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Sido und Bushido: Der Sieg der Pöbelmaschinen

Derzeit vergeht kein Tag, ohne das die professionellen bösen Buben der deutschen Popmusik Bushido und Sido öffentlich auftreten. Während sie bei Konzerten den harten Rapper markieren, geben sie sich zahm zur besten TV-Primetime. Was steckt hinter dieser Schizophrenie?

Von Sophie Albers

Böse Buben auf allen Kanälen: Am Donnerstagabend beherrschten die Berliner Rapper Sido und Bushido das Fernsehprogramm. 20:15 Uhr: Bushido tritt neben Claudia Roth und Heiner Lauterbach in der ARD-Quizsendung "Wie deutsch bist du wirklich?" an. Sido ist zeitgleich bei der ProSieben-Castingshow "Popstars" als Juror zu sehen. Kurz vor Mitternacht trifft er auf N24 auch noch Michel Friedman. Damit haben die beiden alle Zielgruppen erreicht - vom Zahnspangen-tragenden Teenager bis zum Familienvater. Das Fernsehen wäscht die harten Kerle mit der dreckigen Sprache rein. Die PR-Rechnung ist aufgegangen. Denn diese Karriere aus dem Nichts ist auch eine Geschichte der Berechnung.

Gerade mal zwei Jahre ist es her, da hatte die Musikbranche keine Lust auf Bushido. Als der Berliner Rapper 2006 bei der Verleihung des Musikpreises Echo auf die Bühne schritt, war es plötzlich still im Saal. Die Kameras fingen im Publikum besorgte Blicke ein. Der Abend, an dem sich die deutsche Musikindustrie alljährlich selbst feiert, hatte mit Worten über die "deaggressivierende Wirkung" der Musik begonnen, und nun stand da dieser Typ mit dem dicken Tattoo am Hals, von dem Songs auf dem Index stehen, weil er darüber rappt, dass er dealt und alles "fickt", tötet, sprengt, was sich ihm in den Weg stellt - oder was auch nur zufällig am Rand steht.

Gerade mal ein Jahr später darf er bei der gleichen Veranstaltung auftreten. Es wird geklatscht und getrampelt, als er sich wieder Preise abholt. 2008 wird Mainstream-Komiker Oliver Pocher den Bühnenbösewicht geradezu liebevoll verulken. Das Showgeschäft hat die Arme weit geöffnet, in die Bushido sich schmiegt. Um sein Outlaw-Image zu retten, sagt er ins Mikrofon: "Wenn das hier eine Privatparty wäre, Ihr hättet mich nicht eingeladen." Oh doch, hätten sie, denn die Kantigkeit des Unterschichthelden gilt mittlerweile als schick - und lässt die Kassen klingeln.

Die Bösewichte, die wir verdienen

Gangsta-Rapper wie Bushido und Sido haben in kürzester Zeit unglaubliche Karrieren hingelegt. Vom Kleinkriminellen zum Superstar, weil es das Publikum so wollte, weil sie wiederum wissen, was das Publikum will. Eine ganze Gesellschaft scheint dankbar, dass es sie gibt. Für die Fans sind sie Helden und Provokationswerkzeug, für die Intellektuellen ein Sozialexperiment und für die Kritiker ein endlich mal klar definiertes Feindbild, an dem man sich abarbeiten kann. Sie selbst sehen sich als Geschäftsmänner.

Vor allem Bushido weiß auf der Klaviatur der öffentlichen Aufmerksamkeit zu spielen. Popularität erreiche man, indem man dafür sorgt, dass das Gegenüber sich immer gut fühlt, erklärt der gelernte Maler und Lackierer seinen Erfolg. Man müsse den Leuten geben, was sie erwarten. Das allein reicht natürlich nicht aus - das wissen wir spätestens seit Madonna. Der entscheidende Hebel ist der kontrollierte Erwartungsbruch. Oder können Sie sich etwas Rührenderes vorstellen als einen harten Kerl, der plötzlich ganz weich wird?

Alles Missverständnisse

Jeder, der Sido und Bushido einmal zum persönlichen Gespräch getroffen hat - und das auch schon vor dem Karriereschub -, wurde überrascht. Sowohl "Maskenmann" Sido als auch "Staatsfeind" Bushido zeigen sich als sympathische, freundliche, zuweilen charmante Gesprächspartner, die zuhören, Argumente austauschen und signalisieren, dass sie über das, was sie da tun, viel und lange nachdenken. Gewaltverherrlichung, Frauenfeindlichkeit, Homophobie? Alles Missverständnisse, alles nicht so gemeint. Da helfen auch keine Textbeispiele. Fast alles wird widerlegt oder einfach mit einem ironischen Lächeln weggewischt. Während auf der Bühne verbal Blut und Sperma spritzen, wird im Gespräch die weiche Seite zelebriert. Plötzlich erzählt der Staatsfeind von Spießerträumen, dass er doch nur in Ruhe seine Hecken schneiden wolle, während der Maskenmann den Spießertraum mit Langzeitfreundin offenbar sogar schon lebt. Das ist eine überaus erfolgreiche Schizophrenie.

Aber zurück zum vorläufigen Höhepunkt der gegenseitigen Anbiederung von Rapper und Publikum, dem Fernsehabend: Über "Wie deutsch bist du wirklich?" sind nicht viele Worte zu verlieren. Einziger Zweck der Sendung schien die Veralberung des Einbürgerungstests. Interessant ist jedoch, dass es Bushido, der sich hauptsächlich plakativ langweilte, als ganz normaler Showstar ins öffentlich-rechtliche Fernsehen geschafft hat. Das war keine Talkshow, die seine Erfahrungen als Ghetto-Experte thematisierte. Er war ein Promi wie andere auch, der sittsam gekleidet sein Gesicht in die Kamera hielt. Inhalt? Komplett irrelevant.

Auch Sidos bedröppeltes Gesicht, wenn er kleinen Mädchen sagen muss, dass sie leider doch keine Popstars sind, ist völlig unauffällig. Die vollmundigen Versprechungen, dass er der neue Dieter Bohlen sei, haben sich bisher nicht erfüllt, denn Sido ist nett, geradezu emphatisch, gibt sich als Pädagoge. Es scheint ihm wirklich nahe zu gehen, wenn eines der Casting-Opfer in Tränen ausbricht. Sein großer Auftritt sollte später kommen.

Rapper-Rührstück

Nämlich bei der Sendung "Friedman schaut hin". Es war wohl das ehrlichste Spektakel dieses abendlichen Rapper-Rührstücks, das es bisher zu sehen gab, gerade weil es das verlogenste war: Als Vertreter des Establishments trifft ein Brathähnchen-brauner Friedman einen blassen Jungen von der Straße, der es zu etwas gebracht hat. Er führt ihn vor, stellt die üblichen Fragen nach Gewalt und Ghetto, die die Diskussion von jeher beherrschen.

Zuweilen macht er sich gemein mit der Unterschicht, biedert sich an. "Ich nehme dich ernst, ich komme ohne Moral", betont Friedman mehrfach. Doch nur um Sido in den letzten Sekunden der Sendung zu verhöhnen, als er ihn in die Lounge eines Nobelhotels setzt und fragt, ob er denn klassische Musik möge. Egal, wie weit du kommst, hier wirst du nie hingehören, suggeriert Friedman. Und das muss sich ein Rapper, für den Drogen und Prostitution lyrischer Arbeitsalltag sind, von einem Mann sagen lassen, der vor fünf Jahren wegen einer Kokain- und Prostituiertenaffäre einen dramatischen Karriereeinbruch erlebte. Chapeau! Der Tabubruch sei spannend, sagt der Aggro-Talker Friedman, "ich bin rappiger als du". Die bösen Jungs haben gewonnen.