Riecher. Schnelle Erfolge darf niemand erwarten. Zunächst könnte es sogar einen Rückgang bei der Quote geben, denn der Zuschauer muss sich umgewöhnen. Doch langfristig wird sich der Mut zur Innovation für ARD und ZDF auszahlen. Was wäre auch die Alternative? Das schleichende Veraltern und Aussterben des Publikums. Das kann keiner wollen. Und so muss es nicht kommen. Die Öffentlich-Rechtlichen müssen nur endlich anfangen, sich für die Zukunft zu rüsten.