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"Tatort"-Kritik: Die ermordeten Nutten von damals

Die Kommissare Batic und Leitmeyer tauchen tief in das Münchener Rotlichtmilieu der 60er Jahre ein. In der "Tatort"-Folge "Der oide Depp" muss das Ermittlerduo die Morde an zwei Prostituierten aufdecken. Ein bayerischer Krimi in Kinoqualität rund um Sex, Leidenschaft, Macht und fatale Triebe.

Von Kathrin Buchner

Welche Schauspielerin sie denn besonders gut fände, fragt der Roy die Gertrude vom Bodensee. "Gina Lollobridgida" lautet die Antwort in breitem Schwäbisch. So wird für kurze Zeit aus Gertrude die heiße Perle Gina aus dem Animierclub "Katz und Maus" - bis sie einem Sexualdelikt zum Opfer fällt.

Es ist ein spezieller Geist, den dieser "Tatort" wiedererweckt: das Schickimicki-München der 60er und 70er Jahre, ein bisschen Kir Royal, eine Prise Uschi Obermaier, ein Hauch Dolce Vita. Highlife mit Bodenständigkeit. Die kleinen Leute auf der einen Seite - die Unschuld vom Lande, die Streifenpolizisten -, auf der anderen Seite der skrupellose Unterweltkönig und der korrupte ehemalige Polizeipräsident.

Und doch ist nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Genau das macht diesen "Tatort" so herausragend, in dem Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) ins Münchner Rotlichtmilieu von vor 40 Jahren eintauchen. Ein schickes, scharfes Stilett ist der Auslöser, das sich im Magnum von Robert Esslinger (Jörg Hube) genannt "Roy" und bekannt als Pornokönig, ehemaliger Besitzer etlicher Animierclubs, Puffs und Eros-Centern, befindet. Nach Jahren im kalifornischen Exil weilt Roy mal wieder an der Isar, parkt seinen teuren Sportwagen im Halteverbot, und beim Abschleppdienst findet man gleich mal die Waffe eines ungeklärten Mords an der Prostituierten Gertrude "Gina" Echsner (Muriel Roth) von 1965 in seinem Handschuhfach.

Ein Amigo der schlimmsten Sorte

Dieser Roy ist ein durch und durch unsympathischer Typ, ein Amigo der schlimmsten Sorte, selbstgefällig, korrupt, machtbesessen, der mit sadistischer Freude beobachtet, wie sein Dobermann Kommissar Leitmeyer attackiert. Ein idealer Mordverdächtiger also.

Doch so einfach ist die Geschichte nicht gestrickt. Der alternde Pornokönig hat es mit einem würdigen Gegenspieler zu tun, der ihn in Katz-und-Maus-Manier zur Strecke bringen will. In diesem Spiel sind die Kommissare Ermittlungsmarionetten. Leitmayr und Batic stöbern in alten Akten, befragen Zeugen von damals, wühlen in der Asservatenkammer in Beweisstücken und entdecken die korrupten Verwickungen der Polizei mit dem Rotlichtmilieu unter dem damaligen Polizeipräsidenten.

Ein "oider Depp" als eigentlicher Strippenzieher

Als Assistent bekommen sie den grantigen, alten Kriminalbeamten Sirsch (Fred Stillkrauth), "Opi" Sirsch, wie er selbst sich verniedlichend bezeichnet. Emails nennt Opi Sirsch "Emils", Computer kann er sowieso nicht bedienen und als Unterbrechung der Dauerentspannung im Dienst trinkt er gerne mal ein Bier.

Als Leitmayr und Batic erfahren, dass der vermeintlich "oide Depp" (alter Depp) Opi Sirsch nur alkoholfreies Bier konsumiert und während seiner Dienstzeit in den neuen Bundesländern als Computerfachmann galt, schwant ihnen, wer der eigentliche Strippenzieher im Hintergrund ist. Doch auch Opi Sirsch hat sich verkalkuliert und muss am Ende die traurige Wahrheit hinnehmen, dass sein ehemaliger Freund und Kumpel ihm die Liebe seines Lebens sowie deren beste Freundin genommen hat.

Mit saftiger Sprache ("freiwillig ins Glas reinwichst"), authentischer Dialektfärbung und der perfekten Montage von nostalgisch angehauchten Schwarz-Weiß-Bildern aus den 60er Jahren in die Ermittlung der Gegenwart hat Regisseur Michael Gutmann diesem "Tatort" eine umwerfende Kraft und Bildsprache verliehen. Es ist die zeitlose Geschichte um Liebe, Sex, Leidenschaft, Macht und unterdrückte Triebe - eine klassische Tragödie mit großartigen Schauspielern und einem mitreißendem Drehbuch, die genauso gut auf der Kinoleinwand stattfinden könnte.