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"Tatort"-Kritik: Schießerei im Schweinestall

Grundstücksspekulation und ruinierte Biobauern: Der Frankfurter "Tatort"-Kommissar Fritz Dellwo hat Stress und flüchtet aufs Land zu seiner Jugendliebe. Die sitzt auf einem Haufen Schulden. Dann wird auch noch ihr Mann erschossen - und Dellwo macht den Schimi.

Von Kathrin Buchner

Gleichberechtigung beim hessischen "Tatort": Hatte in der letzten Folge Kommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) ihren Solotrip, muss sie jetzt zur Fortbildung, sodass Kollege Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) im Alleingang ermittelt. Wo es sonst im Frankfurter "Tatort" um vernachlässigte Kinder und zerrüttete Familien geht, darf der Kommissar in "Neuland" Raubein spielen: In einer archaischen Männerwelt zwischen Traktor und Tresen prügelt er sich in der Dorfkneipe und jagt schießwütige Bauern im Alleingang.

Denn Dellwo ist ausgebrannt und fährt spontan aufs Land. Es ist eine Flucht in die Vergangenheit: 70er-Rock im Autoradio, vorbei an Kornfeldern geht es auf den Bauernhof seiner Jugendliebe Katrin (Nina Kunzendorf) und zu seinem Patenkind, dem 14-jährigen Jakob. Doch von wegen Landidylle zwischen freilaufenden Hühnern und Ferkeln - Katrin und ihr Mann Jens (Martin Feifel) haben sich für ihren Biobauernhof tief verschuldet, ihre Ehe steckt in der Krise, zwischen Katrin und Dellwo dagegen prickelt es immer noch.

Dellwo prügelt sich in Schimi-Manier durchs Land

Doch für Romantik lässt sich der Großstadtbulle keine Zeit. Er fischt das Auto eines verschwundenen Grundstücksspekulanten aus dem Baggersee und steckt erst mal den Filius des Spargelgroßbauers Plauer, ein allmächtiger Provinzfürst, hinter Gittern. Der Sohn hat mit dem verschwundenen Spekulanten dubiose Geschäfte gemacht. Bald bekommt Dellwo seine erste Leiche: Katrins Mann wird erschossen, nachdem dieser in der Wohnung des Spekulanten eingebrochen war und Unterlagen durchwühlt hatte.

Wir sehen einen trotzigen Dellwo, der in Schimanski-Manier auf eigene Faust - wortwörtlich - ermittelt, sich gegen Unterstützung des Landeskriminalamts wehrt und kurzzeitige Deckung vom wie immer lammfrommen Leiter der Frankfurter Mordkommission Rudi Fromm (Peter Lerchbaumer) bekommt. Unter Dellwos Kommando entwickelt sich sogar der trottelige Dorfpolizist zum akribischen Zusammenpuzzeler zerschredderter Beweisstücke.

Bauern am Rande des Wahnsinns

Wir sehen eine verzweifelte Biobäuerin, die auf das "Scheißzertifikat aus Brüssel" wartet und bereits eine Viertelmillion Euro in den Hof versenkt hat. Und wir sehen einen Ex-Druckereibesitzer, der nach dem Tod seines Vaters die Mutter auf dem Hof durchbringt, keine Frau findet, mit einer Flinte im Schweinestall auf Dellwo zielt und den Grundstücksspekulanten an seine Schweine verfüttert hat.

Dass das Bauerdasein mit Landidylle wenig gemein hat, ist uns sogar in der RTL-Castingshow "Bauer sucht Frau" klar geworden. Und dass auf dem Land immer noch derjenige das Sagen hat, der die Klappe am weitesten aufreißt, die meisten Schnäpse kippen kann und in schönster Cowboy-Manier Testosteron versprüht, ist auch nichts Neues. Außer ein paar markigen Sprüchen wie "ich bring auch nen Scheck, der deckt besser als jeder eurer Bullen" bietet "Neuland" wenig Erbauliches.

Zwar ist der Krimi solide und spannend gestrickt, nimmt Anleihen aus Roadmovies und Spaghetti-Western, hat sehr gute Darsteller wie Devid Striesow als prolliger Provinzprinz und Matthias Habich als selbstgefälliger Spargelkönig, die nicht platt in Gut- oder Böse-Schubladen geschoben werden, und lässt uns ein Stückchen mehr in die Psyche von Dellwo einsteigen. Mag sein, dass dies für die weitere Charakterentwicklung des Ermittlerduos Dellwo/Sänger entscheidenden Einfluss hat. Aber ansonsten fehlt ein bisschen der innovative Pfiff - "Neuland" wird seinem Titel schlichtweg nicht gerecht.