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"Tatort"-Kritik: Die Rachegöttin vom Weinberg

Gepanschter Rebsaft und ein toter Weinkontrolleur: "Bittere Trauben" sollte wohl ein lukullischer Hochgenuss mit Wein, Weib und Gesang werden. "Tatort"-Kommissar Kappl macht den Serien-Casanova, Konstantin Wecker hat einen lahmen Gastauftritt - das Drama plätschert zwischen Musikantenstadl und Denver Clan dahin.

Von Kathrin Buchner

Blasmusik, Schunkeln, Akkordsaufen: Als "Tatort"-Kommissar hat man es nicht leicht. Musste Franz Kappl (Maximilian Brückner) im letzten Saarbrücken-Krimi schon in die Tiefen des Bergwerks eintauchen, darf er diesmal die Tuba auf dem Dorffest blasen und lernt, wo der Bartl den Most holt, er bekommt also Nachhilfe im Weinanbau. Das alles nur, weil ein Weinkontrolleur irgendwo im Saarland erschossen wurde. Investigative Recherche erfordert bisweilen unkonventionelle Wege - da wacht man schon mal mit Kopfschmerzen im Bett der Weinkönigin auf.

"Bittere Trauben" ist eine Provinzposse zwischen Musikantenstadl und Denver Clan oder Dallas. Statt um Öl geht's um Wein. Und Regisseur Hannu Salonen fährt ordentlich auf: Liebe und Hass, Eifersucht und Rachgier, Neid und Intrigen zwischen saftgrünen Rebstöcken.

Ins Visier der Ermittler geraten drei verfeindete Winzerfamilien, die auf verschlungene Art und Weise miteinander verbändelt sind, sich heimlich lieben und offen bekriegen. Da ist Richard Altpeter (Thomas Saarbacher), Typ Richard Gere mit Vollbart, Frauenverführer und ehrgeiziger Emporkömmling. Durch die Hochzeit mit Winzertochter Marlies (Patrizia Moresco) ist der einstige Habenichts an einen Weinberg gekommen. Sein Rebsaft reift in Eichenfässern im alten Kellergewölbe. Sonne und Saft seien die einzigen Zutaten seiner preisgekrönten Kreationen, damit brüstet er sich gerne. Nur schade, dass die erboste Weinkönigin aus Rache für den Tod ihrer Freundin Wasserstoffperoxid in Altpeters Sonnensaft panscht. Damit ist der gesamte Wein verschwefelt und Altpeter vor dem Ruin.

Gegenspieler von Altpeter ist Bürgermeister Alwin Eckes (Timo Dierkes). Ein cholerischer Witwer, der Altpeter gerne vom Thron des Winzerverbandes stürzen würde. Er füllt Wein aus Plastikfässern in Flaschen mit Schraubverschluss - Hauptsache-billig-Mentalität gegen Genussfähigkeit. Leider ist auch Eckes' Wein verpanscht, da sein liebeskranker Sohn nach dem Unfalltod seiner Freundin versehentlich Essig in die gärenden Trauben gemischt hat.

Biest à la Joan Collins schwingt sich auf zur Rachegöttin

Dann ist da noch Isabel Weickert (Katharina Müller-Elmau), eine echtes Biest à la Joan Collins. Von Altpeter wurde sie zugunsten der besseren Partie verschmäht. Also angelte sie sich den Weingroßhändler Jean-Paul Weickert (Marco Lorenzini), ein weinerlicher Typ mit Dackelblick, der ihr treu ergeben ist. Zu dumm auch, dass sich dann ihre Tochter ausgerechnet in ihren Ex-Lover verliebt hat und sich mit dem Auto zu Tode fährt, nachdem der Rebsaft-Romantiker mit ihr Schluss gemacht hat. Weickert schwingt sich zur Rachegöttin auf.

An bacchantischem Lustspiel vorbeigeschrammt

Es hätte ein wahrhaft bacchantisches Lustspiel werden können. Die üppige Optik war zumindest da: saftig-grüne Rebstöcke, malerische Weingüter, gewaltige Fässer in Gewölben mit Spinnweben überzogen - ein Werbefilm für das kleine Saarland. Die Themen ebenfalls, spannend wäre es gewesen, noch genauer zu wissen, wie Winzer um Marktanteile und Auszeichnungen kämpfen, wie hart die Positionierung zwischen Aldi und Bio, zwischen Volksgeschmack und Feinschmecker ist.

Doch leider geht Regisseur Salonen zu schnell der Saft in diesem Drama aus, er schwelgt zu sehr in Privatheit und Pathos. Seine Schauspieler spulen Floskeln "wir waren doch mal Freundinnen" ab, agieren hölzern und vermitteln weder Spielfreude noch Dynamik. Die Bösen sind nicht diabolisch genug. Phlegma, Tränen und Transusigkeit statt Wein, Weib und Gesang. Bernheim ist eben nicht Dallas.

Konstantin Wecker als Weinleiche

Und die Kommissare Kappl und Stefan Deininger (Gregor Weber) trotteln wie dilettantische Schussel durch die Ermittlungen. Sie bewegen sich in Slowmotion, ihre Kombinierfähigkeit scheint durch zuviel Wein betäubt. Noch dazu degradiert Konstantin Wecker in seinem Gastauftritt als Kappls Vater den Polizeichef auch noch zum "Burli". Nachdem sich Wecker ausgerechnet mit der trutschigen Assistentin Frau Braun (Alice Hoffmann) im Polizeipräsidium ordentlich einen hinter die Binde kippen, taugte er dann als Weinleiche in der Ausnüchterungszelle lediglich zur Lachnummer.