VG-Wort Pixel

"Tatort"-Kritik Frankie-Boy und Mausebärchen


Nadeshda wird befördert, Boerne und Thiel müssen heiraten und der Mörder ist bei der Tat bereits tot. Mächtig was los in Münster. Gut, dass die Erfinder des beliebten Tandems wissen, was sie tun.
Von Ingo Scheel

Man kennt das ja in Münster: Mal geraten die Fälle zu klamaukig und begraben jegliche Krimi-Spannung unter einem Berg von Beef und Blödsinn. Dann wieder gerät die Chemie der Münsteraner Achse des Guten in den Hintergrund, verkommen die sonst gern doppelbödigen Ermittlungen zum Allerwelts-Tatort. In "Erkläre Chimäre" ist weder das eine noch das andere Fall, im Gegenteil, das Erklär-Stück gerät zur austarierten Charade zwischen klassischem Whodunnit? und Odd-Couple-Gebalge.

Dabei ist der Fall als solches schon so von hinten durch die Brust ins Auge, Verzeihung, in den Hals, dass von der ersten Sekunde an unbedingte Konzentration angesagt ist. Nichtzuletzt auch deshalb, weil es den guten Thiel (Axel Prahl) beinah selbst erwischt. Nach einer durchzechten Nacht – Nadeshdas Beförderung zur Kommissarin galt es zu feiern - gibt es bei Nachbar Boerne (Jan Josef Liefers) noch einen Mitternachtsschmaus. Als Thiel der Happen im Halse stecken bleibt, muss der angeschiggerte Pathologe zum lebensrettenden Luftröhrenschnitt ansetzen – der Auftakt zu einer Schnitzeljagd um Schampus und Crystal Meth, brasilianische Loverboys und alternde Seebären, cholerische Weinhändler und jede Menge Fachtermini von Bolus* über Nervus Vagus** bis zur titelgebenden Chimäre***.

Von wettergegerbt bis ätherisch

Als wäre das alles nicht schon unübersichtliche an der Grenze zur Groteske, treten Boerne und Thiel für den angereisten Onkel aus USA auch noch in den Stand der Schein-Ehe. Die Ringe notdürftig über die Wurschtfinger gewurschtelt, mühsam das "Du" gegen das "Sie" getauscht, mutieren die beiden zu Frankie-Boy und Mausebärchen und man fragt sich, warum da nicht schon längst jemand drauf gekommen ist. Gefühlt sind die beiden doch eh seit langem miteinander vermählt, in guten wie in schlechten Zeiten.

Homo-Ehe also nicht nur zwischen Irland und Grönland, sondern auch im telemedialen Münster ein Thema. Dass das Ganze dabei vornehmlich durchs Seichte fährt und die Chance zum gesellschaftlichen Ausrufezeichen links liegen gelassen wird - sei es drum. Das hier ist Münster, nicht Frankfurt oder Dortmund, eben gute alte Klamaukschule im Geiste von Ernst H. Hilbich und Kurt Schmidtchen, wenig angetan zum Setzen soziokultureller Akzente.

Brummbären und düstere Doktoren

Dass dieser Fall voller Haken und Ösen, Wortspielchen und Witzen dabei nicht aus der Bahn gerät, ist den Schöpfern des dynamischen Duos höchstpersönlich zu verdanken. Anno 2001 hatten die Autoren Stefan Cantz und Jan Hinter die Reihe mit "Der dunkle Fleck" aus der Taufe gehoben, "Erkläre Chimäre" nun ist der zehnte Fall aus ihrer Feder und zum runden Jubiläum feuern sie aus allen Rohren. Die Sprüche sitzen, das Timing ist punktgenau, selbst die krudesten Plotwendungen tragen das Geschehen nicht vollends aus der Kurve.

Ein weiterer Grund ist auch der formidable Cast, der sich mit Leidenschaft reinkniet: Christian Kohlund als wettergegerbter Fahrensmann mit Brummbären-Stimme überzeugt ebenso wie Sunnyi Melles, die ihren gewohnt ätherischen Gestus mit subtiler Ironie würzt. Und Matthias Redlhammer als mörderischem Doc möchte man ganz sicher nicht bei der Visite begegnen. Kurzum: Boerne und Thiels Scheinehe mag auf eher tönernen Füßen stehen, Crime und Comedy sind diesmal jedoch äußerst harmonisch miteinander vermählt.

* Klumpen
** Der größte Nerv des Parasympathikus, an der Regulation der Tätigkeit fast aller inneren Organe beteiligt.
*** Ein Organismus, der aus genetisch unterschiedlichen Zellen bzw. Geweben aufgebaut ist


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker