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Kritik zum "Tatort" Das Jammern der Lämmer


Zwei mal zwei Kommissare macht noch nicht doppelte Spannung: Der Sonntags-"Tatort" zog sich zäh und klischeehaft. Der zweite Teil wird deutlich besser!
Von Niels Kruse

Die Ermittlerin steht allein vor dem Haus. Es spricht nicht viel dafür, dass hier der Täter lebt, und eigentlich wurde sie bereits zu den Kollegen zurückkommandiert. Doch aus einer Ahnung heraus entschließt sie sich für den alles entscheidenden Besuch, und plötzlich geht alles sehr schnell: Täter erkennt die Situation, Polizistin gerät in Gefahr, das große Finale beginnt. Man muss kein Filmfan sein, um diese Szene zu kennen, sie leitet den Showdown von "Das Schweigen der Lämmer" ein. Nun wurde das Motiv von der ARD aufgewärmt: als Ouvertüre des Schlusses des "Tatort"-Experiments zu Ostern.

Wie einst Jodie Foster als Clarice Starling ist Kommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla) am Ende zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und wie einst im Klassiker des Psychopathenthrillers geht es um perverse Machtfantasien, die Männer an jungen Frauen ausleben, und auch Hannibal Lectors berühmter Ausspruch "Was begehren wir am meisten? Das, was wir täglich sehen" hat es zum Osterfest ins deutsche Fernsehen geschafft. Vermutlich verstehen die Filmemacher Jürgen Werner (Drehbuch) und Thomas Jauch (Regie) ihre Anspielungen als Reminiszenz auf den Oscar-prämierten Film - auf Auszeichnungen allerdings wird "Kinderland"/Ihr Kinderlein kommet" wohl verzichten müssen.

Dabei haben WDR und MDR mit der Doppelfolge ein vielversprechendes Experiment gewagt: Die altgedienten Kommissare aus Köln, Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), ermitteln gemeinsam mit ihren Leipziger Kollegen Saalfeld und Andreas Keppler (Martin Wuttke). Im Grunde ist diese Ost-West-Achse bereits seit vielen Jahren erprobt. Schon 2000 und 2002 ging es gemeinsam auf Spurensuche, damals allerdings noch mit dem alten Leipziger "Tatort"-Team Kain und Ehrlicher. Neu ist diesmal, dass die Fälle miteinander verwoben sind und sowohl in Köln als auch in Leipzig spielen, insgesamt 180 Minuten lang, verteilt auf Ostersonntag und Ostermontag.

Die gemeinsamen Ermittlungen beginnen

Die entscheidende und verknüpfende Figur ist die 15-jährige Anna Römer (Lotte Frank): Sie reißt von zu Hause aus und landet bei einer Gruppe von Straßenkindern in Leipzig. Damit beginnt der erste Teil "Kinderland". Auf der Suche nach einem Schlafplatz trifft sie Lisa (Norina Butzloff), die jedoch kurz darauf tot aufgefunden wird. Gleichzeitig stößt die Kölner Polizei im Rhein auf die Leiche der ebenfalls 15-jährigen Sarah. Die Spur führt nach Leipzig, zum dortigen Kinderstraßenstrich.

Ohne viel bürokratisches Brimborium fahren die Kölner Ballauf und Schenk kurzerhand nach Sachsen und treffen auf die dort ermittelnden Saalfeld und Keppler. Es ist die erste Begegnung der zwei Teams, die natürlich nicht ohne Kabbeleien und Reibereien ablaufen darf. Richtig amüsant ist das nicht, und schnell wird klar, wohin die gemeinsame Reise der vier gehen wird: Während sich Saalfeld und Schenk auf Anhieb mehr als blendend verstehen, übernehmen Ballauf und Keppler den Part des sich misstrauisch beschnüffelnden Alphatierpärchens.

Doch das Geplänkel (Keppler zu Ballauf: "Wegen dir musste ich laufen, allein das ist schon ein Schwerverbrechen.") ist nur dahinplätscherndes Beiwerk. Die beiden Ermittlerduos sind sich in ihrer Art einfach zu ähnlich und zeigen, nach alter Väter Sitte der "Tatort"-Fälle in Leipzig und Köln, selbstmitleidig mit ihren Fingern auf die Hämatome der Gesellschaft: "Fast 1500 Jugendliche gelten als vermisst. Wo sind die? Was ist mit ihnen passiert?", empören sich die beiden Kölner. Und Eva Saalfeld konstatiert betroffen: "Da stehen junge Mädchen auf der Straße 'rum, alle wissen es und keiner macht was."

Neues Konzept mit alten "Tatort"-Klischees

Schnell stoßen die Kommissare auf zwei Typen, die sich dem Schicksal der Straßenkinder annehmen: Der dubiose Olaf Dürer, der die Mädchen gegen "freiwilligen" Beischlaf bei sich übernachten lässt, und Gerd Tremmel (Hendrik Duryn), der nach dem spurlosen Verschwinden seines Sohnes den Hilfsverein "Kinderland" betreibt. Sein Engagement geht leider zulasten seiner ohnehin zerbröselnden Ehe und seines zweiten Sohnes Paul (Leonard Proxauf). Der wiederum war der Freund der getöteten Lisa, die in der fünften Woche schwanger war - eine klassische, leider altbackene "Tatort"-Konstellation.

Natürlich ist nicht derjenige der Mörder, dem es die Zuschauer zutrauen würden. Und natürlich sind auch irgendwie alle Opfer: zuallererst die Jugendlichen, dann die Eltern, die Geschwister, selbst der reumütige Täter bekommt noch eine Portion Mitleid als Beigabe mit auf seinen Weg ins Gefängnis. Für sich genommen ist "Kinderland" nur eine uninspirierte, durchschnittliche Sonntagabend-Krimikost - an deren Ende die junge Anna Römer an einer Tankstelle von einem Mann aufgelesen wird, der sie mit nach Köln nimmt und so zumindest Hoffnung auf einen spannenderen zweiten Teil macht.


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