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"Tatort"-Kritik: Alles hübsch in Reih und Glied

Bei ihrem elften Einsatz musste das Stuttgarter Ermittler-Duo Lannert und Bootz den Mord an einem Umweltaktivisten aufklären. Die ARD zeigte diesen soliden Krimi von 2012 in der Wiederholung.

Von Henrietta Reese

Ein junger Mann klettert in einer nebeligen Nacht an einer Hauswand hoch. Als ihn Schüsse aus einem Luftgewehr treffen, stürzt er ab. Er stirbt an inneren Blutungen. Schnell treffen die Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) auf die erste heiße Spur, denn der ermordete Lukas war ein Ökoaktivist und Anhänger der Formierung Ecopirates, einer Untergrund-Guerilla-Gruppe, die Umweltsünder mit großflächigen Plakataktionen anprangert. Kurz vor seinem Tod hatte Lukas online die nächste Enthüllung angekündigt.

Bei der Autopsie des Toten stoßen die Ermittler auf eine weitere Spur: Der junge Mann war stark mit Schwermetallen belastet und wäre infolgedessen in naher Zukunft verstorben. Bei Nachforschungen im Studentenwohnheim findet sich mit Lukas' Freund Timo (Philip Quest) schnell ein zweiter Ecopirat, doch er schafft es, vor den Kommissaren zu fliehen und bleibt zunächst unauffindbar.

"Er wäre ja sowieso gestorben"

Lukas' Freundin Melli, engagierte Chemikerin, wusste zwar von den Öko-Einsätzen, hielt sich aber ansonsten aus dem Projekt heraus. Nur ein paar Proben hat sie manchmal für die Jungs untersucht. So sollte es auch mit einer vergifteten Erdprobe geschehen, die jedoch spurlos verschwunden ist. Hat der Großunternehmer Johannes Riether etwas damit zu tun? Immerhin sollte er bei der nächsten Aktion als "Klimakiller des Monats" angeprangert werden.

Und dann taucht noch die hübsche Blondine Saraswati auf, eine esoterische Indien-Liebhaberin, die nicht nur den Kommissaren die Zukunft aus der Hand liest, sondern auch die Ecopirates mit 50.000 Euro unterstützt hat. Ihr Engagement ist ehrenwert, doch zweifelhaft. Der Eigennutz wird umso deutlicher, als sich die verschollene Erdprobe und das Luftgewehr, mit dem auf Lukas geschossen wurde, bei ihr gefunden werden. Offensichtlich überführt, gesteht sie den Mord, kann sich eine letzte spöttisch-pragmatische Aussage nicht verkneifen: "Er wäre ja sowieso gestorben."

Von souverän bis träge

Lannert und Bootz ermitteln souverän unaufgeregt, über längere Strecken hinweg allerdings träge. Die Beweise fallen ihnen wie zufällig in den Schoß. Zwar geht es zu Einsatzzwecken auch mal raus in die nächtliche Kälte oder zu einer kleinen Hetzjagd durchs Studentenwohnheim, doch im Großen und Ganzen bleiben die Ermittlungen ganz entspannt.

Für die kurz vor Dreh erkrankte Carolina Vera springt Schauspielkollegin Natalia Wörner als Staatsanwältin Henrike Habermas ein. Eine gute Wahl - sie überzeugt mit trockenem Charme und einem ausgeprägt schwäbischen Dialekt, den die Schauspielerin als gebürtige Stuttgarterin überzeugend rüberbringt.

Schauspielerisch nennenswert ist noch Philip Quest ("SOKO Köln", "Der letzte Bulle") in der Rolle des verängstigten und ebenfalls Schwermetall verseuchten Timos. Überzeugend gibt er den Umweltschützer, der mit der Welle der ausgelösten Ereignisse nicht umgehen kann.

Guter Wille ohne Spannungskurve

In "Tote Erde" haben alle Protagonisten ein ehrenwertes Ziel, greifen bei der Umsetzung aber zu fragwürdigen bis hin zu illegalen Mitteln. Dass sich die Figuren dabei gegenseitig in die Quere kommen, hat zwar etwas Tragisches, macht aber den Reiz an diesem "Tatort" aus, der sonst zu einem einseitigen Umweltdrama mit tadelnden Moralaposteln werden würde. Regisseur Thomas Freudner setzt authentisch und schnörkellos die Stuttgarter Kommissare in Szene - alles bleibt hübsch in Reih und Glied, wobei ein paar Ausschläge nicht geschadet hätten, denn insgesamt ist die Handlung lahm. Viel zu früh muss der Zuschauer erkennen, dass heute nicht mehr viel passiert.


Die "Tatort"-Folge "Tote Erde" wurde erstmals am 21.10. 2012 ausgestrahlt.