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Online-Petition gegen Online-Petitionen Nuhr keine Ironie


Schade. Die Online-Petition des Kabarettisten Dieter Nuhr gegen digitales Mobbing wie im Fall von Markus Lanz wurde nicht zugelassen. Noch besser wäre es, solchen Initiativen gelassener zu begegnen,
meint Tim Schulze.

In der Debatte über das Für und Wider einer Online-Petition gegen den ZDF-Moderator Markus Lanz hat es einen neuen Vorschlag gegeben, um die überhitzte Debatte abzukühlen. Der Kabarettist Dieter Nuhr hatte kurzerhand eine Online-Petition gegen derartige Online-Petitionen gestartet – er wollte dieser Internet-Mode also mit ihren eigenen Mittel den Garaus machen. Ein bisschen Ironie wäre in dem Mediengetöse keine schlechte Idee gewesen.

Leider wurde seine Initiative "Gegen digitales Mobbing, binäre Erregung und Onlineerregungswahn" von der Plattform "openPetition" gesperrt, weil sie nicht den "Nutzungsbedingungen" entsprochen habe. In seiner Begründung hatte der Kabarettist formuliert: "Ich möchte erreichen, dass ich zum König des Internets erklärt werde und dann bestimmen darf, wer sich äußern darf und wer nicht. Bitte unterstützen Sie mich!" Und weiter: Jeder könne sich "per Tastendruck als Revolutionär" fühlen. Das führe zur "Renaissance des Lynchsmobs." Bissiger Nonsens gepaart mit kritischen Worten wird hier offenbar nicht akzeptiert.

Schnappatmung in den Medien

Das ist schade. Schließlich sind Online-Petitionen schwer angesagt. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendjemand irgendeinen Aufruf gegen irgendetwas startet. Da gibt es die Initiative "Deutschlandweite Legalisierung von Marihuana unter staatlicher Kontrolle" (42.227 Unterschriften, Stand 26. Januar), "Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens" (176.152), "Gegenpetition zu: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regebbogens" (84.608) oder auch "Freiheit für die Kurve + mehr Stehplätze in der Allianz Arena" (17.777).

Eine sehr erfolgreiche Petition startete eine 54-jährige Betriebswirtin aus Leipzig. Über 213.000 Unterschriften hat ihr Internet-Aufruf mit dem umständlichen Namen "Markus Lanz raus aus meinem Rundfunkbeitrag!" gesammelt – eine beachtliche Zahl.

Die Dame hatte sich furchtbar darüber aufgeregt, dass ZDF-Moderator Markus Lanz in seiner Talkshow die Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht schroff befragt hatte. Und nicht nur sie – es herrschte Schnappatmung in den Medien wegen der Lanzschen Interviewtechnik.

Online-Petitionen überbewertet

Schnell wurde die Debatte über Lanz aber abgelöst durch eine hitzige Debatte über die Zulässigkeit von solchen Petitionen. Es bildeten sich zwei Fraktionen heraus. Die einen verteidigten die Petition als legitimes Mittel der freien Meinungsäußerung. Die anderen wetterten gegen die Hetze im digitalen Zeitalter, die es jedermann möglich mache, "Leute, deren Fressen man nicht mehr sehen will, ohne größeren Aufwand entfernen zu lassen", wie die "taz" schrieb. Es schwirrte einem der Kopf vor lauter Lanz- und Petitionsskussionen.

Da war der Aufruf von Nuhr ein Versuch, sich gegen den Empörungswahn zu wehren, der nicht nur in Deutschland grassiert. Dennoch wäre es noch hilfreicher, Online-Petitionen einfach Online-Petitionen sein zu lassen. Man sollte die Initiativen wie die gegen Lanz, die im Internet schnell und einfach Unterstützer finden, als freie Meinungsäußerung betrachten - auch wenn es manchmal schwer fällt.

Update:: Nuhr hat auf die Verbannung seiner Petition in den "Trollturm" reagiert und eine neue Petition online gestellt: "Für den Erhalt von Dieter Nuhrs Petition".


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