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Mord und Totschlag seit 40 Jahren: Wie Erik Ode den "Tatort" ins Fernsehen brachte

Ein Augenpaar schaut sich gehetzt um. Rennende Beine auf nassem Asphalt. Ein Fadenkreuz erscheint, dann - der Tatortschriftzug. Seit 40 Jahren wagt sich niemand an den Vorspann von Deutschlands beliebtester Krimireihe heran. Die Sendung selbst hat einige Umwälzungen miterlebt - und ist sich dennoch treu geblieben.

"Tatort"-Jubiläum: Das Beste aus 40 Jahren
Der Erste:  Mit ihm fing alles an: Am 29. November 1970 fuhr Hauptkommissar Paul Trimmel (Walter Richter, r.) mit dem Taxi nach Leipzig - und legte den Grundstein für den anhaltenden "Tatort"-Erfolg. Der erste von bislang 1000 Fällen - und bei weitem nicht der schlechteste.

Der "Tatort" feiert an diesem Sonntag Jubiläum: Die Ludwigshafener Folge "Zirkuskind" mit Lena Odenthal ist die 900. in der Krimireihe. Wir blicken zurück auf die Höhepunkte.

Der Erste:

Mit ihm fing alles an: Am 29. November 1970 fuhr Hauptkommissar Paul Trimmel (Walter Richter, r.) mit dem Taxi nach Leipzig - und legte den Grundstein für den anhaltenden "Tatort"-Erfolg. Der erste von bislang 900 Fällen - und bei weitem nicht der schlechteste.

Am Montag wird der ARD-"Tatort" 40 Jahre alt und zählt damit zu den Dauerbrennern der deutschen Fernsehgeschichte. Und noch immer kann sich der Mord zum Sonntag einer wachsenden Fangemeinde erfreuen: In diesem Jahr schauten im Schnitt rund 8,53 Millionen Zuschauer bei der Krimiserie zu, soviele wie noch nie seit der ersten Ermittlung der Jahresdurchschnittswerte 1995. Die meisten Fans hat die Serie in Hessen, Bremen und dem Saarland, ergab eine Analyse der Einschaltquoten durch Media Control - und dass der "Tatort"-Zuschauer im Schnitt 56 Jahre alt ist.

Die Erfindung der ARD-Erfolgsserie ist eigentlich dem ZDF zu verdanken. Dort lief Ende der 1960er Jahre so erfolgreich "Der Kommissar" mit Erik Ode, dass sich die ARD unter Druck sah. Der WDR beauftragte Gunther Witte, eine Alternativserie zu entwickeln. Und Witte erinnerte sich an seine Schülerzeit zurück, als er samstagabends im Radiosender RIAS die Sendung "Es geschah in Berlin" hörte. "Die war sehr dokumentarisch, behandelte echte Fälle, hatte immer mit Berlin zu tun und war sehr spannend", berichtete Witte im April der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Das, was ihn als Schüler an "Es geschah in Berlin" fesselte, versuchte Witte in ein Fernsehformat umzumünzen. Gleichzeitig suchte er nach einer Lösung, die die Regionalität der ARD abbildete: Deshalb sollte jede Sendeanstalt des Senderverbundes ihren eigenen "Tatort" produzieren. Als Erstes durfte der NDR ran. Kurioserweise war der am 29. November 1970 als erster "Tatort" ausgestrahlte Film "Taxi nach Leipzig" ursprünglich gar kein "Tatort". Der Krimi mit Kommissar Trimmel war schon vor Beschluss der Serie gedreht worden - seinen "Tatort"-Stempel bekam er im Nachhinein.

Am Sonntag wird in Folge 791 erstmals Ermittler Felix Murot in den Dienst eintreten. Mit Ulrich Tukur spielt ein vielfach ausgezeichneter Schauspieler den neuen Kommissar - auch die Bekanntheit der Darsteller ist eines der Geheimnisse des "Tatort"-Erfolgs. "Über die Jahrzehnte haben wir alle kriegen können, die wir wollten. Denken Sie nur an Curd Jürgens oder Agnes Fink. Es hat sich nie jemand dagegen gesperrt", sagt Witte, der lange der bundesweite "Tatort"-Koordinator war.

Götz George als "Schimanski" oder Gustl Bayrhammer als Münchner Ermittler Melchior Veigl mit seinem Dackel "Oswald", dazu Manfred Krug als Paul Stoever oder Peter Sodann als ostdeutscher Kommissar Bruno Ehrlicher waren weitere Publikumsmagneten. Demnächst steigt Joachim Król als hessischer Ermittler ein. Doch neben den starken Kommissaren, der regionalen Verbundenheit und möglichst lebensnahen Geschichten war auch das Brechen von Tabus einer der Gründe für den Dauererfolg.

Ganz oben steht dabei aus dem Jahr 1977 die Folge "Reifezeugnis", die von Regisseur Wolfgang Petersen gedreht wurde. Das verbotene Liebesverhältnis der jungen Schülerin Sina Wolf mit Lehrer Fichte, von Nastassja Kinski und Christian Quadflieg gespielt, beschäftigte die ganze Nation. Ähnlich große Aufregung löste Anfang der 80er Jahre vor allem Schimanski aus: Tagelang war nach den Folgen das größte Thema, wie oft der Duisburger Ermittler denn nun wieder "Scheiße" gesagt hatte. Trotzdem wurde "Schimi" 2008 in einer repräsentativen Umfrage zum mit Abstand beliebtesten Ermittler der Seriengeschichte gewählt.

Die aufgeregten Diskussionen sorgten in der "Tatort"-Redaktion meist für Genugtuung, weil damit mal wieder belegt war, dass die Serie Gesprächsthema ist. Doch 2007 war dies anders: Die Folge "Wem Ehre gebührt" um Inzest und Mord in einer Familie der alevitischen Minderheit führte wegen ihres angeblich diskriminierenden Tenors zu Demonstrationen. Anders als vielfach behauptet befinde sich die Folge mit Maria Furtwängler aber nicht im "Giftschrank" - sie könne jederzeit wiederholt werden, sagt eine NDR-Sprecherin. Tatsächlich laufen in den dritten Programmen fast täglich Wiederholungen. Die Wartezeit zum neuesten "Tatort" am Sonntag will ja überbrückt werden.

Ralf Isermann, AFP / AFP