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"Tatort"-Kritik: Das Genie hinter Gittern

Kommissar Ehrlicher schleicht als eingebildeter Kranker durch Weimars Schlossgärten und Künstlerateliers. Mit Bildern voll impressionistischer Kraft war der Leipziger "Tatort" von erhabener Schönheit, zugleich aber behäbig und schwer verdaulich.

Von Kathrin Buchner

Problem-Tatort Leipzig: Gerade hat Peter Sodann, der Darsteller des Hauptkommissars Bruno Ehrlicher, nicht ganz freiwillig seinen Rücktritt angekündigt. Die Folge "Schlaflos in Weimar" hat rein gar nichts mit der fast gleichnamigen Hollywood-Komödie "Schlaflos in Seattle" gemein, sondern spielt auf den Gemütszustand von Ehrlicher an. Der darf sich nämlich ausgiebig seinen psychosomatischen Zipperlein am Herzen hingeben und nach positiv bestandenem Belastungstest als eingebildeter Kranker à la Molìere durch Weimars Kunstwelt schleichen. Das passt zu diesem feinsinnigen Krimi im schöngeistigen Milieu Sachsens und Thüringens, in dem mit Goethe, Schiller, der Anna-Amalia-Bibliothek und der Leipziger Schule ein Rundumschlag in Sachen bildungsbürgerlicher Bollwerke unternommen wird.

Die Geschichte nimmt ihren Ausgang allerdings an einem Ort, der so fern der schönen Künste ist wie das Nordkap von Hawaii: in den klinisch-weiß gehaltenen Mauern eines Gefängnisses. Wegen eines Raubüberfalls sitzt der scheue Michael Köster (Niels Bruno Schmidt) in der Leipziger Anstalt seine Strafe ab. Er vertreibt sich die Zeit in der Kunsttherapie von Professor Henze (Christoph Waltz überzeugend als eitler Kunstbeau) und wünscht sich für seinen Freigang den Besuch eines Museums - ein fataler Ausflug: Einem der beiden Vollzugsbeamten, die ihn begleiten, wird im Fahrstuhl mit einer zerbrochenen Flasche die Kehle durchgeschlitzt. Über und über mit Blut beschmiert und mit dem Flaschenhals in der Hand flüchtet Köster.

Schlaflose Nächte für Ehrlicher

Der vermeintliche Täter flüchtet nach Weimar, wo seine Ex-Freundin lebt. Die Spur führt ins Kunstmilieu, und so ermitteln die beiden Hauptkommissare abwechseln zwischen Leinwänden, Farbtöpfen und Gitterstäben. Hauptkommissar Kain (Bernd Michael Lade) verliebt sich diesmal nur ein bisschen - in die Gefängnispsychologin. Dafür leidet Ehrlicher umso härter. Er studiert EKGs, sinniert mit dem Arzt über die Qualen des Älterwerdens, verbringt schlaflose Nächte in Hotelbetten und jammert sich bei einer schönen Dame an der Theke aus.

Mordmotiv: Ehrgeiz und Ruhm

Doch so unmotiviert einem diese Abschweifungen vorkommen mögen und so zäh sie die Geschichte machen, letztendlich fügt sich jede noch so zufällige Begegnung an der Hotelbar als Schlüsselelement in dieses feinteilige Puzzle ein. Einzelne Enden der Handlungsfäden werden am Ende geschickt ineinander verwoben und zeichnen ein fein gepinseltes Gemälde für ein durchaus ungewöhnliches Mordmotiv: Weder aus Habgier, Leidenschaft oder Eifersucht wird getötet, hier geht um die Wahrung des schönen Scheins, um Ehrgeiz und Ruhm. Denn das eigentliche Genie ist nicht der Kunstprofessor, sondern es sitzt hinter Gittern.

Goethes Sommerhaus und ostdeutsche Rapsfelder

Für seinen Tatort kreiert Regisseur Uwe Janson impressionistische Bilder wie sie Monet nicht besser malen hätte können: die Rapsfelder Ostdeutschlands in strahlendem Gelb unter knallblauem Himmel, historische Gemäuer im Morgengrauen während Sonnenstrahlen den Frühnebel lichten, und Goethes Sommerhaus inmitten sattgrüner Gärten und Rosenrabatten stehen in starkem Kontrast zu den klinisch-weißen Wänden des Gefängnisses. Die Ermittler überbieten sich mit dem Aufsagen von Goethe- und Schiller-Zitaten, der Kunstprofessor darf ordentlich über die derzeit hoch im Kurs stehende Leipziger Schule lästern. Und das alles ist mit intellektuell-versponnener Klaviermusik unterlegt.

Und so hält sich dieser Leipziger Kunstthriller auch in der Inszenierung an seine Thematik - wie es eben so ist mit klassischer Kunst, sei es ein Goethe-Drama oder eine Bach-Kantate: Die Dinge entwickeln sich anders als sie am Anfang scheinen, die wirkliche Wirklichkeit ist zäh und nur mit Behäbigkeit zu finden, aber wer bis zum Ende durchgehalten hat, fühlt sich angenehm bereichert.