HOME

Stern Logo Tatort

Tatort-Kritik "Heimatfront": Showdown auf der Kieshalde

Nicht am Hindukusch, sondern zu Hause stehen die deutschen Soldaten vor der größten Herausforderung. Das ist die Botschaft des Saarländer Tatorts "Heimatfront". Ein annehmbarer Sonntagabendkrimi, der eine zwiespältige Haltung zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr einnimmt.

Von Swantje Dake

Ist es purer Zufall oder perfektes Timing der ARD? In wenigen Tagen stimmt der Bundestag über die Verlängerung des Bundeswehrmandats für Afghanistan ab. Und zur Einstimmung auf den politisch zumeist eher drögen Schlagabtausch serviert das Erste einen soliden Sonntagabendkrimi mit politischem Einschlag und nicht ganz eindeutiger Haltung.

Der Saarländer Tatort "Heimatfront" kreist um das Thema der Rückkehrer. Wie ergeht es Soldaten, die aus dem Auslandseinsatz zurückkehren? Nachdem die Kriminalhauptkommissare Franz Kappl (Maximilian Brückner) und Stefan Deininger (Gregor Weber) ihren Fall gelöst, den Mörder gefunden haben, muss man den Eindruck haben: Es ergeht den Soldaten höchst unterschiedlich, aber selten gut.

Statement gegen den Krieg

Diesen nicht gänzlich unbekannten Aspekt der Auslandseinsätze verpacken die Drehbuchautoren Christiane Hütter und Christian Heider in einem kurzweiligen, aber nicht überragenden Krimi. Die junge Künstlerin Viktoria Schneider wird während einer Performance erschossen. Sie schwebt - mit blondem, lockigem Haar und weißem Kleid engelsgleich - von der Decke einer Fabrikhalle. Um sie herum flimmern Fernseher, auf ihnen sind Soldaten zu sehen, die direkt in die Kamera sprechen. Es ist ein Statement gegen den Krieg. Als sich plötzlich ein roter Fleck auf dem weißen Kleid ausbreitet. Ein Schuss. Lautlos. Abgegeben aus 400 Metern Entfernung, wie die Kommissare errechnen.

Es muss also ein Profi gewesen sein. Die Videobilder aus der Performance zeigen, so finden Kappl und Deininger heraus, vier junge Männer, die gerade aus Afghanistan zurück gekehrt sind und in Kürze ehrenhaft aus der Armee entlassen werden sollen. In der nahegelegenen Kaserne treffen die Kommissare auf die vier Soldaten - und auf eine Mauer des Schweigens. Trotzdem: "Einer von den Vieren war's", konstatiert Deininger. Er behält recht.

Vier Männer, ein Motiv

Alle vier haben ein gutes Motiv. Die Videos, die Viktoria Schneider für ihre Performance nutzte, waren Aufzeichnungen aus psychologischen Sitzungen, in denen die Männer versuchen, ihr Trauma zu verarbeiten. "Du willst raus aus diesem Loch. Aber es geht nicht, weil mir das Bein fehlt", weint und winselt einer der Soldaten vor laufender Kamera. Unter Schneiders Namen wurden die Videos ins Netz gestellt. Jeder kann sehen, wie uncool der Krieg ist, wie weich die harten Männer. Und wie sehr sie mit ihrer Vergangenheit in der Gegenwart hadern. Während der Amputierte sein Schicksal akzeptiert und ein Café eröffnet, landet der Jüngste bei einem Sicherheitsdienst eines Kaufhauses, der dritte im Bunde säuft sich durch den Alltag. Der Oberfeldwebel der Kameraden leidet unter seinem Machtverlust ("Ich bin Soldat, ich kann nichts anderes.") und will für einen privaten Sicherheitsdienst zurück zu den "Kameltreibern".

Sehr viel Pathos - und eine ambivalente Haltung

Nachdem die Perspektivlosigkeit der Rückkehrer in aller Ausführlichkeit ausgeschlachtet wurde, löst sich der Fall geradezu profan. Nicht das Statement gegen den Krieg war Auslöser für den Mord, sondern ein gebrochenes Herz, eine enttäuschte Liebe. So einfach kann das Leben trotz aller Dramatik sein. Umso opulenter hat das Drehbuch das Krimi-Ende ersonnen. Ein Showdown Mann gegen Mann, Scharfschütze gegen Scharfschütze. Oscar-Preisträger Jochen Alexander Freydank (für den Kurzfilm "Spielzeugland") baut eine pompöse Spannung auf, die ein wenig vom Thema ablenkt.

Egal, ob Zufall oder zeitlich gut platziert - dieser Beitrag zur Mandatsdebatte war unterhaltsam, wenn auch mit ambivalenter Haltung. Die Kommissare fluchen zwar über die "Bundeswehr-Bubis" sind von deren Schicksal mal ergriffen ("Du hast dein Leben riskiert und erfährst, dass alles, was du bisher gemacht hast, falsch ist."), mal stehen sie ihm gleichgültig gegenüber ("Mir ist egal, ob der ein Trauma hat").

Dass der Tatort gelegentlich zu dick aufträgt, ist dem Drehbuch anzulasten. Ein bisschen weniger Pathos und Dramatik hätten die Aussage nicht geschwächt. Eine höhere schauspielerische Leistung der Nebendarsteller hätte hingegen dem Krimi nicht geschadet.