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TV-Kritik zum "Tatort": Nie war Schweden so nah

"Borowski und der coole Hund" heißt der aktuelle "Tatort" aus Kiel. Doch dieser Fall ließ niemanden kalt: Selten ging ein Sonntagskrimi so unter die Haut wie dieser. Gerade deshalb ist die Folge nach einer Geschichte von Henning Mankell die beste seit Langem.

Von Carsten Heidböhmer

Der "Tatort" liefert Woche für Woche behagliche Sonntagabendunterhaltung. In der Regel gibt es zu Beginn eine sauber getötete Leiche, dann tauchen die Kommissare auf, und haben 90 Minuten Zeit, die Welt wieder ins Lot zu bringen.

Doch manchmal gibt es Fälle, die nachhaltig verstören, bei denen es schwer fällt, nach dem Abspann sitzen zu bleiben und Günther Jauch über sich ergehen zu lassen. Weil das, was man vorher mitansehen musste, zu grausam ist, um einfach zur nächstbesten Berieselung überzugehen.

Am Ende des aktuellen Kiel-"Tatorts" ist der Fall gelöst, Kommissar Klaus Borowski hat den Mörder gefasst - doch nichts ist gut. Denn es sind Dinge geschehen, die in einem gewöhnlichen Fernsehkrimi nicht vorkommen: Ein Kind ist gestorben, mehrere Menschen wurden auf brutale Art aufgespießt - und unter den Toten befindet sich sogar ein Ermittler.

Tod durch Tollwut und Bambus-Pfähle

Der Fall geht intensiv los: In Schweden wird ein Kind mit Tollwutverdacht ins Krankenhaus eingeliefert, wo es kurz darauf stirbt. Das Mädchen war von einem deutschen Hund gebissen worden. In Kiel springt ein Mann ins Wasser - und taucht nicht mehr auf. Er ist von Bambus-Stäben aufgespießt worden, die ein Unbekannter vorher unter Wasser platziert hatte.

Zusammengeführt werden die beiden Vorfälle in Person des schwedischen Kommissars Stefan Enberg (Magnus Krepper), der überraschend im Büro seines alten Freundes Borowski (Axel Milberg) in Kiel auftaucht, um die Ursache der Tollwut zu ergründen. Die beiden stoßen schon bald auf das Tierversuchslabor eines Pharmakonzerns, in dem illegal mit Tollwutviren experimentiert wurde. Später entdecken sie einen weiteren Toten, der durch eine Bambus-Pfahl-Konstruktion umgekommen ist. Und schließlich muss der schwedische Ermittler selbst dran glauben: Auf der nächtlichen Jagd nach dem Täter tappt er in eine Falle und wird ebenfalls aufgespießt.

Dass es einmal einen Kommissar erwischt, ist harter Tobak - und ein fast noch größerer Verstoß gegen die Sehgewohnheiten als der Tod des Mädchens am Anfang. Mit dem raubeinigen Schweden hat es einen Mann getroffen, den es im deutschen Fernsehen gar nicht mehr gibt: Er ist ein Macho erster Güte, hat Affären mit seinen Mitarbeiterinnen, säuft, flucht, beleidigt Kollegen und belästigt Zeuginnen. Für eine solche Figur ist im politisch-korrekten öffentlich-rechtlichen Fernsehen anno 2011 eigentlich kein Platz mehr - und so war es fast schon zu erwarten, dass er entsorgt werden muss.

Abgründige Geschichte von Henning Mankell

Zusammen mit seiner Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) findet Borowski schließlich heraus, wie die Tollwut mit den Pfählungen zusammenhängt: Hinter beidem steckt ein irrer Sanitäter, der vor zwei Jahren der labilen Ina Santamaria (Mavie Hörbiger) das Leben gerettet hat, sich dabei in sie verliebte - und nun jeden Mann umbringt, der ihr zu nahe kommt.

Die Idee zu diesem Fall stammt von dem schwedischen Krimiautor Henning Mankell - und das merkt man ihm an. Denn an derart abgründige Stoffe trauen sich deutsche Autoren nur selten. Einziger Wermutstropfen: Es forderte dem Zuschauer viel Konzentration ab, dieser komplizierten Geschichte zu folgen. Auch akustisch war nicht immer alles zu verstehen. Die Mühe hat sich jedoch gelohnt. Selten war ein Sonntagabend spannender. Auch die Erzählweise hob sich von den meisten Krimis ab: Der Fall ist voller subtiler Suspense - immer wieder stockt dem Zuschauer der Atem. Etwa wenn man hilflos zusieht, wie tobende Kinder ins Wasser springen, wo sich kurz zuvor ein Mann aufgespießt hat. Unterstrichen wird die Spannung von der Tonspur, die mit eindringlichen Effekten den Horror verstärkt.

Nicht ohne Grund sind schwedische Krimis in Deutschland enorm populär - sie sind einfach spannender, abgründiger, düsterer als der Rest. Und Kiel ist der deutsche "Tatort"-Schauplatz, der am nächsten an Schweden dran ist. Mit "Borowski und der coole Hund" hat der Kiel-"Tatort" seiner geografischen Lage alle Ehre gemacht.