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Maximilian Brückner Der heimatverbundene Rebell

Maximilian Brückner
Maximilian Brückner: Kino-, Fernseh- und Theaterschauspieler, seit einiger Zeit auch Lokalpolitiker
© DDP
Während andere Schauspielerkollegen ein wildes Partyleben führen, lebt Maximilian Brückner mit zwei Brüdern abgeschieden in seiner Heimatgemeinde Riedering in Oberbayern. Im stern.de-Interview erklärt der "Tatort"-Kommissar, warum er der wahre Unangepasste ist.

Wer sich in diesem Jahr im Kino einen deutschen Film angesehen hat, kam an Maximilian Brückner kaum vorbei. Gleich in drei Produktionen war er in diesem Jahr auf der großen Leinwand zu sehen, zuletzt in Marcus H. Rosenmüllers Heimatdrama "Räuber Kneißl". An diesem Sonntag hat der 29-Jährige zudem seinen dritten Einsatz als Hauptkommissar Franz Kappl im Saarland-"Tatort".

Keine Frage: der junge Schauspieler ist derzeit richtig gut im Geschäft. In auffälligem Kontrast zu seinen künstlerischen Höheflügen steht das vollauf geerdete Privatleben. Brückner wohnt mit zwei seiner insgesamt sieben Geschwister in dem 5.300-Seelen-Dorf Riedering im Chiemgau. Seit einigen Monaten sitzt er für die CSU im dortigen Gemeinderat.

Mögen andere Schauspieler seiner Altersgruppe durch ein exzessives Partyleben und ständig wechselnde Affären ein reges Zweitleben in den Klatschspalten der deutschen Magazine führen - Maximilian Brückner sucht die Abgeschiedenheit und Ruhe im Privatleben, er braucht seine Freunde und Familie um sich herum.

Der große Auftritt, das Rampenlicht liegt ihm dagegen weniger. Und so erscheint er bei seinem Interviewtermin im eleganten Hamburger Hotel Atlantic ganz lässig in Jeans und Sweatshirt, ein Buch unter den Arm geklemmt. Fast hätte ihn der vor der Tür wartende Autogrammjäger übersehen.

Herr Brückner, ich war vor vier Monaten bei den Dreharbeiten zum "Tatort" im Saarland. Dort habe ich Sie zunächst gar nicht erkannt...

Ich bin privat keiner, der im Mittelpunkt stehen muss.

Das sollte eigentlich ein Kompliment an die Maske sein. Sie hatten eine Bergmannsjacke an, die Haare waren mit Kohlenstaub bedeckt. Sie sahen eher so aus wie ein abgearbeiteter Mittvierziger.

Wenn ich einen Raum betrete, sagen die Leute normalerweise: "Herr Brückner? Tut mir leid, ich habe Sie mir irgendwie größer und stärker vorgestellt."

Sie sind für die Dreharbeiten zum "Tatort" unter Tage gefahren. Waren Sie froh, als es wieder nach oben ging?

Nein, ich fand das toll. Man hat als Schauspieler Möglichkeiten, an Orte zu gelangen, zu denen man sonst nie Zugang hätte. Dort unten zu drehen, diese Atmosphäre, dieses Enge, dieser Staub, der in alle Ritzen ist. Wir sind im Dunklen angekommen und abends im Dunkeln wieder hochgefahren. Die Kameradschaft unter Tage war ganz toll.

Haben Sie den Eindruck, dass Sie seit den Dreharbeiten die Saarländer besser verstehen?

Man sieht immer bloß diese Bergwerke von außen, aber man hat keinen Bezug dazu. Mir ist viel klarer geworden, wie diese Kultur das Saarland geprägt hat und was es heißt, Bergmann zu sein. Der Stolz, der dahinter steckt. Das hat den gleichen Stellenwert wie bei den Bayern Lederhose und Tracht. Bei uns stand immer das Bäuerliche im Vordergrund. Das hat alles mit Stolz, Tradition und Kraft zu tun. Es ist echt, weil es aus einer Kultur heraus gewachsen ist.

Haben Sie noch weitere Ähnlichkeiten zwischen Bayern und Saarländern auch entdecken können?

Grundsätzlich sind sich die Saarländer und die Bayern sehr ähnlich. Dieses Gemütliche, diese Ruhige. Ich finde aber, dass die Saarländer ein bisschen offener sind Leuten gegenüber, die sie nicht kennen. Das hat wohl damit zu tun, dass sie an der Grenze wohnen.

Es haben zudem beide den Hang zu deftiger Küche.

Das auch, obwohl natürlich die Saarländer durch den französischen Einfluss eine wahnsinnig gute Küche bekommen haben. Sie haben ihre Gerichte noch verfeinert.

Es gab im deutschen Film in den letzten Jahren die Tendenz, sich wieder viel stärker auf regionale Themen zu konzentrieren, wie in den Filmen von Marcus H. Rosenmüller und Hans Steinbichler. Wird die Beschäftigung mit Heimat oder regionaler Identität in Zeiten der Globalisierung wichtiger?

Ich denke schon, dass man wissen will, wo man hingehört. Ich finde es schade, wenn Dialekte verschwinden, denn die haben alle eine Schönheit, eine ganz eigene Kraft.

Inzwischen ist es möglich, dass man auch Heimatfilme dreht und sie so nennt. Noch vor 15 Jahren geriet man damit unter dem Verdacht, eine rechte Blut-und-Boden-Ideologie zu propagieren.

Ich glaube, unsere Generation hat sich davon gelöst. Das heißt nicht, dass man nicht vorsichtig sein sollte, gerade wegen unserer Geschichte. Aber ich finde, ein Heimatfilm hat immer etwas Starkes, Schönes. "Sissi" ist schließlich auch ein Heimatfilm, und hat Generationen von Menschen in den Bann gezogen.

Ist Heimat in Ihrem Leben ein wichtiger Begriff?

Nein. Heimat ist für mich da, wo Leute sind, mit denen ich mich verstehe und die mich verstehen. Mit denen man reden kann, die offen sind. Letztendlich kann man die Wand im Hintergrund wechseln.

Das überrascht mich jetzt. Ich hätte gedacht, dass für Sie Heimat stärker mit einer bestimmten Region verbunden ist.

Man kann eine neue Heimat finden, keine Frage. Es kommt darauf an, wie man lebt. Es kann sein, dass man als Kind schon so oft umgezogen ist, dass es schwierig ist, eine Heimat zu entdecken. Wo ich meine Kindheit verbracht habe, da ist meine Heimat, da ist ein Fundament gebaut. Aber ich glaube, dass man sich auch eine neue Heimat bauen kann, wenn man die richtigen Leute dazu hat.

Aber der heimische Boden, die heimische Landschaft, auch die Bräuche und Traditionen muss man doch ein Stück weit abstreifen, wenn man umzieht. Denn Bräuche machen ja nur dann Sinn, wenn sie gemeinsam gelebt werden.

Genau.

Das heißt, um noch mal auf Ihre Rolle im "Tatort" zurückzukommen, der von Ihnen gespielte Hauptkommissar Kappl, der einsam auf seinem Zimmer sitzt, und Tuba spielt…

Das ist natürlich schwierig...

... das ist ja eigentlich nur der halbe Spaß.

Aber der Kappl hat noch keinen Kreis gefunden, wo er sich wohl fühlt. Ich glaube, wenn man aufwächst und gute Freunde hat, nimmt man diese Heimat mit. Man kann aber auch schlechte Erinnerungen an seine Heimat haben. Ich hatte Glück. Ich verstehe aber jeden, der aus einem Dorf heraus will. Denn ein Dorf kann das Unerträglichste sein, was es gibt. Dann verstehe ich, dass man in die Stadt will und seine Ruhe haben will. Trotzdem kann sich jemand, der weggeht, weil es ihm zu eng wird, eine neue Heimat aufbauen.

Er hat ja vorher keine Heimat gehabt.

Genau. Entweder fühlt man sich wohl, dann ist das die Heimat, oder man fühlt sich nicht wohl und muss sich eine andere Heimat suchen. Dann muss man raus.

Kann man sagen, dass Menschen glücklicher sind, die eine Heimat von Kind auf erlebt haben?

Es kann sein. Es ist sehr schwierig, seine Heimat zu finden, wenn man das Gefühl hat, nirgends hinzugehören. Das ist so ein Gefühl, das immer da ist. Das nagt an einem.

Sie sind seit einiger Zeit Gemeinderat in Riedering. Wollen Sie mit Ihrem politisches Engagement für die CSU auch ein Stück weit etwas zurückzugeben, was Sie von ihrer Heimat bekommen haben?

Ja. Da geht es darum, ob man eine Mülltonne aufstellt oder nicht. Man kann ganz konkret etwas bewirken. Aufregen kann sich jeder Depp, aber fast keiner tut etwas. Jetzt probiere ich das einfach mal und es macht Spaß.

Ist das der Einstieg in die große Politik?

Nein, überhaupt nicht. Mehr würde ich nie machen. Es hat mit Politik wenig zu tun, ob der Radweg weiter rechts oder weiter links ist. Das muss man einfach im Dorf sehen. Und da ist das Wort Politik vielleicht das falsche.

Können Sie sich vorstellen, für ein Filmengagement oder für eine größere Rolle dauerhaft Ihren Wohnsitz aufzugeben?

Man darf eines nicht verwechseln: Die meisten Leute meinen, weil ich in einem Dorf lebe, hätte ich Angst vor der großen weiten Welt. Ich hätte aber kein Problem, mal zwei Jahre ins Ausland zu gehen. Südamerika würde mich wahnsinnig interessieren. In Deutschland bin ich viel herumgekommen. Für mich ist es da, wo ich wohne, einfach am schönsten. Ich könnte mit 20 sagen, ich gehe jetzt weg und dann kaufe ich mir mit 40 wieder sauteuer ein Haus im Grünen. Ich dachte, ich lasse das weg.

Warum wird bei Ihnen immer besonders betont, dass Sie mit Ihren Brüdern auf dem Land wohnen? Wenn Sie mit drei Junkies in einer WG in Berlin-Mitte wohnten, würden alle sagen: Ah, Schauspieler, klar, muss so sein.

Ich mache kein Brimborium darum. Das müssen Sie Ihre Kollegen fragen.

Gibt es eine gewisse Rollenerwartung, die ein Schauspieler abseits vom Set spielen sollte?

Das mache ich nicht. Irgendwann verändert man sich. Man darf sich von diesem Beruf nicht verändern lassen, sonst verliert man irgendwann den Boden unter den Füßen und weiß nicht mehr, wo man hingehört. Dass ich auf dem Land wohne, gibt mir eine gewisse Erdung. Wenn das wirklich das Problem ist - na ja. Das ist wahrscheinlich das Künstlerische, weil ich mich gegen das stelle, was mir vorgeschrieben wird.

Offensichtlich wird diese Form von Verweigerung aber nicht als Rebellion anerkannt.

Rebellion findet für mich anders statt. Exzess ist für mich keine Rebellion. Das ist schade um die Kraft, um die Energie, die verloren geht.

Dann sind Sie vielleicht der wahre Rebell...

Das würde ich nie von mir behaupten. Aber ich weiß, dass es ungewöhnlich ist. Lustig, nicht? Ich bin ungewöhnlicher als andere in dieser Beziehung. Aber ich wollte da nie eine Show daraus machen.


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