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Pannenflughafen BER Günther Jauch nimmt Platzeck in die Mangel


Günther Jauch wollte die "Flughafen-Versager" vorladen. Auf Klaus Wowereit wartete er vergeblich. Nur Matthias Platzeck kam. Neue Erkenntnisse? Fehlanzeige.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Verflixt und zugenäht, lässt sich die Sache nicht doch noch so drehen, dass man's vielleicht dem Christian Wulff in die Schuhe schieben könnte? Der hat doch dieses Gen, das fast alles, was er anfasst, eine Gerölllawine lostritt, danach wächst darunter kein Gras mehr. Die Bettina hat sich damals doch extra noch mit Abstand zu ihm aufgestellt, spätestens da wusste man doch, was Sache ist.

Na jut. Fest steht: Herr Wowereit bräuchte jetzt wirklich mal einen Plan B. Vielleicht ins TV-Dschungelcamp flüchten, Olivia Jones hat ihn schon mindestens einmal im Party-Hallo-Hallo dolle an ihre Fake-Brüste gedrückt, man kennt sich, man könnte zusammen in Kakerlaken baden, Känguruhoden essen, was ein Spaß! Wäre zumindest nicht so schlimm, wie zum Günther Jauch in die Sendung zu kommen und mal zu sagen: "Okay, Leute, da habe ich Mist gebaut."

Die Fakten - eine Blamage

Ja, Herr Wowereit, so sieht's nämlich aus, ein paar Leute hier in Deutschland warten immer noch, man müsste verdammt viel erklären zum Flughafenprojekt BER. Herr Jauch hätte Ihnen die Chance gegeben, netter Zug. Doch Sie haben abgesagt, und der Ramsauer auch, andere Verantwortliche stellten ihre Handys komplett ab, bloß nicht zum Jauch, und der sagte: "So was habe ich selten erlebt." Und nannte seine Sendung am Sonntagabend gleich mal so: "Die Flughafen-Versager - was kosten uns planlose Politiker?"

Die Fakten rund um Deutschlands Skandalbaustelle sind blamabel: Eröffnungstermin Nummer vier verschoben, Mehrkosten von mindestens 2,6 Milliarden, mangelhafte Brandschutzanlage, zu wenig Gepäckbänder, zig Fluchtwege führen zu Glaswänden, knapp 600 Bäume sind falsch gepflanzt, Lüftungsausgänge liegen nicht ordnungsgemäß, sogar die Rolltreppen sind zu kurz – kein Treppenwitz.

Kein Larifari, klare Ansagen

Sonst ist Jauch ja auch mal leidenschaftslos. Bei diesem Thema, man merkte es, verließ der Moderator sein emotionales Sibirien. Der verpatzte Flughafen, das regt auch ihn auf. Nicht mal ein Kabelbuch gäbe es, sagte er, nicht mal das, ja, was ist denn da los. Wenigstens, der – vorübergehende? – Aufsichtsratschef Matthias Platzeck war gekommen, hatte sich nicht im Dschungel versteckt, dafür gab's Applaus, und dann die Fragen in Staatsanwalt-Manier: Wer ist schuld? Wer haftet? Sind Sie eine Fehlbesetzung, Herr Platzeck? Droht ein Teilabriss? Wer hat Sie falsch informiert? Und immer wieder, weil er Jauch die Antwort schuldig blieb: Fühlen Sie sich von der Flughafengesellschaft getäuscht? Und bloß nicht mit Larifari daherkommen. Drohte doch der Moderator zwischendurch: "Sagen Sie nicht, wir müssen noch gucken, Sie haben jahrelang gucken können." Klare Ansage, bravo, Herr Jauch, genauso wollen wir Sie. Einfach raus damit und los, weg mit diesen albernen Moderationskarten.

"Das fliegt oder ich fliege"

Platzecks Statements in der Zusammenfassung: Die Sache sei komplex, einen Einzelnen könne man da nicht verantwortlich machen, er stehe zu seiner Mitverantwortung, er sei eben preußisch erzogen. Jawohl, entweder, so sagt er, "das fliegt, oder ich fliege", sein politisches Schicksal hänge vom Flughafen ab. Ja, es sei ein Desaster, also das mit dem Flughafen, es seien Dinge passiert, die sein Vorstellungsvermögen gesprengt hätten. Und ja, Politiker seien am Anfang von großen Projekten nicht ehrlich genug mit der Angabe der Kosten und der Dauer, stimmt schon, aber er brauche auch Unterstützung. Das Projekt brauche mehr Akzeptanz in der Region, man habe schließlich in Brandenburg viel geschafft, bitte sehr, jetzt werde eine neue Geschäftsführung gesucht, die habe es natürlich nicht leicht, einen neuen Eröffnungstermin zu nennen, das verbiete sich aus Gründen der Seriosität.

Juchtenkäfer oder Flughafen?

Den Konterpart übernahm vor allem Renate Künast. Obwohl Bundestagsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen war diesmal Schluss mit Mitleid gegenüber unschuldigen Mitgeschöpfen. Juchtenkäfer oder Flughafen, wollte Jauch wissen. Antwort Künast: "Ich sage entschlossen Ja zum Flughafen". Nur: Billig solle er sein. Und ein konzentrierter Neustart bitte. Bloß keinen aus der alten Truppe mitschleifen. Ihr liebste Spielart: der Konjunktiv. 6000 Lehrer hätte man bezahlen können, anstelle der Mehrkosten. Dazwischen Schadenfreude: "Ihr habt euch komplett veräppeln lassen." Und, haha, wie habt ihr denn bloß glauben können, so ein hoch kompliziertes Projekt kontrollieren zu können, mit vier Sitzungen im Jahr, haha, noch dazu habt ihr ja die Fachgebiete überhaupt nicht studiert. Mal zurückgefragt: Gehört denn Selbstüberschätzung nicht zum Geschäft?

Und so geht's, bitte nachmachen. Klaus Grewe, Diplomingenieur und Projektmanager des Londoner Olympiastadions und -dorfes, sagte, wie. Er ist, ohne jede Ironie, die Lichtgestalt, die man jetzt dringend bräuchte. Sein Olympia-Projekt wurde schneller und billiger realisiert als geplant. Aus den Kosten für die Risikovorsorge habe er, wie er berichtete, Milliarden Pfund zurückbezahlt. Die Risikosumme habe er im Vorhinein in das Gesamtbudget mit eingerechnet, ohnehin sei jeder einzelne der 14.000 notwendigen Vorgänge berechnet worden. Alle Maßnahmen, auch die Fehlschläge, seien im Internet einsehbar gewesen, völlige Transparenz. Sein Rat zu BER: "Ich rate ab von Hauruck". Schnelle Reaktionen würden nur noch mehr Geld kosten. Also runter vom Gas.


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