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"Tatort"-Kritik: Liebe und Mord in Berlin

Die vollmundige Ankündigung, die Kommissare Ritter und Stark würden sich durch die Großstadtsingleszene treiben, sorgte für beste Quoten. Zu Recht, schließlich war "Liebe macht blind" mit wenigen Abstrichen unterhaltsam und tiefgründig.

Von Kathrin Buchner

Speed-Dating und Büroliebe - im Berliner "Tatort" prallen zwei unterschiedliche Welten aufeinander: die professionelle geführte Partnersuche in Form von Speed-Dating-Events, wo eine romantisch entspannte Atmosphäre vorgegaukelt wird, und die sachlich-kühle Welt einer Anwaltskanzlei, in der unter der glatten Business-Oberfläche starke Gefühle brodeln. Eins haben beide gemeinsam: Die Kunden werden dezent, seriös und exklusiv behandelt. Eine Kunst, die Dr. Erik Mohr nicht gut genug beherrschte, schließlich wird der Anwalt brutal in seiner Wohnung erschlagen, ein Verbrechen aus Leidenschaft, wie wir am Ende erfahren werden.

Hochgeschwindigkeitskennenlerntreffen"

Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg, den das Berliner Ermittlerduo Till Ritter (Dominic Raake) und Felix Stark (Boris Aljinovic) von Blind-Date-Kneipen über Tagungsräume für Speed-Dating oder "Hochgeschwindigkeitskennenlerntreffen", wie Kommissar Weber in breitem Berlinerisch so schön anmerkt, in Autowerkstätten, schicke Kanzleien und auf Golfplätze führen wird. Von der Driving-Range mitten in der Stadt fängt die Kamera den Blick auf Hochhäuser und davor liegende Grünflächen ein, ein Blick, der an Manhattan und den Central Park erinnert und die vage Assoziationen an "Sex and the City" oder "Ally McBeal" hervorruft.

Amüsant und temporeich geht die Suche nach dem Mörder voran. Ein Verdächtiger nach dem anderen wird dem Zuschauer präsentiert, Handlungsstränge werden zusammen und wieder auseinander geführt. Im Gegensatz zu vielen anderen Tatorten, in denen das Privatleben der Ermittler mittlerweile eine allzu dominierende Rolle einnimmt, ist bei den Berliner Kommissaren eine angenehme Balance zu spüren. Es menschelt, wenn Stark die Verdächtige attraktiv findet, wenn der coole Ritter unverhofft selbst in eine Blind Date stolpert und zugibt, "mal in einer Frauenzeitschrift beim Zahnarzt" was über Speed-Dating gelesen zu haben. Aber die privaten Geschichten werden niemals überspannt, die Ermittler bleiben trotzdem souverän und konzentriert auf den Job, was die 8,66 Millionen Zuschauer, die diese "Tatort"-Folge sahen, offensichtlich zu schätzen wussten.

Starke Hauptdarstellerinnen

Es gibt etliche Textplattitüden, "zu jedem Mord gehört ein Motiv" oder "sie weiß doch gar nicht, was Liebe ist", und überflüssige Nebenplots. Tiefe verleihen dieser Berliner "Tatort"-Folge vor allem die beiden hauptverdächtigen Frauen. Die Boutiquenverkäuferin Kirsten Ziller (Elena Uhlig), die auf dem Anrufbeantworter des toten Anwalts den Spruch "du miese Ratte, ich mach dich fertig" hinterlässt und impulsiv ihre Gefühle nach außen trägt. Trotzdem sucht sie beim Speed-Dating nicht die große Liebe, sondern einen wohlhabenden Mann, der ihr zu einem eigenen Laden verhilft. Dann ist da noch die kühle, blonde, so berechend scheinende Anwältin Nina Emmerich (Aglaia Szyszkowitz). Die zahlreichen Affären ihres Ex-Freundes und Anwaltskollegen lassen sie nach außen hin kalt. Sie geht nach der Todesnachricht sofort wieder ins Büro - "Arbeit ist die beste Medizin" - und lässt Sprüche wie "so ein Gefühl wie Liebe leiste ich mir schon lange nicht mehr" ab. Eine der bewegendsten Szene des Films ist, wie Emmerich Videoszenen aus glücklichen Zeiten mit dem Anwaltsfreund ansieht, sich, trotz Schwangerschaft, mit Johnnie Walker tröstet - ein Röntgenblick auf das Innenleben dieser perfekten Karrierefrau.

Der unscheinbare Täter mordet aus echter Leidenschaft

Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Die enttäuschte Affäre mordet nicht aus Rache, der Bruder der enttäuschten Ex-Geliebten mordet nicht, um die Ehre der Schwester wiederherzustellen. Für ihn reicht sogar ein an der Tankstelle gekaufter Müsliriegel als Entlastung, so banal ist es manchmal. Nicht mal die offensichtliche Geldgier des Kanzlei-Kompagnons, der Einnahmen an der Steuer vorbeimanövriert, reicht als Motiv. Am Ende kommt der wirkliche Täter wie Kai aus der Kiste, ein Wolf im Schafspelz, der den Mohr ausdienen ließ. Es war echte Leidenschaft, die den unscheinbaren Rechtsreferenten zu dieser Tat bewegte. Aus Liebe zu der kühlen Anwalt in einer liebesarmen Gesellschaft, für die er wiederum nicht mehr als ein "Ausrutscher" gewesen ist.