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Zum Tod des "Tatort"-Erfinders: Gunther Witte: Der Mann, der unseren Sonntagabend bestimmt

Dieser Mann hat uns das alles eingebrockt: Gunther Witte erfand den "Tatort" - dabei hatte er ursprünglich mit Krimis nicht viel am Hut. Jetzt ist er mit 82 Jahren gestorben.

Tatort-Erfinder Gunther Witte

"Tatort"-Erfinder Gunther Witte 2010 in Hamburg anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Krimireihe

Das Porträt von Gunther Witte entstand im Herbst 2010, kurz vor dem 40-jährigen "Tatort"-Jubiläum. Am 16. August ist Witte im Alter von 82 Jahren in Berlin verstorben. Anlässlich seines Todes haben wir den Text noch einmal publiziert.

Der "Tatort" hält jung. Wie sonst ist es zu erklären, dass Gunther Witte beim Treffen im Herbst 2010 trotz seiner 75 Jahre eine Energie versprüht, als wäre er gerade zum nächsten "Tatort"-Kommissar ernannt worden? Witte verbindet viel mit der Krimi-Reihe. Er ist der Mann, der uns das alles eingebrockt hat, der Schuld daran ist, dass der Sonntagabend fest verplant ist. Er hat die Sendung erfunden, die damals 40-jähriges Jubiläum feierte.

Dass die Krimireihe so lange durchhält, daran hat 1970 niemand geglaubt. Witte hat sie auch eigentlich mehr aus Zufall erfunden. 1969 - da war er gerade Dramaturg beim WDR - bekam er vom damaligen Fernsehspielchef Günter Rohrbach den Auftrag, eine Konkurrenzserie zur ZDF-Serie "Der Kommissar" zu entwickeln. Mit der von Herbert Reinecker geschriebenen Krimireihe warb das zweite Programm damals der ARD in Scharen die Zuschauer ab. Das wollte man nicht auf sich sitzen lassen, schließlich war man "das Erste". Also musste eine Alternative her: Keine leichte Aufgabe für den studierten Theaterwissenschaftler, der bis dahin mit Krimis nicht viel am Hut hatte.

Drei Grundregeln des "Tatorts"

Die Erinnerung an seine Jugend in Berlin brachte ihn auf die zündende Idee: In den 50er Jahren hatte der Rias die Krimi-Doku "Es geschah in Berlin" gesendet, die reale Verbrechen spannend aufbereitete. Von dieser Erinnerung ausgehend entwickelte Witte einen Kanon von Regeln, die im Prinzip heute noch gültig sind. Sie lauteten: Es gibt immer einen Kommissar. Die Fälle müssen in der Lebensrealität der Zuschauer angesiedelt sein. Und, vielleicht die wichtigste Regel: die Regionalität.

Gerade diese regionale Verankerung sicherte dem "Tatort" seine bis heute ungebrochene Vitalität. Da die ARD aus verschiedenen Landesrundfunkanstalten besteht, gibt es nicht einen, sondern viele Kommissare. Das macht das Ausscheiden eines Ermittlers einfacher. Wenn einmal ein Ermittler ausscheidet, tritt ein anderer an seine Stelle, so kommt die Reihe nie an ein natürliches Ende. Das ist der wichtigste Unterschied zu Krimireihen wie "Derrick", die irgendwann enden müssen, spätestens, wenn Harry nicht mehr den Wagen, sondern den Rollator holt. Und auch "Der Kommissar" hielt nur bis 1975 durch. Der "Tatort" dagegen erneuert sich ständig. Witte vergleicht die Reihe mit einem "starken Baum, dem ständig neue Triebe wachsen".

Dennoch war es ein Wagnis: Nirgendwo auf der Welt gab es eine Krimireihe mit zehn oder mehr Kommissaren. Und so fand sein Konzept auch erst im zweiten Anlauf die Zustimmung der Intendanten. Als "Tatort"-Koordinator hatte er dann ab 1970 alle Hände voll zu tun, in den übers Land verstreuten Rundfunkanstalten der ARD einheitliche Qualitätsstandards durchzusetzen und alle auf die Einhaltung "seiner" Regeln zu verpflichten. Von 1979 bis 1998 betreute er die Reihe als WDR-Fernsehspielchef.

Sternstunden der deutschen Fernsehgeschichte

Dabei wurden ihm immer wieder Grenzen aufgezeigt. So war er mit dem ersten WDR-Ermittler alles andere als glücklich: Kressin war gar kein Kommissar, sondern Zollfahnder, und erinnerte eher an James Bond als einen bundesrepublikanischen Kriminalbeamten. Witte hatte kein Vetorecht, er konnte keine bindenden Vorgaben machen; jeder Sender pochte auf seine Programmhoheit. Vor den schlimmsten Fehltritten konnte Witte die Reihe aber bewahren: Als in den 80er Jahren das Privatfernsehen aufkam, spielten tatsächlich einige Intendanten mit dem Gedanken, den "Tatort" auf 60 Minuten zu verkürzen. "Das wäre der Tod gewesen", sagt Witte. Zum Glück hat er diese Pläne verhindern können.

Im Laufe seiner "Tatort"-Zeit erlebte Gunther Witte zahlreiche Sternstunden der deutschen Fernsehgeschichte. Zu seinen persönlichen Highlights gehört "Reifezeugnis", jener berühmt-berüchtigte "Tatort", bei dem Wolfgang Petersen Regie führte und Nastassia Kinski als Schülerin ihren Lehrer Christian Quadflieg verführt. "Auch die Schimanski-Folge 'Moltke' zählt zu meinen Favoriten. Sie bekam 1988 als erster "Tatort" einen Grimme-Preis", sagt er. Schimanski ist überhaupt eine wichtige Figur für Witte: Der von Götz George gespielte Haudrauf ist bis heute sein Lieblingskommissar. Identifiziert hat er sich aber mit einem anderen. In Schimmis Kollegen Thanner hat er sich persönlich wiedererkannt, gestand Witte im Gespräch mit stern.de. "Thanners fürsorgliche Beziehung zu dem Chaoten Schimanski kam mir sehr nahe." Auch unter den neueren Kommissaren hat er Favoriten. Besonders gerne mag er das Münsteraner Gespann Thiel und Boerne: "Mir gefällt der Wortwitz der beiden Ermittler."

Nach seinem Ausstieg als Fernsehspielchef beim WDR zog Witte 1998 wieder in seine alte Heimat Berlin. Dort lebt er im Stadtteil Tiergarten und kümmert sich um seine eigentliche Liebe: das Theater. Den "Tatort" schaut er sich sonntagabends noch immer an - wenn er zu Hause ist. Offenbar geht der Erfinder mit seinem Erbe weit entspannter um als viele heutige Fans der Serie: Während für viele der Sonntagskrimi ein Muss ist, nimmt Witte eine Essenseinladung an diesem Tag gerne an. Man muss auch loslassen können.

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