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"Tatort"-Kritik: Misslungenes Solo für Król

Abschiede tun weh. Das muss Kommissar Frank Steier am eigenen Leib erfahren. Seine Kollegin Conny Mey ist weg. Ein Verlust. Auch für die "Tatort"- Zuschauer.

Von Volker Königkrämer

Kommissar Steier ist ein Wrack. Einsam und frustriert hockt er auf einem Barhocker - der Blick glasig, das Gesicht voller Bartstoppel - und kippt konzentriert einen Wodka nach dem anderen in sich hinein. Nicht zum ersten Mal, wie es aussieht.

Früher hatte seine Kollegin Conny Mey (Nina Kunzendorf) noch auf ihn aufgepasst, doch seit ihrem Abschied häufen sich bei Steier (Joachim Król) die Abstürze. Nach der Zechtour findet sich der Kommissar am Morgen auf einer Parkbank wieder und wird dort Zeuge eines Mordes. Ein Jogger wird erstochen, Steiers Versuche, den Mörder zu stellen, enden in einem Debakel.

Abschied auf Raten

So weit die Versuchsanordnung zu Beginn der "Tatort"-Episode "Der Eskimo". Ein Fall, bei dem man schon einen Tick genauer hinschaut als sonst. Schließlich war dem Hessischen Rundfunk mit dem Ermittler-Duo Król/Kunzendorf ein absoluter Glücksgriff gelungen. Fünf Folgen lang begeisterten die beiden Top-Schauspieler Zuschauer und Kritiker.

Dann verkündete Nina Kunzendorf überraschend ihren Ausstieg. Nicht nur für den Sender, sondern offenbar auch für ihren Partner ein Verlust. Zwar war mit Margarita Broich zügig ein adäquater Ersatz gefunden, dennoch nahm auch Król seinen Hut. "Der Eskimo" ist die erste von zwei Folgen, in denen sein Kommissar Steier solo auf Mörderjagd gehen muss.

Ein Abschied auf Raten also - und leider, leider kein allzu gelungener. Dazu ist die Story, die Autor Hendrik Handloegten gemeinsam mit Regisseur Achim von Borries, entwickelt haben, zu krude und überfrachtet. Der ermordete Jogger im Park, so stellt sich heraus, war ein Lehrer-Kollege von Steiers Ex-Frau (Jenny Schily). Das Zusammentreffen mit ihr ist schmerzhaft für Steier, weil die ihm bei dieser Gelegenheit gesteht, dass sie mit ihrem jüngeren Geliebten Lars (Volker Bruch) zusammenlebt.

Zu viel von allem

Eifersüchtig beschattet Steier den neuen Mann im Leben seiner ehemaligen Frau und entdeckt, dass dieser ein Doppelleben führt, sich als Toy-Boy mit alleinstehenden Frauen trifft und Kontakte ins Frankfurter Rotlicht-Milieu hat.

Doch damit nicht genug: Ein zweiter Mann wird tot aufgefunden. Er baumelt in einem Sack von einer Mainbrücke und wurde ebenfalls erstochen. Wie es scheint, hängen die beiden Todesfälle zusammen.

Jede Menge Zeug für einen einzigen "Tatort" - und noch längst nicht alles. Später werden unter anderem noch die US-Army, verdrängte Homosexualität, die Schriftsteller Franz Kafka und Mishima Yukio sowie Manfred Mann's Earth Band dazukommen. Es braucht schon viel Konzentration und guten Willen beim Zuschauer, um zu begreifen, wie diese vielen losen Enden beim reichlich überinszenierten Finale zusammenhängen.

Verdammt, da fehlt was!

Und doch ist da immer auch das Gefühl: "Verdammt, da fehlt doch was!" Zwar bekommt Steier in Form der Kommissarsanwärterin Linda Dräger (Alwara Höfels) eine neue Kollegin an seine Seite. Das gegenseitige Beschnuppern hat auch durchaus seine Momente ("Was machen Sie hier eigentlich? Ein Schülerpraktikum?" - "Kotzen Sie sich nicht manchmal selber an?"). Aber all das kann Conny Mey eben nicht nicht ersetzen. Da ist keine Augenhöhe. Keine Reibung. Króls Steier fehlt die Projektionsfläche, dem Film die Momente, wo der frustrierte Griesgram den Schwanz einzieht - weil Meys Dreistigkeit und Tussencharme ihn wieder mal verblüfft haben.

Vieles ist einfach unrund an diesem "Tatort", so als ob die Ungewissheit über die Zukunft der Figuren auf den Film abgefärbt hätte. Ausgerechnet jetzt, wo es ans Finale geht, erfährt man so viel über Steiers Privatleben wie in den fünf Folgen zuvor nicht. Plötzlich ist da eine Ex-Frau. Plötzlich ist da Verletzbarkeit. Eifersucht. Aber will der Zuschauer das alles wirklich wissen? Eher nicht.

Wenn eines versöhnlich ist an dieser eher enttäuschenden "Tatort"-Episode: Man weiß jetzt, dass Steier ohne Mey nicht funktioniert. "Nina fehlt mir", hatte Joachim Król zur Begründung seines Ausstiegs gesagt. Nach Teil eins seines Abschieds muss man sagen: dem Zuschauer auch.