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"Tatort" und andere TV-Krimis: Vom Straßenfeger zum Sofatreff

Kaum eine Gattung erfreut sich im deutschen Fernsehen derart ungebrochener Beliebtheit wie der Krimi. Saß in den Anfängen noch die Nation gemeinsam vor dem Bildschirm, haben sich schon längst neue Rituale gebildet.

Von Carsten Heidböhmer

Vereinte eine Nation vor dem Fernseher: die Durbridge-Verfilmung "Das Halstuch" mit Heinz Drache

Vereinte eine Nation vor dem Fernseher: die Durbridge-Verfilmung "Das Halstuch" mit Heinz Drache

Wer am 3. Januar 1962 durch Deutschlands Straßen geschlendert ist, musste sich an den vor noch gar nicht so langer Zeit beendeten Krieg erinnert gefühlt haben. Die Straßen waren wie leergefegt, kaum einer hielt sich im Freien auf. Doch die Menschen hockten nicht etwa in dunklen Luftschutzkellern - sie saßen gebannt vor dem Bildschirm. An jenem Tag wurde in der ARD die erste Folge der Krimireihe "Das Halstuch" gesendet, die Verfilmung eines Romans von dem britischen Autor Francis Durbridge. Die sechsteilige Serie erreichte damals Einschaltquoten von bis zu 90 Prozent und prägte den Begriff "Straßenfeger".

Dieser Erfolg provozierte gleichzeitig einen der größten Skandale in der Geschichte des Fernsehkrimis. Der Kabarettist Wolfgang Neuss hatte in einer Zeitungsanzeige vor Ausstrahlung der letzten Folge den Täter verraten - um mehr Menschen zu seinem eigenen Film "Genosse Münchhausen" ins Kino zu locken. Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung los, die "Bild"-Zeitung brandmarkte Neuss gar als "Vaterlandsverräter": So ernst nahm man den Krimi in den 60er Jahren.

"Stahlnetz" beruhte auf wahren Fällen

Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits eine erfolgreiche Krimiserie im deutschen Fernsehen. Seit 1958 erfreute sich das "Stahlnetz" in der ARD großer Beliebtheit. Bis 1968 entstanden insgesamt 22 Folgen, die jeweils auf realen Begebenheiten basierten.

Auch das ZDF hat sich seit den späten 60ern als Krimi-Sender etabliert. 97 Mal stellte "Der Kommissar" alias Erik Ode zwischen 1969 und 1976 dem Bösen nach, thematisch packte die Serie so manch heißes Eisen an. Es gab sogar Fälle, in denen Hippies vorkamen, die von freier Liebe predigten. Progressive Gedanken durften hier unverblümt geäußert werden. In ästhetischer Hinsicht blieb die Serie dagegen äußerst konservativ: Obwohl es inzwischen das Farbfernsehen gab, wurden die Folgen bis zum Schluss in Schwarz-weiß ausgestrahlt.

Ende der 60er Jahre erzielte "Der Kommissar" so hohe Einschaltquoten, dass die ARD sich gezwungen sah, eine eigene Krimi-Reihe zu entwickeln, um die Zuschauer zurückzuerobern. Daraus ging dann 1970 der "Tatort" hervor - eine Serie, die bis heute beim Publikum hoch im Kurs steht und Sonntag für Sonntag von bis zu 10 Millionen Menschen eingeschaltet wird.

Als sozialistische Antwort auf den "Tatort" entstand 1971 der "Polizeiruf 110". Im Gegensatz zu den "kapitalistischen" Krimis, in denen es fast ausschließlich um Mord geht, beschäftigten sich die Ermittler im "Polizeiruf" häufig mit weniger schweren Delikten wie Einbruch, Erpressung, Betrug oder Diebstahl. Und anders als im "Tatort" blieb das Privatleben der Ermittler außen vor, stattdessen stand die polizeiliche Ermittlungsarbeit im Vordergrund. Die Serie war in Ostdeutschland so populär, dass sich auch den Untergang der DDR überstand. 1994 wurde sie offiziell in das Fernsehprogramm der ARD übernommen.

Zwar wurde "Der Kommissar" 1976 eingestellt, aber eine Figur lebte weiter: Assistent Harry Klein (Fritz Wepper) hatte die Serie bereits 1974 verlassen, um fortan für einen neuen Chef Autos zu holen und sonstige Deppenarbeit zu erledigen. "Derrick" wurde im Laufe der Jahre Kult - und entwickelte sich zur meistverkauften deutschen Serie aller Zeiten, die in mehr als 100 Länder exportiert wurde. Sogar Chinesen und Japaner begeistern sich für die 60-minütigen Fälle von Oberinspektor Derrick und seinem Assistenten Harry Klein. Der berühmte Spruch, den Harald Schmidt in seiner Show populär machte und den seither jeder mit der Serie assoziiert, ist allerdings nie gefallen. "Harry, hol schon mal den Wagen" stammt nicht aus "Derrick", sondern aus einer Folge von "Der Kommissar".

Matula ermittelt seit 1981

Der Freitag als fest stehender Krimiabend existiert noch gar nicht so lange. Erst 1978 rückten die Serien auf den angestammten 20.15 Uhr-Termin am Freitababend. Dort liefen dann auch "Der Alte" (seit 1977) und "Ein Fall für zwei", die Serie mit Deutschlands derzeit dienstältestem TV-Ermittler. Seit 1981 geht Claus Theo Gärtner als Privatdetektiv Matula Kriminalfällen nach, die er von den Mandanten einer befreundeten Anwaltspraxis erhält. In der Zeit hat Matula drei Juristen verschlissen - und zeigt noch immer keine Ermüdungserscheinungen.

Seit Mitte der 80er Jahre drängt auch das Privatfernsehen auf den Krimimarkt. Die Fülle von neuen Formaten - Eigenentwicklungen wie Adaptionen aus den USA - zeigte zunächst nur, dass Masse nicht automatisch Klasse bedeuten muss. Doch im Laufe der Zeit kristallisierten sich auch hier interessante Formate heraus, beispielsweise "Der Bulle von Tölz" mit Ottfried Fischer.

Viel Lob für "Bella Block"

Das ZDF schuf mit der Zeit neue Sendplätze für Krimis - um die hohe Nachfrage befriedigen zu können. Der Samstagabend bot anspruchsvollen, eigenproduzierten 90-Minütern Platz, darunter die vielfach preisgekrönten Folgen von "Bella Block". Auch "Rosa Roth", "Wilsberg" oder "Sperling" ernteten viel Lob. Sonntags nach 22 Uhr zeigt das ZDF seit einigen Jahren Krimi-Importe aus England oder Skandinavien.

Inzwischen konkurrieren im deutschen Fernsehen mehr als 100 verschiedene Krimiformate. Straßenfeger wie "Das Halstuch" von 1962 gehören längst der Vergangenheit an. Dafür existiert heute eine Vielfalt an spannenden Krimiformaten - und auch neue Formen des Krimi-Guckens sind entstanden. So gibt es in Großstädten wie Hamburg, Berlin oder Köln seit einigen Jahren "Tatort"-Abende, bei denen man in einer gemütlichen, mit Sofas ausgestatteten Kneipe den Sonntagskrimi in Gesellschaft anschauen kann. Auch wenn im deutschen Fernsehen am laufenden Band gestorben wird - der Krimi ist nicht totzukriegen.