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"Tatort"-TV-Kritik Das Schreien der Lämmer


"Tatort"-Experiment, Teil zwei: Die Kommissarteams aus Leipzig und Köln haben weiter zusammen ermittelt. Und diesmal kommt ein anständiger Thriller heraus.
Von Niels Kruse

In letzter Zeit scheinen die Leipziger "Tatort"-Macher zunehmend ein Faible für die Darstellung der Perversion im Alltäglichen zu entwickeln: Zu Beginn des Ostermontag-Krimis schwenkt die Kamera nonchalant über Friseurutensilien, leichte Musik erklingt, im Stuhl sitzt ein junges Mädchen, dem die Haare gewaschen werden. Es ist Anna Römer, die bereits im "Tatort" vom Ostersonntag eine zentrale Rolle spielte. Sie ist gefesselt, ihr Gesicht zerfließt vor Angst und Erniedrigung, während ihr Peiniger in aller Seelenruhe ihren Schopf pflegt.

Später wird er Anna zart die Handgelenke eincremen, um die Wunden zu lindern, die die Bettfesseln in der jungen Haut hinterlassen haben. Mit seinem Nicht-von-dieser-Welt-Gehabe erinnert der Mann an den Irren aus das "Schweigen der Lämmer", der seinem Opfer Hautcreme ins Verlies wirft und zornig darauf besteht, dass "es sich jetzt den Rücken mit der Lotion eincremt". Es wird nicht die einzige Anspielung auf den Hollywood-Blockbuster bleiben, die Regisseur Thomas Jauch und Drehbuchschreiber Jürgen Werner in die Fortsetzung vom Sonntags-"Tatort" eingebaut haben, der nun in Köln spielt, inklusive der dortigen Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär).

Fingerabdrücke führen zum Schrottplatz

Auch vom Jack the Ripper haben sich die beiden Macher inspirieren lassen: Kurz nach dem Fund der toten Sarah im Rhein fischt die Polizei vier weitere Leichen aus dem Fluss - allesamt Mädchen und allesamt bereits als Prostituierte aufgefallen. Ballauf und Schenk sind sich sicher: Der oder die Täter vergreifen sich an jungen Bordsteinschwalben, deren Verschwinden ohnehin niemanden kümmert. Darauf hatte auch einst der echte Killer aus dem Londoner East End vertraut. Nur leider passt das Profil der in Leipzig ausgerissenen Anna Römer nicht ins Bild, deren Fingerabdrücke in einem entsorgten Auto gefunden wurde.

Dass der Wagen überhaupt ins Visier der Polizei geraten ist, verdanken die Ermittler dem alles entscheidenden Fehler des Schrottplatzmitarbeiters David Schmelzer (grandios prollig gespielt von Josef Heynert). Weil er zudem bereits wegen Vergewaltigung verurteilt wurde, gibt er natürlich den perfekten Verdächtigen ab. Und tatsächlich: Schmelzer steckt ziemlich tief drin im Fall. Nur anders, als die Kommissare denken. Den Abschluss der Ermittlungen wird er aber nicht mehr mitbekommen - der Helfershelfer liegt später tot in der Badewanne.

Alte Fälle geben entscheidende Hinweise

Währenddessen verwirbelt die Handlung von "Ihr Kinderlein kommet" zunehmend alte und neue Fällen. Plötzlich werden Ballauf und Schenk mit ihrer Vergangenheit konfrontiert: Wenige Jahre zuvor hatten sie dafür gesorgt, dass der damalige Werber und jetzige Ein-Euro-Jobber Thomas Röpke (Thomas Arnold) wegen des Verschwindens seiner Tochter in U-Haft landete. Ihre Leiche wurde nun ebenfalls im Rhein gefunden, und es wird immer deutlicher, dass sie das Opfer dieser ominösen Straßenkinderentführer wurde.

Dieser nicht unspannende Erzählstrang ist im sonntäglichen Krimiallerlei angenehm selbstreflektiv und führt die Kommissare über Umwege auch auf die entscheidende Spur. Hier zeigt sich, dass es sich lohnen kann, dass die "Tatort"-Macher in dieser Doppelfolge ausnahmsweise viel Zeit haben, verzwickte Fälle in aller Ruhe erzählen zu können. Nur leider geht ihnen hin und wieder der Stoff aus und sie schinden Zeit mit atemberaubend öden Szenen: Etwa als die Kölner Kommissare mit Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) aus Leipzig gemeinsam Akten studieren oder ein Psychologe altbekannte Psychopathenklischees durchdekliniert. Doch als Saalfeld am Ende den richtigen Riecher beweist, dem Täter auf die Spur kommt und sich ein rasantes Finale entwickelt, sind diese kleinen Ausrutscher schnell wieder vergessen.

Doppel-Tatort mit Anlaufschwierigkeiten

Was also bleibt vom ersten Doppel-"Tatort" der ARD? Das Experiment, zwei Ermittlerteams aus zwei Städten gemeinsame Sache machen zu lassen, ist Fluch und Segen zugleich. Die Idee an sich ist grandios, und dankenswerterweise funktionieren (wohl auch auf Rücksicht auf diejenigen Zuschauer, die nicht jeden Abend vor dem Fernseher hängen) beide Folgen unabhängig voneinander. Sehr gelungen sind auch die Momente, in denen mit abrupten Dialog- und Szenenschnitten zwischen Köln und Leipzig gespielt wird.

Leider aber sind diese Momente viel zu rar, da hätten WDR und MDR mehr Mut beweisen müssen - auch auf die Gefahr hin, den einen oder anderen Zuschauer zu überfordern. Aber das brauchen sich die Sender wahrlich nicht vorwerfen lassen. Im Gegenteil: Der 1. Teil "Kinderland" aus Leipzig ist für sich genommen ein schnöder, vorhersehbarer Durchschnittskrimi. Der 2. Teil "Ihr Kinderlein kommet" aus Köln überzeugt als anständig gemachter Thriller. Auch wenn Autor und Regisseur dabei auf Nummer sicher gehen und ordentlich den Motivfundus von Erfolgsfilmen wie "Das Schweigen der Lämmer" plündern.

Fazit: Ein solide bis gelungenes erstes Mal für dieses Experiment. Am nächsten "Tatort"-Experiment wird glücklicherweise schon gearbeitet: Im Herbst gibt es ebenfalls eine Doppelfolge. Die NDR-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) aus Hannover wird über zwei Sendungen lang an einem Fall ermitteln.


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