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TV-Kritik zum "Tatort": Der Major in meinem Bett

Der neue Frankfurter "Tatort" traut sich was: Steier und Mey gehen auf Tuchfühlung, ermitteln mit vollem Körpereinsatz und betrügen die Versicherung. Die Kombination unkonventionelle Kommissarin und angegrauter Kollege ist für den Sonntagskrimi eine Frischzellenkur.

Von Swantje Dake

Das Duo infernale kommt im Stechschritt über den düsteren Behördenflur. "Hatten Sie mal mit Soldaten zu tun?", fragt Frank Steier (Joachim Król). "Ich hatt' mal was mit einem. Große Muckis und einen ganz kleinen Pimmel", zischt Conny Mey (Nina Kunzendorf) zurück. Das Ermittlerpaar rauscht ins Büro des Chefs, schlägt die Tür auf, geht auf Soldaten los, die breitbeinig rumstehen. Mey und Steiner pöbeln, werden handgreiflich, schreien, schubsen. Die Kamera nah dran, schneller Schnitt. Der Ton laut. Wow! Da ist Schwung drin im Frankfurter "Tatort".

"Der Tote im Nachtzug" mit dem noch frischen Ermittlerteam knüpft nahtlos an die erste Folge mit Mey und Steier an - sowohl inhaltlich (Steier ist nach seiner Stichverletzung eigentlich noch krank geschrieben, Mey ist immer noch die Neue, sodass ihr Chef sie "Frau Meyer" nennt), als auch bezüglich des Tempos und der filmischen Machart. Erneut hat Lars Kraume das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Und nach den ersten beiden Fällen von Mey und Steier, ist es wünschenswert, dass Kraume weitere Fälle für die beiden schreibt.

Steier geht auf Tuchfühlung

Denn Kraume lässt den Polizistencharakteren genug Raum und Zeit, sich zu entwickeln und zueinander zu finden. Nachdem Steier im ersten Fall verletzt wird, wird Mey im zweiten Fall durch einen Elektroschocker außer Gefecht gesetzt. Diese Erlebnisse schweißen die beiden Ungleichen zusammen. Sie bezirzt ihn - beruflich wie auch mit 20 Minuten "unten ohne". Der menschenscheue Kommissar fühlt sich geschmeichelt, wagt sogar Körperkontakt, eine innige Umarmung, von hinten, seine Hände auf ihrem Bauch. Huch! Die werden doch nicht … Nein, werden sie nicht. Von Verbrüderung oder gar sexueller Beziehung sind Mey und Steier meilenweit entfernt. "Ich weiß nicht, ob das mit Ihnen Sinn macht. Sie haben einfach zu wenig Fantasie für den Beruf", fährt Steier seine junge Kollegin in einer der nächsten Szenen an.

Die Kamera arbeitet die Verschiedenheit der beiden Figuren bravourös heraus, folgt Steier in Großaufnahme, bleibt auf seinem Gesicht, auf seinen Händen. Alles mit einer gewissen Gesetztheit. Sprache wird in diesen Szenen überflüssig. Die Musik treibt die Geschichte voran. Mey hingegen ist energiegeladen, energisch - entsprechend die Schnitte, die Musik. Stille gibt es in ihren Szenen nicht. Dazu der Einsatz der Handkamera, Rückblenden, schnelle Verfolgungsjagden. Tempowechsel durchziehen den "Tatort".

Ganzer Einsatz mit Cowboystiefel und Dekolleté

Und obwohl den Figuren viel Platz eingeräumt wird, wird der Kriminalfall - eine wahre Begebenheit - nicht allzu sehr in den Hintergrund gedrängt. Es wird aber auch nicht das große gesellschaftliche Fass aufgemacht. Obwohl das Thema taugen würde: Drogen- und Medikamentenschmuggel von in Afghanistan stationierten Bundeswehrsoldaten.

Bleiben einige Ungereimtheiten. So marschieren Steier und Mey stundenlang ein nicht abgesperrtes Gleisbett entlang. Zudem erfüllt die doch arg überzeichnete Conny Mey mit Cowboystiefeln, Hüfthose und tiefem Ausschnitt jedes Klischee. Das nimmt der Zuschauer gern in Kauf - und die Nacht mit Feldjäger Major Thomsen (Benno Führmann) sei ihr gegönnt.

Jung und alt gesellt sich gern

Die Kombination "junge, unkonventionelle Kommissarin, angegrauter, erfahrener Kommissar" scheint eine Erfolgsgarantie zu sein. Wie Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) aus Kiel, die ebenfalls erst seit zwei Folgen gemeinsam ermitteln, bringen auch Mey und Steiner ein neues Element in den Tatort. Die Hauptpersonen stehen sich skeptisch gegenüber, müssen sich zusammenraufen, ergänzen sich in Arbeitsweise und Fähigkeiten. Dazu kommt zumindest in einigen Szenen - wie bei der Nachstellung der Tat am Waggonfenster - eine Prise sexueller Anziehung. Die Kombination ist neu, spannend und nutzt sich hoffentlich nicht allzu schnell ab.

Außerdem traut sich dieser Frankfurter "Tatort" etwas. Nicht nur, dass Conny Mey allzu berechnend für sachdienliche Hinweise mit dem Feldjäger ins Bett steigt, auch lassen die beiden Kommissare am Ende Fünfe gerade sein, lassen Beweismittel verschwinden und betrügen die Lebensversicherung ihres Toten. Auch das schweißt das Ermittlerduo bei allen Gegensätzlichkeiten für die nächsten Folgen zusammen. Hoffentlich nicht allzu sehr.