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Kritik zum "Tatort": Münchner Suppe mit viel Blutwurst

Was haben die Schicki-Micki-Sanierung unserer Großstädte, schwere Jungs aus Kroatien und ein verhungerter SS-Mann miteinander zu tun? Der Münchner "Tatort" mixte viele Zutaten zusammen - zu viele.

Von Annette Berger

Eigentlich beginnt er ja ganz solide, der neue Krimi des Münchner Teams. Die Leiche eines jungen Mannes wird in einer Baugrube entdeckt. Raubmord, ein Beziehungsdrama, oder wurde der Tote Opfer der allgegenwärtigen Münchner Korruption? Jedes dieser Motive verspricht spannende Krimiunterhaltung, und die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) ermitteln sogleich "in alle Richtungen", wie es im Krimijargon heißt. Doch leider geht es ab jetzt permanent "in alle Richtungen", und zwar buchstäblich.

Ist das Thema des Krimis nun die Gentrifizierung der Großstädte, die seltsame Familiengeschichte einer reichen Zirkusfamilie oder ein Beziehungsdrama? Und was hat eigentlich die bayerisch-kroatische Unterwelt mit dem Ganzen zu tun? Der Zuschauer wird permanent hin- und hergerissen. Es gibt sogar einzelne Szenen, die zunächst so aussehen, als bauten sie aufeinander auf - dann aber doch rein gar nichts miteinander zu tun haben.

Dass hier ständig falsche Fährten gelegt werden, ist an sich ja nichts Schlimmes und könnte die Handlung eigentlich spannend machen. Doch leider geht das Hin und Her beinahe bis zum Schluss der Geschichte. Irgendwann ermüdet der Zuschauer.

Kurze Momente der Unaufmerksamkeit aber kann sich der Zuschauer bei diesem Krimi auf keinen Fall leisten. Denn viele Details sind enorm wichtig, um die Geschichte am Ende zu verstehen. Wer sich also mal eben ein Bier holen ging während des "Tatort"-Abends, hatte nach dem Abspann vermutlich noch Fragen. Eine weitere Folge der Wechsel: Einige Figuren bleiben seltsam eindimensional und lassen den Zuschauer kalt.

Die erste Spur ist die falsche

Die erste Fährte wird also in Richtung "Kungelei zwischen Politik und Firmen beim Bauboom" gelegt. Kommissar Leitmayr ist derjenige, der die allgegenwärtige Teuer-Sanierung der Innenstädte deutlich kritisieren darf, wegen der die Mieten steigen und Menschen verarmen. Er findet bei einer Fahrt durch München buchstäblich den Weg vor lauter Baustellen nicht.

Und irgendwie hat auch der Tote mit dem Bauboom zu tun: Er war Architekt, und sein Adoptivbruder Peter Holzer (Martin Feifel) ist ein Eventmanager, der bestens an der Sanierung des traditionellen Münchner Zuwandererviertels Westend verdient. Leitmayr und Batic stechen mit ihren Ermittlungen "in ein Wespennest", wie sie selbst sagen. Denn gleichzeitig zu ihren Nachforschungen nimmt eine andere Einheit der Münchner Polizei die halbe Baubehörde wegen Korruptionsverdachts hoch.

Sie ist alt, und sie kann gut schießen

Das wäre also geklärt. "Tatort"-Regisseur und Grimme-Preisträger Dominik Graf und der Drehbuchautor Bernd Schwamm wollen das Thema auch gar nicht weiter vertiefen. Es bleibt zwar irgendwie weiter präsent, hat aber nichts mit der Lösung des Falles zu tun.

Denn die Lösung liegt in Pullach, wo die einstige Zirkus-Kunstschützin "Calamity Jane", Magda Holzer (Erni Mangold), über 80-jährig gemeinsam mit ihrem Sohn lebt, eben jenem Eventmanager. Dort wohnte auch der Tote, ihr Adoptivsohn. Beide Männer teilten sich eine Geliebte, Liz Bernard, die praktischerweise gleichfalls Bewohnerin der Villa ist. Der Leibwächter der Familie - und ebenfalls Liz' Geliebter - ist ein leicht zwielichtiger Kroate namens Ante (Misel Maticevic).

Meret Becker entschädigt für Vieles

Meret Becker in der Rolle der Liz ist großartig, sexy, gleichzeitig emotional und unterkühlt. Die Szenen mit ihr sind das Highlight des Krimis. Ihre Verhöre werden zu Flirts mit den Kommissaren. Dass sie in jeder Szene mit einer anderen Perücke auftritt, mal rot-, mal schwarzhaarig oder blond, ist schon wieder witzig - persifliert dieser Einfall der Regie doch auch den permanenten Themenwechsel des Krimis.

Ebenfalls leicht (selbst)-ironisch ist die Sache mit der Villa: Diese steht im wahrsten Sinne des Wortes auf unsicherem Grund. Ein Bauarbeiter warnt schon zu Beginn dieses "Tatorts", dass der Hang hinter dem Garten abrutschen könnte und abgesichert werden müsste. Und zum Schluss, man ahnt es, fällt das ganze Haus tatsächlich in sich zusammen. Genau beim Showdown, versteht sich.

In den Szenen davor hat sich der Eventmanager mitten im Liebesspiel mit Liz eine Kugel in den Kopf gejagt, und ein Friseur musste sterben, weil er das dunkle Geheimnis der Pullacher Villabesitzer kennt.

Die "Blender"-Familie ließ einen SS-Mann verhungern

Deren Geheimnis reicht schließlich in die "Tiefe der Zeit", was dem Krimi seinen Titel gibt. Denn die jetzigen Besitzer haben sich das Anwesen durch ein Verbrechen angeeignet. Sie sperrten kurz nach dem Krieg den echten Inhaber, einen SS-Mann, in seinem eigenen Haus ein, bis er verhungerte. Dann ließen sich sich als Erben eintragen. Batic muss viel Kroatisch sprechen, um dieses Geheimnis einem alten Landsmann zu entlocken, der damals bei den Geschehnissen dabei war und heute in einem "Ledigenheim" in München wohnt.

Regisseur Dominik Graf setzt für seinen Münchner "Tatort" viele sehr künstlerische Elemente ein, die das Geschehen zusammenhalten. Dazu gehört die Filmmusik mit einem Countrysong, schnelle Bildschnitte mit Aufnahmen aus dem heutigen München sowie aus der Vergangenheit und das beinahe unangenehm grelle Licht, in das die Figuren zeitweise getaucht werden. Es unterstreicht das Wesen der Pullacher "Blender"-Familie, deren Reichtum auf einem Verbrechen beruht. Auch der Satz "Essen muss der Mensch" ist solch ein bindendes Element. Die Kommissare sagen ihn, als sie im Büro Pizza essen. Mit dem Hungertod des SS-Mannes bekommt dieser Satz dann plötzlich eine ganz andere Bedeutung.

Dennoch ist dieser "Tatort" so etwas wie Suppe mit Blutwurst. Sehr reichhaltig, aber irgendwie schwer verdaulich.