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Serienclub: Streitgespräch: Was Tinder mit entnervten Serienguckern zu tun hat - und warum Wikipedia helfen kann

Zwei Serienfans, zwei Meinungen: Die eine schaut Serien aus Pflichtbewusstsein bis zum Schluss, der andere bricht ab - und liest zur Not die Geschichte auf Wikipedia zu Ende. Ist das fair? Ein Streitgespräch.

Die Netflix-Serie "Bloodline" hat unsere Autorin erst nach drei Folgen überzeugt. Sie hätte aber auch so weitergeschaut.

 Die Netflix-Serie "Bloodline" hat unsere Autorin erst nach drei Folgen überzeugt. Sie hätte aber auch so weitergeschaut.

Carsten Heidböhmer: Vivian, sag mal, was guckst du eigentlich gerade? 

Vivian Alterauge: "Bloodline". Letzte Nacht habe ich mal wieder bis zwei Uhr weitergeschaut.

Carsten Heidböhmer: Respekt, da ist mir mein Schlaf wichtiger. Worum geht es überhaupt?
Vivian Alterauge: Ach, ein verworrener Thriller mit Familiensaga. Die Rayburns, ein älteres Ehepaar, betreiben ein Hotel an der Küste Floridas, drei der erwachsenen Kinder wohnen im selben Ort und gehen aus und ein. Nach außen Bilderbuchfamilie, doch dann offenbaren sich peu a peu die dunklen Seiten des Clans. Als der vierte, unliebsame Sohn wieder auftaucht. Erst war ich nicht so überzeugt. 

 Carsten Heidböhmer: Und jetzt schaust du sie trotzdem zu Ende?

 Vivian Alterauge: Nee, der Sog kam von ganz allein. Aber: Ja, irgendwie hab ich da so ein Pflichtbewusstsein, Serien immer komplett schauen zu müssen.

Carsten Heidböhmer: Nochmal zum Mitschreiben: Du guckst also aus Prinzip eine Serie, die du anfängst, auch zu Ende?

 Vivian Alterauge: Ja, ziemlich häufig. Um mit gutem Gewissen zu sagen: War mittelmäßig. Dafür selektiere ich vorab: Ich fange keine Serien an, von denen ich nicht sicher bin, dass  ich sie mögen könnte.

Carsten Heidböhmer: Und, zahlt sich diese Hartnäckigkeit für dich auch aus?

Vivian Alterauge: Naja. "Homeland" hat mich ab Staffel drei schon genervt. Aber ich bin und bleibe Fan von Carrie.

Carsten Heidböhmer: Die dritte Staffel "Homeland" war die letzte, die ich mich gezwungen habe, durchzugucken. Und dann endet sie mit einem unbefriedigenden Paukenschlag. Das kann es doch nicht sein. Seither gilt bei mir: Wenn mich die Serie nicht spätestens nach dem ersten Drittel der Staffel gepackt hat, fliegt sie raus.

 Vivian Alterauge: Aber willst du denn dann gar nicht wissen, wie es weitergeht?

Carsten Heidböhmer: Wenn’s mich interessiert, dann lese ich das eben auf Wikipedia oder Blogs nach.

Vivian Alterauge: Du tust was?

Carsten Heidböhmer: Naja. Wenn ich zumindest ein Verhältnis zu den Charakteren aufgebaut habe, aber keine Lust mehr habe auf die Serie, weiß ich so innerhalb von fünf Minuten, was passiert ist.

 Vivian Alterauge: Wahrscheinlich liegst du damit sogar im Trend. Ich hab' das Gefühl, dass schon so einige ihre erste Serieneuphorie verloren haben - und sehr harte Kritiker geworden sind. Der Markt ist ja auch riesig geworden.

 Carsten Heidböhmer: Ja, es ist irre viel geworden. Es gibt sehenswerte alte aber auch immer wieder neue Serien, aus allen möglichen Ländern. Außerdem haben fast alle Serien, die man anfängt, eine zweite, dritte, vierte Staffel. Da ist man dadurch schon zur Disziplin gezwungen. Vielleicht ist es auch einfach ein Auswuchs der Tinder-Gesellschaft: Was mir nicht gefällt, wisch ich gleich weg.

 Vivian Alterauge: Nicht so wie ich, die hartnäckig bleibt.

Carsten Heidböhmer: Viele müssen ja auch Bücher zu Ende lesen. Auch da hab ich meine eigene Herangehensweise.

 Vivian Alterauge: Lass mich raten: Wikipedia?

Carsten Heidböhmer: Haha, nein. Querlesen. Was man ja mit Serien auch machen kann: Einfach im Schnelldurchlauf gucken.

 Vivian Alterauge: Nicht ernsthaft.

Carsten Heidböhmer: Bei Amazon kann man zum Beispiel jeweils zehn Sekunden vorspulen. Und so kann man eine Dreiviertelstunden-Serie in zehn Minuten gucken.

Vivian Alterauge: Aber das macht doch keinen Spaß.

Carsten Heidböhmer: Doch, bei Szenen, die mir gefallen, kann ich ja verweilen. Und Serien, die ich richtig gut finde, schaue ich auch immer noch ohne Vorspulen.

 Vivian Alterauge: Das hat doch was mit notorischem Mitredenwollen zu tun bei dir, oder? Ich kann manchmal ja einfach nicht mitreden, weil meine Serientreue mich daran hindert, ganz viele Serien auf einmal anzusehen

 Carsten Heidböhmer: Ja klar, ein Bescheidwisserphänomen. Man kann ja auf Parties  heut durchkommen, wenn man zugibt, nie Thomas Mann gelesen zu haben. Aber mit "Breaking Bad" wird es schwieriger. Da sind Lücken die man schließen sollte. Zumindest mit Quersehen.

 Vivian Alterauge: Oder Wikipedia, ich verstehe so langsam. Wieder was gelernt für den Partytalk.

 Carsten Heidböhmer: Eine letzte Frage, sei ehrlich: Hast du echt noch nie eine Serie abgebrochen?

Vivian Alterauge: Nein. Die höchste Strafe ist, sie ein paar Monate dahinsiechen zu lassen. Das mach' ich gerade mit der vierten Staffel "Homeland". Aber ich schau' sie noch zu Ende. Ehrlich.

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