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RTL-Serie "Prison Break": Hauptsache überleben

Im Knastdrama "Prison Break" plant eine Gruppe von Häftlingen den Ausbruch aus einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis. Damit sich die Zuschauer schon mal daran gewöhnen, hat RTL hat den Auftakt der Erfolgsserie kostenlos ins Netz gestellt.

Von Peer Schader

"Sir, Sie haben eine halbe Million Dollar erbeutet. Denken Sie nicht, es wäre besser, wenn Sie..." - na ja, zum Beispiel: langsam mal abhauen würden? Meint jedenfalls die Kassiererin der Bank, die Michael Scofield gerade überfallen hat, während sie mit dem Kopf auf dem Schalter liegt und von ihrem Gegenüber mit einer Waffe bedroht wird. Aber Scofield denkt überhaupt nicht ans Abhauen, selbst als im Hintergrund die Sirenen der Polizei zu hören sind. Er sagt bloß: "Ich meine es ernst!" Das ist immerhin nicht gelogen.

Michael Scofield meint es sogar richtig ernst, als er sich verhaften lässt, vor Gericht ohne Umschweife ein volles Schuldgeständnis ablegt und sich anschließend im Fox River State-Gefängnis inhaftieren lässt. Genau da muss er nämlich hin - um möglichst bald wieder weg zu kommen, und zwar mit seinem Bruder, der als verurteilter Mörder dort einsitzt und noch sechs Wochen zu leben hat, bevor die Todesstrafe vollstreckt werden soll.

Es braucht eine Weile, bis man die Ausgangssituation der neuen RTL-Serie "Prison Break" verstanden hat, und das liegt vor allem daran, dass die sich viel Zeit nimmt, ihre Zuschauer im Dunkeln tappen zu lassen, bis das Versprechen aufgelöst wird, das Scofield seinem Bruder und dem Publikum geben werden: bei einem spektakulären Knastausbruch zusehen zu dürfen.

Da stimmt was nicht

Dabei ist Scofield eigentlich ein grundehrlicher Typ, der - so suggeriert es die Serie - bloß zu drastischen Mitteln greifen muss, um den Bruder zu retten, der womöglich zu Unrecht verurteilt wurde und seine Unschuld beteuert. Das ist schwer zu glauben, denn das Video aus einer Überwachungskamera zeigt eindeutig, wie Lincoln Burrows sich an sein Opfer heranschleicht und Schüsse abfeuert: ausgerechnet auf den Bruder der amerikanischen Vizepräsidentin, einen Gutmenschen, der jedem auf Anhieb sympathisch war. Und trotzdem stimmt da irgendwas nicht, ist gleich in der ersten Folge zu ahnen, als in einem Büro des Secret Service zwielichtige Agenten tuscheln und nachher ausschwärmen, um jeden zu verfolgen, der sich auf die Suche nach der Wahrheit macht.

Hinter den Knastmauern strickt Scofield derweil an seinem Ausbruchsplan. Wie es der Zufall so will, hat er vor Jahren an der Konstruktion der Strafanstalt mitgewirkt - und sich die Pläne nun einfach in einem kryptischen Muster versteckt auf den Oberkörper tätowieren lassen. Zuschauer, die bei Serien Wert auf plausible Grundkonstellationen legen, sollten "Prison Break" also besser nicht einschalten. Aber sie würden etwas verpassen.

Fragile Knast-Freundschaften

Denn der harte Knastalltag, in dem der Hauptprotagonist sich jede Minute neu behaupten muss, ist äußerst spannend und vielschichtig inszeniert. Feindschaften etablieren sich hier im Handumdrehen, aber wer Freunde und Verbündete gewinnen will, muss lange und hart dafür arbeiten. Genau darauf ist der Häftling angewiesen, denn zu zweit bricht es sich einfach so schlecht aus einem Hochsicherheitstrakt aus.

Also erzählt "Prison Break" über viele Folgen nicht nur die Geschichte der Planung für den Tag X, sondern auch die der Knastbrüder, die alle aus den unterschiedlichsten Gründen einsitzen und zwischen denen sich ein fragiler Zusammenhalt formt, von dem man jederzeit fürchten muss, dass er wieder bricht oder verraten wird. Niemandem kann man trauen. Nicht jedenfalls, wenn man keine Lust hat, ein Messer in den Rücken geschoben zu bekommen, sobald man sich mal für einen Moment umdreht.

In den USA gehört "Prison Break" zu den erfolgreichsten Serien der vergangenen Jahre, eine zweite Staffel ist bereits gelaufen, eine dritte in Vorbereitung - woraus man nicht schließen sollte, dass den Ausbrechern die Flucht nicht gelingen würde.

Düster und beklemmend

RTL zeigt die Folgen immer donnerstags ab 22.15 Uhr. Das ist eine gute Lösung, denn es gibt nunmal Serien, die man einfach nicht ansehen kann, wenn draußen die Sonne scheint. In den späten Abendstunden ist es aber genauso dämmrig wie den ganzen Tag über im Serienknast. Das liegt zum einen daran, dass in die schmalen Zellen kaum ein Lichtstrahl fällt, und zum anderen daran, dass es die Serienautoren so gewollt haben, um die beklemmende Situation der Protagonisten zu unterstreichen. Selbst das Gras im Knasthof schimmert noch bedenklich düster.

"Prison Break" ist ein starkes Stück Fernsehen mit einem schwierigen Auftakt. Aber spätestens nach der ersten Folge fragt man sich als Zuschauer gespannt: Wie um Himmels Willen soll dieser halsbrecherische Plan bloß gelingen - es ist ja nicht mal sicher, dass man als Häftling in dieser Strafanstalt mit all dem Hass der Inhaftierten, den skrupellosen Wächtern und dem irren Direktor den nächsten Tag überlebt. Das könnte ein spannender Sommer werden.

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