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"Wort zum Sonntag" "Ich könnte kotzen": Pastorin wird für deutliche Kritik an EU-Flüchtlingspolitik gefeiert

Wort zum Sonntag von Annette Behnken
Pastorin Annette Behnken hielt in der ARD das "Wort zum Sonntag" zur aktuellen Flüchtlingskrise auf Lesbos
© ARD
Pastorin Annette Behnken fand in ihrem "Wort zum Sonntag" klare Worte für das Verhalten der EU in der Flüchtlingskrise. Ihrer Kritik schließen sich viele an – auch solche, die mit der Kirche nichts anfangen können.

Das "Wort zum Sonntag" ist eine Institution im deutschen Fernsehen. Seit 1954 wird an jedem Samstagabend in der ARD eine kurze Ansprache eines Pfarrers, einer Pfarrerin oder eines Priesters ausgestrahlt. Meistens geht der religiöse Impuls aber ohne großen öffentlichen Widerhall über den Sender. Beim "Wort zum Sonntag", das die Pastorin Annette Behnken am Samstagabend hielt, war das anders.

Behnken befasste sich mit der Flüchtlingspolitik der Europäischen Union – und fand deutliche Worte für das Verhalten der europäischen Politiker angesichts des Leidens tausender Flüchtlinge an den Außengrenzen der EU. "Dürfen wir als Europäer unsere gemeinsamen Werte von Barmherzigkeit und der Hilfe für Schwache hier außen vor lassen?", fragte sie und gab eine klare Antwort: Europa müsse helfen. Für ihre klare Kante erhielt die Theologin daraufhin in den sozialen Netzwerken von vielen Zuschauern Zuspruch.

"Wort zum Sonntag" zur Flüchtlingskrise: "Wir verkaufen unsere Werte"

"An Europas Grenze zeigt sich die Grenze unserer Menschlichkeit", stellte Behnken in ihrer knapp vier Minuten langen Ansprache fest: "Wir verkaufen unsere grundlegenden Werte." Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, nämlich Menschen in Not zu Hilfe zu kommen, sei nicht mehr selbstverständlich. 

Seit der Grenzöffnung durch die Türkei versuchten tausende Menschen nach Griechenland zu gelangen. Sie leben unter teils unwürdigen Bedingungen auf der Insel Lesbos. Die griechischen Sicherheitskräfte gingen unter anderem mit Tränengas gegen die Flüchtlinge vor. "Angesichts dessen sollte sich jedem einzelnen Europäer und jeder Europäerin Tag und Nacht der Magen umdrehen", findet Annette Behnken.

Die Studienleiterin der Evangelischen Akademie Loccum in Niedersachsen erinnerte an das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der einen am Wegesrand liegenden Fremden versorgt, nachdem verschiedene Passanten ihn kaltherzig ignoriert haben. "Europa geht vorbei an seinen Flüchtlingen", so Behnken: "Die EU zahlt 700 Millionen Euro Soforthilfe – aber nicht etwa, um zu helfen, sondern um uns Menschen in Not vom Hals zu halten. Mit Verlaub: Ich könnte kotzen."

"Zum ersten Mal beeindruckt vom Wort zum Sonntag"

Auf Twitter teilten viele User den Link zur ARD-Sendung und pflichteten den Worten der Theologin bei – selbst solche, die sich mit der Kirche nach eigener Aussage sonst gar nicht identifizieren können. "Zum 1. Mal beeindruckt vom Wort zum Sonntag", gab Grünen-Politikerin Renate Künast zu. Ihr Parteifreund und Europapolitiker Sven Gigold schrieb: "Das krasseste Wort zum Sonntag seit langem." "Ich bin Atheist, aber was Pastorin Annette Behnke da sagt, gefällt mir sehr", twitterte jemand.

Behnken schloss ihr "Wort zum Sonntag" mit einem Zitat aus der Bergpredigt: "Selig sind die Barmherzigen." In der Nacht zum Montag einigte sich die Große Koalition darauf, im Rahmen einer europäischen Lösung besonders schutzbedürftige Kinder aus den griechischen Flüchtlingslagern aufzunehmen. Noch am Mittwoch hatte der Bundestag einen Antrag der Grünen, 5000 Flüchtlinge aufzunehmen, abgelehnt.

Quelle:"Wort zum Sonntag" von Annette Behnke


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