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"Tatort"-Kritik "Todesbilder": Das Glück der anderen

Ein mordender Psychopath ist für jeden Krimi eine sichere Sache. Denn die Geschichte erzählt sich wie von selbst. So auch beim neuesten "Tatort" aus Leipzig, der nicht mehr oder weniger ist, als eine solide Serienmörderjagd.

Von Niels Kruse

Wenn in einem Film jemand mit behandschuhten Händen seelenruhig am Schreibtisch sitzt und zu klassischer Musik sorgfältig das Foto eines dahin gemetzelten Pärchens zurechtschneidet, um es an die Wand zu pinnen, dann deutet einiges darauf hin, dass dieser jemand ein ernsthaftes Problem hat. In der Welt der Krimis bedeutet das, dass er der Mörder ist. Meistens ein Irrer dazu. Jemand, dem vielleicht das Schicksal den entscheidenden Schlag in die empfindsame Seele verpasst hat. Vielleicht auch jemand, der wegen seiner sexuellen Perversion aus der Gesellschaft gefallen ist. Oder jemand, der sich selbst von dieser Gesellschaft verabschiedet hat, wegen eines schwierigen Berufs vielleicht, sagen wir zum Beispiel Kriegsfotograf.

Der neue "Tatort" aus Leipzig bemüht gleich alle drei dieser Typen, und zeigt, dass der Psychopath als solcher immer noch die sicherste Bank für einen soliden Krimi ist. Hat schließlich auch einige Vorteile: Wie es das Klischee verlangt, verstecken sich psychisch Gestörte hinter einer biederen Fassade. Sie töten in der Regel nicht nur einmal und verfolgen dabei einen Plan, den nur sie selbst verstehen. Der Job des Ermittlers besteht also darin, den Code zu entschlüsseln, den Biedermann zu finden und am Ende den nächsten, folgerichtigen Mord zu verhindern. So ein Plot schreibt sich nahezu von allein - und nicht viel falsch machen konnte im diesem Fall Regisseur und Drehbuchautor Miguel Alexandre.

Eine Kamera und zwei Verdächtige

Für die neueste Folge "Todesbilder" inszeniert er eine Art Showdown der Schuldigkeit zweier seelisch angeschlagener Männer: Da wäre zum einen Roman Rustaveli (Merab Ninidze). Er hat als Bildjournalist all das gesehen, wovor die Welt gerne die Augen verschließt: Kriegsverbrechen, Völkermord und andere Grausamkeiten mehr. Weil ihm das ganze Elend irgendwann zuviel wird, arbeitet er nun bei einer Lokalzeitung in Leipzig. Der Mann im besten Alter schluckt Antidepressiva, ist zudem die Jugendliebe von Kommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und hat zufälligerweise die beiden Opfer fotografiert, deren Bilder sauber aufgereiht im Unterschlupf des Mörders hängen.

Verdächtiger Nummer zwei ist der Fahrschullehrer Horst Baumann (Peter Kremer). Er ist der Onkel des ersten Opfers Annika (Lisa Bitter), die zusammen mit ihrem Mann an ihrem Hochzeitstag brutal abgeschlachtet wird. Es stellt sich heraus, dass die Familie ein dunkles Geheimnis teilt. Angeblich soll Horst seinen Bruder und Annikas Vater in den Tod getrieben haben. Letztlich aber ist er vor allem ein mittelalter Herr mit einer unschönen Vorliebe für allzu junge Mädchen. Und eine schuldbewusste Festplattenlöschorgie lenkt den Verdacht auch nicht gerade von ihm ab.

Dem Täter ist "das Glück der anderen zuwider"

Was die beiden Verdächtigen verbindet, ist die Fotografie, beziehungsweise eine Kamera, die als immer wiederkehrendes Motiv zum Erkennungszeichen des Mörders wird. Da will ein Hausmeister kurz vor dem zweiten Mord ein Blitzlicht gesehen haben und auf einem Parkplatz findet der dauermisanthropische Ermittler Andreas Keppler (Martin Wuttke) eine Kappe, die zu einem Profifotoapparat gehört, wie ihn auch Zeitungsmann Rustaveli benutzt. Und das letzte, was der Mörder vor seiner Tat macht, ist ein Foto mit dem lächelnden Opfer zu schießen.

Letztlich ist aber keiner von beiden der Täter, sondern leider eine Nebenfigur, die wie Kai aus der Kiste auf der Bildfläche erscheint. Ein Psychopath immerhin, jemand der seit dem Unfalltod seiner Familie "das Glück der anderen zuwider ist", wie Kommissar Keppler zum Schluss diagnostiziert. Was ihm zudem dabei hilft, seine Kollegin und Ex-Frau Eva Saalfeld aus den Fängen des Täters zu befreien.

Es muss ja nicht immer Kunst sein

Das Leipziger Ermittler Saalfeld/Keppler gehören zu den neueren Teams der Krimiserie - die meist ohne viel zu wagen eine ausreichende Dosis Spannung und Vorhersehbarkeit für einen Sonntagabend abliefern. So auch diesmal. Die Folge "Todesbilder" lebt von einer anständig gemachten Jagd auf ein Killerphantom. Allzu kritische Geister mögen an der simplen Erzählung und am Nummer-Sicher-Konzept Serienmörder oder den fehlenden gesellschaftlichen Überbau herumkritteln, aber es muss ja auch nicht jede Woche gleich Kunst am "Tatort" sein.

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