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Tatort "Verschleppt" aus Saarbrücken: Ein verstörendes Finale

Der letzte "Tatort" des Duos Kappl/ Deininger aus Saarbrücken ist düster, spannend, gut. Dass der Sender die Darsteller nicht mehr wollte, bleibt unverständlich.

Von Swantje Dake

Dieser "Tatort" aus Saarbrücken ist kein leichter Fall. Für den Zuschauer. Die kühlen Farben, der über alles gelegte Blaustich, die düsteren Szenen, häufig mit der Handkamera gefilmt - anstrengend ist das für die Augen. Die fiepsigen Töne quälen, das Surren des Ventilators reibt auf. Die "Tatort"-Folge "Verschleppt" zählt zu den richtig guten dieser Reihe! Wer was fürs Gemüt will, schaltet am Sonntagabend das ZDF ein.

Aber auch den Figuren Franz Kappl (Maximilian Brückner) und Stefan Deininger (Gregor Weber) geht dieser Fall an die Nerven. Ein verschwundenes Mädchen taucht nach Jahren wieder auf. Gekleidet in einen Kittel, offensichtlich hat sie lange ohne Tageslicht gelebt. Apathisch, verstört, spricht es, wenn überhaupt, nur im Befehlston. Ein weiteres Mädchen wird tot aufgefunden, ebenfalls in einen Kittel gekleidet. Es muss lange ohne Licht vegetiert haben.

Ambitioniert statt gemütlich

Deininger stellt zügig die Verbindung zu einem alten Fall her. Damals, so seine Wahrnehmung, hat er versagt. Das Mädchen wurde nie gefunden. Er hat Spuren ignoriert. Aus dem gemütlichen Deininger wird ein niedergeschlagener Kommissar.

Kappl und Deininger waren bislang eher entspannt als ambitioniert, eher solide als spektakulär. Doch die Folge "Verschleppt" erinnert in ihrer Machart - sowohl inhaltlich als auch filmisch - eher an amerikanische oder skandinavische Krimis, die brutale Morde mit Profilern lösen. "Wir brauchen eine Soko", ruft Kappl aufgekratzt. Und endlich ist Schwung in der Bude. Keine Schreibtischtäter, kein abgeschottetes Ermittlerduo, kein nerviges Privatleben, sondern Action, ein großes Team, nur Berufliches und keine doppeldeutige Gesellschaftskritik. Ein verstörendes Verbrechen, entsprungen zwischen Pädophilie und Wahnsinn.

Auserzählt? Abgesetzt!

Warum dann also die Weber-Warnung im Vorfeld: "Gucken Sie sich die Folge 'Verschleppt' bloß nicht an! Sie ist schlecht"? Der unaufgeregte Kommissardarsteller Gregor Weber ist stinksauer. Denn "Verschleppt" war Brückners und sein siebter und letzter Fall. Die Entscheidung traf der Saarländische Rundfunk, nachdem "Verschleppt" abgedreht war. Schon während des Drehs habe man Ärger mit dem Redakteur gehabt. "Wir haben nur Dienst nach Vorschrift gemacht", erklärte Weber - und zwar aus inhaltlichen Gründen. "Das Drehbuch strotzte vor Logikfehlern." So hätten sie dann hier etwas improvisiert, da etwas geflickschustert. Ein Beispiel: "Wir sollten plötzlich in einem Keller stehen und an einem Waschbecken ein Beweismittel finden. Aber da stand nicht, wie und warum. Wie im Kindertheater. Puff, eine Stichflamme und ein grüner Dschinn erscheint. Wir haben uns dann was ausgedacht, damit es im Ansatz plausibel erscheint. Wasserleitungen, die zum Waschbecken führen. Im Drehbuch stand ja nichts." Stimmt, die Szene ist auffallend unlogisch. Aber das kommt im besten "Tatort" vor. Das kann nicht der Grund für den Zwist sein.

Es ist wohl eher die Art, wie die "Tatort"-Reihe ihr Ende fand - ohne plausible Begründung. "Wir glauben, dass diese Geschichte auserzählt ist", sagte ein SR-Sprecher. Das ist nach der Folge "Verschleppt" nicht nachzuvollziehen. Da gibt es andere Kommissar-Paarungen, die mehr Langeweile in den Sonntagabend bringen. Mit der Quote soll die Absetzung nichts zu tun haben. Sie sei "völlig ok" und stabil gewesen, so der Sender.

Mehr Saarland gefällig

Nach dem ersten Fall von Kappl und Deininger, der vor Klischees strotzte und fantasielos daherkam, spielte das Ermittlerduo sich aufeinander ein. Die Quoten stiegen und mit ihnen das Duo im Ermittlerranking: auf Platz 7 von 16. Umso erstaunlicher, dass die Schauspieler von der Veränderung überrumpelt wurden. Gemeinsam gaben Brückner und Weber sogleich eine Pressemitteilung heraus, in der es hieß: "Über das überraschende und unangekündigte Ende sind wir erstaunt und nehmen es mit Verwunderung zur Kenntnis." Und der Ärger scheint auch nach Wochen nicht verflogen zu sein. Dabei muss Gregor Weber die Vorgehensweise bekannt vorkommen: Als Stefan Deininger stand er bereits dem vorherigen Kommissar Max Palu (Jochen Senf) zur Seite. Auch der wurde ohne Vorwarnung geschasst.

Im Sommer wird das neue Duo im Saarland zum ersten Mal vor der Kamera stehen: der als Kommissar an "Bella Blocks" Seite bekannte Devid Striesow und die noch eher unbekannte Elisabeth Brück. Die Saarländerin hatte bereits vor einigen Jahren einen kleinen Auftritt im Saarbrücken-"Tatort". Sie soll den Krimis aus dem Saarland einen stärkeren regionalen Anstrich geben. Das, so hieß es, habe der Sender zuletzt vermisst.