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Netflix-Serie: Starker Jäger und mächtige Zauberinnen – "The Witcher" spaltet die Zuschauer

Vor wenigen Tagen startete die Fantasy-Serie "The Witcher" auf Netflix. Die Fans sind hellauf begeistert, die Kritiker verachten das Spektakel. Wir erklären, woran das liegt.

Henry Cavill macht die Game-Figur des Geralt von Rivia lebendig und ist sehr viel sexier.

Henry Cavill macht die Game-Figur des Geralt von Rivia lebendig und ist sehr viel sexier.

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"The Witcher", das Drama um den Monsterjäger Geralt von Rivia, ist die beste Fantasy-Serie des Jahres – jedenfalls, wenn es nach den Fans geht. Sie gaben dem Epos nach dem Start auf der Independent Movie Data Base die Wertung von 9,1 – dieses Ergebnis erreichte vorher keine Netflix-Serie. Inzwischen wurde die Euphorie etwas gedämpft, die Serie liegt jetzt bei 8,8. Immer noch eine Top-Wertung.

Die acht Episoden umfassende Serie basiert auf einer Reihe von Romanen und Kurzgeschichten des polnischen Autors Andrzej Sapkowski.  Das Drehbuch zur TV-Serie stammt von Lauren Schmidt Hissrich, die unter anderem "The West Wing" und die Familienserie "Parenthood" geschrieben hat und ihr ist der Ausflug ins Action-Genre gut geglückt. Und das ist nicht selbstverständlich.

Das Spiel prägt die Erwartung

The Witcher wurde bereits in Comics und sehr erfolgreichen Videospielen adaptiert. Für die Macher eine Herausforderung. Der Stoff hatte bereits eine sehr große Fanbase, mit vielen Social-Media-Gruppen. Deren Herz galt es auch mit der Serie zu erobern. Das traurige Schicksal der letzten Staffel von "Game of Thrones" demonstrierte, welchen Schaden eine Serie nimmt, wenn der harte Kern der Fans enttäuscht wird. Sie zerrissen die letzten Folgen von GoT förmlich in der Luft. Anders als bei der Harry-Potter-Reihe und den Romanen von "Game of Thrones" standen die Macher des Witchers vor einer weiteren Herausforderung. Den Fans sind die Figuren nicht nur ans Herz gewachsen, durch das Spiel hatten alle Personen bereits ein Gesicht und eine Gestalt bekommen. Sie mussten für das TV neu interpretieren werden – ohne die Erwartungen zu enttäuschen.

Und dabei wurde alles richtig gemacht. Autor Andrzej Sapkowski lobte die Serie und vor allem Henry Cavill als Geralt von Rivia. Mit seinen beiden Perücken – einmal gekämmt und einmal verwuschelt - sieht Cavill aus, als wäre er direkt aus dem Spiel entstiegen. Kein Wunder, denn er ist selbst bekennender Fan des Games. "Ich lebe sowieso im Fantasy-Genre, das ist mein Hobby. Und für mich war es immer klar, dass diese Shows populär sind. Das war immer ein Ziel. Ich wollte solche Geschichten auf die Leinwand bringen, in einer Form, in einer Gestalt."

Ebenso gut besetzt sind die beiden zentralen weiblichen Helden. Die Zauberin Yennefer von Vengerberg, gespielt von Anya Chalotra und Freya Allan als Prinzessin Ciri.

Kein "Game of Thrones"

Die Kritiker konnten mit dem Werk weit weniger anfangen. Bei Rotten Tomatoes reichte es nur zu  58 Prozent. Judy Berman, vom "Time Magazine" schrieb, dass "eine große Fantasy-Show ... nicht allein von hohen Produktionsgeldern gedeihen kann". "Entertainment Weekly" nannte die Show einfach "schrecklich". Die "New York Times" wandte sich mit Grausen ab.


Woran das liegt? "The Witcher" bietet dem Feuilleton nichts und die Kritiker verstehen die Logik der Serie nicht. Vermutlich haben sie eine Art von "Game of Thrones" reloaded erwartet. Die Ähnlichkeit der Figuren mit den Spielen ist ihnen egal. Vermutlich kennen sie die Games nicht. Ratlos dürften sie vor den obligatorischen Zweikämpfen gestanden haben, ohne zu berücksichtigen, dass diese Duelle das Spiele-Universum des Witchers zum guten Teil definieren. Dass die Fans die einzelnen Einstellungen von Serie und Spiel direkt miteinander vergleichen könnten, und die TV-Version in diesen Gegenüberstellungen bestehen muss, kommt ihnen nicht in den Sinn. 

Dazu bietet "The Witcher" Sehgenüsse, die dem Edel-Kritiker zu profan sind. Der mächtige Oberkörper und die baumdicken Arme von Henry Cavill werden bei jeder Gelegenheit ins Bild gebracht. Möglichst nackt – im Bad, beim Schlafen, beim Sex – oder unzulänglich bekleidet im Kampf mit zerrissener Kleidung. "Eye Candy" in XXL – das bei jeder Szene weltweit zu einem wohligen Stöhnen der weiblichen Fans führt. Die Monsteraction wird von Frauen übrigens genau so gut bewertet wie von Männern. Auch die Frauenfiguren entsprechen nicht ganz dem Gender-Diskurs des Feuilleton von heute. Gewiss, sie sind nicht als schwache Hausweibchen anbelegt, aber auch sie stammen voll und ganz aus dem Action-Universum von Sapkowski. Sie sind mächtig, grausam und gewalttätig. Und während sie ihre Zaubersprüche murmeln oder Schwerter schwingen, sind sie in kostbare Kleider gehüllt, die die Taille einschnüren und die wogenden Brüste zur Geltung bringen.