VG-Wort Pixel

Roland Kaiser im Tatort Lachen und Leichen: Der unaufhaltsame Trend zum Klamauk-Krimi?


Die klamaukigen Krimis aus Münster gehören zu den beliebtesten der "Tatort"-Reihe. Deutschland scheint auch sonst auf lustige Tätersuchen zu stehen. Lachen wir uns beim Krimigucken noch tot?

Nomen est omen: Wie nennen Fernsehmacher wohl einen Schlagerstar, den der bekannte Sänger Roland Kaiser im "Tatort" darstellt? Na? Richtig! Roman König. "Summ, summ, summ", der WDR-"Tatort" aus Münster ist an diesem Sonntag ein weiterer Höhepunkt in der Geschichte des beliebten Genres Krimikomödie.

"Mehr Komik als Logik - ich finde das langsam nur noch nervig", sagt François Werner, Betreiber der Fan-Seite "tatort-fundus.de". "Und mittlerweile ist dies auch eine immer stärker werdende Meinung", meint der "Tatort"-Experte. "Bei den Fans, von denen man ja meinen sollte, die verstünden Spaß - das ist meine Beobachtung - hört der Spaß beim Humor allerdings schnell auf. Kritisiert man etwas, wird man als "Spaßbremse" deklassiert und niedergemacht."

Dass der Münster-"Tatort" öfter überdrehten Slapstick liefert, scheint auch mancher zu empfinden, der dabei ist. Axel Prahl, der Darsteller von Hauptkommissar Frank Thiel, sagte jedenfalls kürzlich sibyllinisch der "Augsburger Allgemeinen": "Ach Gott, das rechte Maß zu finden ist eine Kunst, die niemand beherrscht. Dem einen ist es fast noch zu wenig Humor und den anderen ist es schon zu viel."

"Ich finde Humor wunderbar, gerade im Krimi"

Er selber messe die Storys an der Realität, sagte Prahl. "Wenn die Fälle zu abstrus werden, dann ist das nicht unbedingt mein Geschmack. Aber grundsätzlich finde ich viel schrägen, schwarzen Humor wunderbar, gerade im Krimi."

Bei ihrem Premium-Produkt "Tatort" setzte die ARD zuletzt öfter auf ernstere Stoffe und eine möglichst realistische Darstellung von Polizeiarbeit - man denke etwa an die neueren Teams in Frankfurt oder Dortmund.

Demgegenüber standen jedoch die schräge Experimentierlust beim Saarbrücker "Tatort" mit Devid Striesow (zweiter Fall am 7. April) und der erfolgreiche Hamburger Möchtegern-Bruce-Willis-Action-Versuch mit Til Schweiger, den mancher eher lächerlich statt lustig fand.

Gottschalk zieht über Schweiger-Tatort her

Thomas Gottschalk schrieb über Schweiger in seiner Feuilleton-Kolumne der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Mir wurde bei seinem ersten Einsatz auch zu viel geschossen, aber wenn im "Tatort" diese sorgendurchfurchten Kommissarinnen bei ihren sozialpädagogisch korrekten Ermittlungen sensible Dinge sagen wie "Lieben Dank, Ihnen", nervt mich das mehr als jede Ballerei."

Gutmenschen-Streifen oder Filme voller Behäbigkeit - das sind die klassischen Vorwürfe an deutsche Krimiserien. "Der Alte", "Derrick", aber auch viele "Tatort"- oder "Polizeiruf 110"-Filme der 70er bis 90er Jahre stachen als langatmig und witzlos hervor ("Wo waren Sie gestern zwischen 22 und 23 Uhr?").

Erst Jahrzehnte nach den Briten, die bereits ab den 60ern Formate wie "Mit Schirm, Charme und Melone" oder "Die Zwei" produzierten, haben Macher hierzulande den Humor für den Krimi entdeckt: zunächst zaghaft ("Adelheid und ihre Mörder", "Stubbe - Von Fall zu Fall") und dann immer schriller ("Der letzte Bulle", "Turbo und Tacho"). Inzwischen feiern Feuilletonisten und Fans einige Reihen geradezu euphorisch ("Mord mit Aussicht", "Der Tatortreiniger").

Etablierung des Genres "Regional- und Schmunzelkrimis"

Als besondere Spielart hat sich nach dem Erfolg des gutlaufenden "Tatorts" aus Münster (ab 2002 gut zwei Filme pro Jahr) das Genre des "Regional- und Schmunzelkrimis" etabliert - irgendwo zwischen Heimatfilm und Mörderlustspiel angesiedelt. Ein Meilenstein dieser Entwicklung sind wohl die im Herbst 2011 gestarteten "Heiter bis tödlich"-Krimis, die es aber auch nicht vermögen, den chronisch quotenschwachen ARD-Vorabend zu retten.

Die TV-Nation scheint Krimis mit Komik wohldosiert sehen zu wollen. Als Alltagsware werden sie weniger akzeptiert.

Gregor Tholl/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker