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"Tatort"-Kritik: Eine blonde Sixpack-Putte mit Tuba

Der neue Saarbrücker "Tatort"-Kommissar Franz Kappl hatte einen denkbar schlechten Einstieg. Sein Debüt litt an klischeehaften Figuren, tumben Dialogen, einer bemühten Handlung - und der Sache mit der Tuba.

Von Florian Güßgen

Es gibt nichts daran zu deuteln: Es war ein sagenhaft schlechter "Tatort" und ein ganz mieser Einstieg für den neuen Saarbrücker Kommissar Franz Kappl, gespielt von Maximilian Brückner. Die ARD war am Sonntagabend ganz unten. Nicht einmal "Christiansen" gelang es, das Niveau noch weiter zu drücken.

Kappl hatte eine wunderbare Chance

Dabei hätte diesem Anfang ein wunderbarer, neuer "Tatort"-Zauber innewohnen können. Der alte Kommissar Palu ist weg. Im Saarbrücker Revier hätte sich ein neuer Hauptkommissar einführen können, ein blutjunger, unverbrauchter, ein unkonventioneller Polizist. Max Brückner, der den Neuen aus Bayern spielt, war dafür vielleicht sogar die richtige Wahl: Er sieht aus wie eine hellblonde, erwachsen gewordene Sixpack-Putte. Attraktiv, sympathisch, frisch. Hätte er ein wenig Witz versprüht, ein wenig Subtilität gezeigt, sich ein wenig herangetastet an das neue Metier, die neue Umgebung, hätte er ein wenig die "Tatort"-typische Feinheit zeigen dürfen - alles wäre gut gewesen.

Eine lebensferne und widersprüchliche Figur

Tatsächlich war überhaupt nichts gut, denn am Sonntagabend mussten wir einen Kommissar ertragen, der mit der Subtilität einer Planierraupe auftrat. Die Figur Kappl wirkte lebensfern, steif und in sich widersprüchlich. Nicht psychologisch, sondern schlicht handwerklich widersprüchlich. Schon am ersten Tag lässt er im neuen Job mit markigen Sprüchen und Haudrauf-Methoden den Chef heraushängen, tritt auf wie ein Arsch aus Bayern.

Im Prinzip wäre das ja noch okay, weil sich daran auch der Konflikt mit dem Kollegen Stefan Deininger, gespielt von Gregor Weber, aufziehen ließe. Deininger, der in Saarbrückens familienähnlicher Gesellschaftsstruktur sozial und kulturell tief verwurzelt ist, wollte eigentlich den Job, den Kappl nun gekriegt hat. Neu sind die Kennenlernschwierigkeiten eines Ermittler-Duos zwar nicht, aber man hätte diesen Konflikt noch mit Interesse verfolgen können.

Klischeehafter Tuba-Spieler

Hätte, denn wenn man Kappl wirklich als so unsensibel darstellen will, als jungen, professionellen Überflieger, als angry young man, dann muss man diesem Charakterzug treu bleiben. Dann darf er nicht, zum Milchgesicht degradiert, nach der Auseinandersetzung vor dem Rivalen unprofessionell mit dem herzschmerzleidenden Papa im fernen Bayern telefonieren. Auch darf man das Zueinanderfinden der beiden rivalisierenden Kollegen nicht, wie in einem billigen Kitsch-Film, mit viel Schmalz in der gleichen Sendung geschehen lassen. Unerträglich war das, fast so schlimm wie die klischeehaften Szenen, in denen der neue Kommissar aus Bayern nachts auf seiner Basstuba spielt, wenn er zur Besinnung kommen will.

Dem Nachbarn, der sich beschwert, zeigt er den Stinkefinger - Putte ganz böse. Ein Bayer in Saarbrücken ist auf diese Art quälender als 27 Millionen Münchner in Hamburg, auf Rügen oder sonstwo in der Republik. Dabei hakt es nicht nur bei der oberflächlichen Figur des Kommissars. Mindestens ebenso oberflächlich erscheint, um nur ein Beispiel zu nennen, die entrückte Gerichtsmedizinerin, die wie zugedröhnt mit den Leichen spricht, bevor sie sie zerlegt. "Kati, wer hat das nur mit Dir gemacht?" Aaaaarg! Auch hier wurde eine an sich interessante Idee in Saarbrücken schmerzlich schlecht umgesetzt.

Musiker, Juwelier und die tote Polizei-Mitarbeiterin

Mindestens ebenso klischeehaft wie die Figuren waren bei dem Kommissars-Debüt die Dialoge. Wenn Kappl sich etwa mit Deininger streitet, ob es das perfekte Verbrechen nun gibt oder nicht, oder welche Rolle Gefühle bei der Ermittlung spielen dürfen; oder wenn sich der Kommissar dem verdächtigen Musiker ermittlerisch nähert ("Ist das nicht ein Lied der Gruppe XY. Die habe ich in Philadelphia gesehen"); oder wenn er sich vom selben Musiker, mittlerweile nicht mehr unter Mordverdacht, am Schluss pathetisch eine Platte schenken lässt. Platt war das, mit dem Niveau anderer "Tatorte" nicht zu vergleichen.

Und da haben wir noch gar nicht mit der Handlung angefangen. Fred Breinersdörfer, der Drehbuchautor, ein kluger Mann, ist eigentlich ein Garant für Güte. Zuletzt hat er das Drehbuch für den Kino-Erfolg "Sophie Scholl" geschrieben. Aber diesmal hat ihm merklich die Fantasie gefehlt. Eine Mitarbeiterin des Kommissariats - was die da genau gemacht hat, erfährt man nie - wird kurz nach der Ankunft des Kommissars gemeuchelt. Im Verdacht steht dann erst der Freund, ein Musiker, dann ein Liebhaber, ein Juwelier, mit dem sie freilich nur des Geldes wegen schläft. Zwischendrin spielen noch finstere Franzosen eine Rolle, die Geld waschen wollen, und am Schluss war's doch die Juweliers-Gattin. Die Handlung ist tranig, langweilig, bemüht.

Man kann den Saarbrückern nur wünschen, dass ihr neuer Kommissar sich spätestens bei seinem nächsten Fall besser anpasst an die Qualitätsansprüche der "Tatort"-Reihe, dass sich ein Drehbuch-Schreiber, ein Regisseur erbarmen möge, dem Kommissar mehr Leben einzuhauchen, ihn zu dem zu machen, was er sein könnte: ein Aushängeschild des Landes. Andernfalls hätte Bayern den Saarbrückern mit seinem Kommissar-Export einen echten Bärendienst erwiesen. Und das wäre richtig schade.