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"Tatort"-Kritik: Schuld und Sühne

Zum zehnjährigen Jubiläum muss Kommissar Borowski sein ganzes Können aufbieten, um den Schuldigen zu fassen - doch gibt es den überhaupt? Eine Frage, die den Zuschauer nachhaltig beschäftigt.

Von Dominik Brück

Kommissar Borowski (Axel Milberg) stellt Sabrina Dobisch (Lavinia Wilson) zur Rede

Kommissar Borowski (Axel Milberg) stellt Sabrina Dobisch (Lavinia Wilson) zur Rede

Am Ende wandert jemand für etwas ins Gefängnis, das er gar nicht getan hat. Das ist ungewöhnlich für einen "Tatort" - macht den neuesten Fall des Kieler Kommissars Klaus Borowski (Axel Milberg) aber so gut. Die Handlung bewegt sich abseits des üblichen Krimi-Schemas "Polizei jagt Verbrecher, Polizei schnappt Verbrecher". Bis zum Ende ist der Zuschauer sich unsicher, wer der Schuldige sein soll oder ob es überhaupt einen Schuldigen gibt. "Der Feind eines Mörders ist das Detail, das unbedachte Wort. Der unscheinbare Fehler, der alles zunichte macht", erklärt Borowski einigen Studenten gleich zu Beginn. Gleichzeitig fragt er: "Warum morden wir nicht? Steckt das Böse nicht auch in uns?" - eine Frage, die den Zuschauer die ganze Folge über beschäftigen wird.

Tödliche Kettenreaktion

Der Tod ist bei Borowskis neuem Fall keine Folge niederer Motive. Keine Gier, keine Eifersucht treiben die Menschen dazu, andere zu töten. Es ist vielmehr eine fast zufällig erscheinende Kettenreaktion, die Sabrina Dobisch, gespielt von einer großartigen Lavinia Wilson, zur Mörderin macht. Dabei empfindet man für sie eher Mitleid als Verachtung. Dobisch ist einsam, fühlt sich nicht geliebt und nicht beachtet. Bei dem Versuch, Aufmerksamkeit zu bekommen, verursacht sie einen tödlichen Verkehrsunfall. Doch statt ihre Schuld einzugestehen, flüchtet sie sich in ein Lügenkonstrukt, das sie in den Mittelpunkt ihrer eigenen Fantasiewelt rückt. Sie beschuldigt eine Frau des Mordes, wird als Heldin gefeiert und schleicht sich sogar als angebliche Geliebte des Unfallopfers in das Haus der Eltern ein.

Um ihre eigene Welt zu schützen, tötet sie - ein Mord, den Borowski nie aufklären kann. Stattdessen geht Dobisch für den Tod eines Mannes ins Gefängnis, der zwar ein Resultat ihrer Maskerade, aber kein Mord, sondern Selbstmord ist. Ist sie nun schuldig oder unschuldig? Ist ihre Strafe am Ende gerecht? Oder hat sie doch das Mitleid der Zuschauer verdient? Fragen, mit denen man sich auch nach dem "Tatort" noch eine Zeit lang beschäftigt.

Borowski lügt

"Borowski und der Engel" ist ein würdiger Fall für das zehnjährige Jubiläum von Ermittler Borowski. Der altgediente Kommissar bleibt sich auch nach einer Dekade weiter treu. "Ich Lüge nicht", erklärt er seiner Partnerin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) - anders als die engelsgleiche Sabrina Dobisch. Stattdessen verfolgt er seinen Fall mit der gewohnten Hartnäckigkeit und Gründlichkeit. Das Verwirrspiel der jungen Mörderin bringt ihn jedoch an seine Grenzen.

Für den Zuschauer entsteht hier eine unglaublich große Spannung: Soll der Ermittler Dobisch überführen oder hat sie es am Ende nicht sogar verdient, trotz ihrer Lügen glücklich zu werden? Dass Sabrina Dobisch schließlich für eine Tat, die sie nicht begangen hat, ins Gefängnis geht, erreicht Borowski nur, indem er sie mit einer Lüge hinters Licht führt. Auch der Kommissar muss also seine Prinzipien verraten, um seinen Fall abzuschließen - ob das Ergebnis am Ende gerecht ist, muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.

Auf die nächsten zehn Jahre

Es sind gerade die offenen Fragen, das Schwanken des Zuschauers zwischen Mitleid und Ablehnung für Dobisch, die den "Tatort" aus Kiel absolut sehenswert machen. Auch wenn die Handlung lange undurchsichtig ist, entsteht kaum ein Moment, in dem man nicht dranbleiben möchte, um zu erfahren, wie es weiter geht. Der einzige Wermutstropfen ist, dass Sarah Brandt überwiegend im Hintergrund agiert und kaum auf Augenhöhe mit Borowski ermittelt. Das durch die verheimlichte Epilepsie von Brandt angeknackste Verhältnis der beiden scheint sich jedoch wieder zu verbessern. In der nächsten Folge dürfte sie daher wieder eine größere Rolle spielen.

Mit einer gut inszenierten Handlung, einem gewohnt hartnäckigen Borowski und einer herrlich ambivalenten Mörderin gehört dieser "Tatort" auf jeden Fall zu den Besten aus 2013. So kann es auch gerne die nächsten zehn Jahre weitergehen.