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"Tatort"-Kritik: Nicht Lachs, nicht Döner

Anlässlich der Festlichkeiten zum Spektakel "Ruhr.2010" ermitteln die Kölner "Tatort"-Kommissare in Essen. Während Ballauf und Schenk in der Folge "Klassentreffen" Mörder jagen, gerät die Identität der Stadt ins Wanken. Kulturhauptstadt oder Kohlenpott?

Von Kathrin Buchner

Als Schimi in Duisburg ermittelte, war der Pott noch ein stinkender Moloch, die Schlote qualmten, es stank nach Ruß und überall war dicke Luft. Die Malocher versackten am Feierabend in schmierigen Eckkneipen, sie spülten den Staub in ihren Kehlen mit Bier runter.

Im Jubeljahr 2010, in dem sich das gesamte Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt präsentiert, hätten die "Tatort"-Macher die Chance gehabt, den Pott aus einer anderen Perspektive zu zeigen - mittenrein zu gehen in die Welt der Museen, Opernhäuser und Theater. Es hätte sich angeboten, die Story im einschlägigen Milieu anzusiedeln, unter größenwahnsinnigen Schauspielern, durchgeknallten Komponisten oder missgünstigen Regisseuren. Stattdessen liefert man uns einen Allerweltskrimi, indem sich die Kulturhauptstadt auf den Schauplatz eines wirtschaftskriminellen Komplotts reduziert.

Dauerwerbesendung für Kulturhauptstadt-Spektakel

Ins Fadenkreuz der Ermittlungen gerät der Organisator des Kulturhauptstadt-Events, der öffentliche Gelder unterschlagen hat und ermordet wird. Die Kamera illustriert die Mördersuche mit Prospekt-Bildern von der Zeche Zollverein, während die Assistentin des Mordopfers die PR-Trommel für "Ruhr.2010" rührt. So etwas nennt man in der Fernsehbranche Productplacement. Der Blick auf Essen bleibt an der Oberfläche, aus der Perspektive von "Tatort"-Regisseur Kaspar Heidelbach präsentiert sich die Stadt als Museum.

Als Ort der Erinnerung, an den der aus Essen stammende Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) zurückkehrt, um seine ehemaligen Schulkameraden zu treffen: jede Menge Leidensgenossen, die, wie er, in der Lebenskrise stecken. Da ist der Makler, der Torschlusspanik verspürt, die geschiedene Blondine, die an Einsamkeit leidet, und die Hausfrau, die auf ihre Karriere verzichtet hat. Unter ihnen Katja, Ballaufs Jugendliebe, gespielt von Karoline Eichhorn. Eine Figur, die zwischen Selbstbehauptung und Verzicht um ihr Lebensglück ringt und der man gerne mehr Prominenz in der Geschichte eingeräumt hätte.

Schauspieler verkommen zu Statisten

Leider musste sie sich die Aufmerksamkeit der Zuschauer mit diversen Nebencharakteren teilen, die schablonenhaft skizziert werden: die ausgebuffte Assistentin, die frustrierte Karrierefrau, der rumänische Auftragskiller. Doch sie bleiben nur Statisten, Drehbuchautor Jürgen Werner verknüpft zu viele Handlungsstränge miteinander. Sex, Rache, Geldgier - das ganze Repertoire menschlicher Triebe wird als Mordmotiv ausgeschlachtet.

Am Ende, nach ihrem Ausflug nach Essen, stehen Ballauf und Freddy Schenk (Dietmar Bär) wieder an ihrer Currywurstbude am Rhein, und Köln fühlt sich an wie der Pott. Fehlt eigentlich nur noch Schimi.