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"Tatort"-Krimitour durch Münster: Mysteriös: Prof. Boerne ist verschwunden - Wurde er entführt? Ermordet?

In Münster ermittelt nicht nur das "Tatort"-Duo Thiel und Boerne. Auch Fans des TV-Krimis begeben sich in der westfälischen Stadt auf Spurensuche. Der stern war dabei.

Von Anette Lache

Für die Tatort-Krimitour in Münster wurde ein eigenes Drehbuch geschrieben

Für die "Tatort"-Krimitour in Münster wurde ein eigenes Drehbuch geschrieben

Thiel ohne Boerne? Der Kriminalhauptkommissar und leidenschaftliche St.Pauli-Fan ohne den exzentrischen, rechthaberischen Rechtsmediziner? Unvorstellbar für die Anhänger von Deutschlands beliebtestem "Tatort"-Team aus . Doch das ist der Stoff, aus dem die Krimitour durch die Universitätsstadt ist. Boerne wird vermisst, und die Teilnehmer müssen sein rätselhaftes Verschwinden aufklären. Wurde Boerne von der Zigarettenmafia entführt? Oder wurde er gar ermordet und seine Leiche mit einem Betonklotz am Bein im Aasee versenkt? Oder unter den Pelargonien im Botanischen Garten vergraben?

An diesem Vormittag in Münster leitet Georg Naumann die Krimitour von "k3 Stadtführungen". Das macht er in senffarbener Jeans, hellblauem Hemd und Birkenstock-Pantoletten - Klamotten, die Stilikone Prof. Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne nie und nimmer tragen würde und für Frank Thiel schon wieder zu schick sind. Es ist ein Nebenjob für Naumann, eigentlich studiert er Jura. Im Innenhof des Historischen Rathauses entwirft er die Ausgangsszenarien für die Spurensuche in Münster:

Szene eins: sitzt in Boxershorts und St.Pauli-Shirt in seiner Wohnung und ist ziemlich schlecht gelaunt. Die Dusche ist kaputt, es gibt kein warmes Wasser. Und Boerne, der nicht nur der Leiter der Münsteraner Rechtsmedizin ist, sondern auch sein Vermieter, ist entgegen seiner vollmundigen Ankündigung bislang nicht erschienen. Dabei wollte er sich von der kaputten Dusche höchstpersönlich überzeugen und Abhilfe schaffen. Thiel müsste eigentlich los.

Szene zwei: Thiel radelt über das Kopfsteinpflaster des Prinzipalmarktes in Richtung Kommissariat. Unterwegs erhält er einen Anruf, die Rufnummer ist unterdrückt. Eine elektronisch verzerrte Stimme flüstert den kryptischen Satz "Boerne ist verschwunden. Ihm kann nur durch‚ Toleranz durch Dialog geholfen werden." Kurz darauf bekommt der Kommissar einen weiteren Anruf. Diesmal von seiner Kollegin Nadeshda Krusenstern, sie hat eine Mail vom Entführer bekommen. Im Anhang: rätselhaftes Bildmaterial zu alten Fällen von Thiel und Boerne. Die Fotos sollen den Krimifans verraten, wo sich Boerne aufhält.

Ein geniales "Tatort"-Team: Rechtsmediziner Boerne (links) und Kommissar Thiel

Ein geniales "Tatort"-Team: Rechtsmediziner Boerne (links) und Kommissar Thiel


An jedem Stopp in der Stadt bekommen die Teilnehmer Stadtgeschichte und Tatort-Geschichte zu hören, Bemerkenswertes und Schräges, geschickt miteinander verwoben von Naumann. Das Konzept ist gut, Langeweile kommt während der knapp zweistündigen Tour nicht auf. Die Hobbydetektive sind ununterbrochen damit beschäftigt, an diversen Tatort-Drehorten und Leichenfundorten in der Stadt nach Hinweisen zu suchen – schließlich geht es ja darum, Boerne zu retten. Nach jeder "Ermittlung" kreuzen sie eine von vier Antworten in dem Multiple-Choice-Spiel an – am Ende ergeben die dazugehörigen Buchstaben die Lösung. "Stadtführung mit interaktivem Part" nennt Naumann das. Es ist eine spielerische Stadterkundung für die Fans des Münsteraner "Tatort".

Schutzanzug und Kopfhaube

So geht es zum Beispiel in einer der ersten Fragen auf dem Fragebogen um den " " "Der doppelte Lott", der erstmals im November 2005 im Ersten gesendet wurde. Das Foto, das Georg Naumann dazu hochhält, zeigt Frank Thiel (gespielt von Axel Prahl) in einer alten Jeans und einer biederen beigefarbenen Allzweckjacke und Boerne (Jan Josef Liefers) in einem weißen Hemd, mit Pullunder und Slippern aus Wildleder. Nur an den Händen trägt der Leichensezierer Billiges: weiße Latex-Handschuhe, um keine Spuren zu verwischen. Wäre es ein echter Tatort gewesen, hätten Thiel und Boerne neben Handschuhen auch noch Schutzanzüge mit Kopfhaube, einen Mundschutz und Schuhüberzieher tragen müssen.

Boerne und Thiel stehen neben einer Leiche an der Rückseite des Historischen Rathauses. Das Opfer, das mit einem Stich in die Halsschlagader getötet wurde, war nicht, wie Thiel zunächst vermutete hatte, der rechtsextreme Bauunternehmer und Bürgermeister-Kandidat Frieder Lott, sondern ein als Lott verkleideter Kabarettist.

Der heilige Liudger in Münster

Der heilige Liudger

Die Teilnehmer müssen herausfinden, auf welche steinerne Figur am Rathaus der Blick der beiden Streifenpolizisten fällt, die auf dem Foto ebenfalls zu sehen sind. Die Figur ist leicht zu finden für die knapp 30 Teilnehmer der Krimitour: Die beiden Beamten blicken auf den heiligen Liudger und die Wildgans zu seinen Füßen. Der Bischof soll das Münsterland einst von einer Graugansplage befreit haben, so die Überlieferung. Und auch Wunder soll er vollbracht habe.

Die Tour führt vom Rathaus über den Prinzipalmarkt bis zur St. Lamberti-Kirche, von dort aus über die Domgasse zum St. Paulus-Dom - mit einem Abstecher zum Spiekerhof beziehungsweise der Bogenstraße, wo gleich zwei Wahrzeichen von Münster erraten werden müssen: der riesige "Kiepenkerl" und die kleine Statue des Hl. Nikolaus mit den drei goldenen Kugeln in der Hand. Kiepenkerle wurden früher umherziehende Händler genannt, die Eier, Milch und Geflügel vom Land in die Städte brachten und die Landbevölkerung mit Nachrichten, Salz und Sonstigem versorgten. Transportiert haben sie ihre Waren in einer Rückentrage, der "Kiepe".

Witzig und faktenreich moderiert Jurastudent Georg Naumann die Krimitour durch Münster

Witzig und faktenreich moderiert Jurastudent Georg Naumann die Krimitour durch Münster

Das "Tatort"-Foto, das Student Naumann vom Spiekermarkt zeigt, stammt aus der Folge „Der Frauenflüsterer“ (2005). Die Leiche des Restaurantbesitzers Dietrich Röttger liegt auf dem Dach eines Autos. Thiel und Boerne mussten damals klären: Hat sich der Mann tatsächlich aus dem Dachfenster eines der Häuser gestürzt - oder wurde er vielmehr ermordet, wie seine Witwe behauptet?

Wo der Tatort aus Münster wirklich gedreht wird

Die Szene mit dieser Leiche wurde tatsächlich in Münster gedreht. Georg Naumann macht jedoch kein Geheimnis daraus, dass nur ein Teil der Dreharbeiten in Münster stattfinden, weitgehend Außenaufnahmen. Der größere Teil des Münsteraner "Tatort" wird in Köln im Studio oder im Köln-Bonner-Raum gedreht. Das ist billiger, spart Fahrten und Hotelkosten. Laut Naumann zählen immerhin 50 Personen zur Stamm-Crew. Boernes Rechtsmedizin, die anfangs noch in einem Sektionssaal der Pathologie der Uniklinik war, ist längst detailgetreu in Köln nachgebaut worden. Und Boernes und Thiels Wohnhaus, erklärt der junge Stadtführer, habe noch nie in Münster gestanden. Die Häuser wechselten, aber nie sei eines in der Unistadt darunter gewesen. Die Krimitour-Teilnehmer – die meisten von ihnen sind älter als der "Tatort" selbst (1970) - stört das alles nicht. Weil es trotzdem genügend Drehorte und Leichenfundorte in der Stadt für sie zu sehen gibt.

"Mord ist die beste Medizin": Thiel im Einsatz

"Mord ist die beste Medizin": Thiel im Einsatz

Thiel radelt im "Tatort" immer wieder mal über das Kopfsteinpflaster des Prinzipalmarktes, der Haupteinkaufsstraße in Münster, vorbei an den typischen Giebelhäusern und der Lamberti-Kirche. Und am stadtauswärts gelegenen Aasee wurde ebenfalls schon mehrfach gedreht, zum Beispiel für "Mörderspiele" oder "Schwanensee". Gefilmt wurde zudem im Segelclub und im Tagungs- und Begegnungshaus des Bistum Münster. Im Bankhaus Lampe war im Tatort "Tempelräuber" das Priesterseminar St. Vinzenz untergebracht. Und natürlich wurde das Fürstbischöfliche Schloss als Kulisse genutzt.

Derzeit laufen die Dreharbeiten zu "Gott ist auch nur ein Mensch", der neue "Tatort" soll im Winter ausgestrahlt werden. Für ihren Kriminalfall tauchen Kommissar Thiel (widerwillig) und Prof. Boerne (begeistert) in die Kunstwelt ein. Die derzeit in Münster stattfindende Ausstellung "Skulptur Projekte 2017" passt da perfekt ins Bild.

Dass der Münsterer "Tatort" die Nummer eins ist, besagt die neueste "Tatort"-Statistik: 2016 hatte die Folge "Fangschuss“ am 2. April mit 14,56 Millionen Zuschauern die höchste Einschaltquote, so viele haben seit 25 Jahren keinen "Tatort" gesehen . In der Folge gab es nicht nur einen ermordeten IT-Spezialisten, sondern Thiel sah sich auch mit einer jungen Frau mit schlumpfblauen Haaren konfrontiert, von der er kurzzeitig glaubt, dass sie seine Tochter ist.

Anschauungsmaterial für die Krimifans: Stadtführer Naumann zeigt eine Szene aus dem "Tatort" "Der doppelte Lott"

Anschauungsmaterial für die Krimifans: Stadtführer Naumann zeigt eine Szene aus dem "Tatort" "Der doppelte Lott"

Boerne und Thiel sind keine Rambo-Ermittler, die ständig um sich schießen. Treffsicherheit beweisen sie in erster Linie in ihren witzigen Dialogen. Und der besondere Charme der beiden ungleichen "Tatort"-Charaktere besteht darin, dass sie sich nie weiterentwickeln. Thiel ist und bleibt Thiel, der leicht kauzige Kommissar. Und Boerne findet sich nach über 30 Folgen immer noch grandios und wird "Alberich" (gespielt von ChrisTine Urspruch) wahrscheinlich erst in seinem nächsten Leben anders behandeln. Und der Taxi fahrende "Vadder" Thiel wird auch mit 90 das Kiffen noch nicht sein lassen.

In Münster wird tatsächlich gemordet

Geschickt baut Georg Naumann während des Rundgangs diverse "Tatort"-Folgen in seine Erzählungen ein, wie etwa die "Tempelräuber", "Ruhe sanft!", "Die chinesische Prinzessin", "Hinkebein" oder "Herrenabend". Und natürlich auch den ersten Thiel-Boerne-Krimi aus Münster: "Der dunkle Fleck" (2002). Naumann macht Exkurse in die Stadtsoziologie und Kriminologie und bestätigt, was alle schon längst ahnten: In der Fahrradhochburg Münster werden nicht nur Räder geklaut, sondern hier wird auch gemordet. Von zwei wahren Fällen erzählt der Jurastudent: vom Fall Rohrbach, der nie aufgeklärt wurde. In einem spektakulären Indizienprozess war die Ehefrau des zerstückelten Opfers zwar 1958 wegen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt worden. Später, im Wiederaufnahmeverfahren, kam es dann aber zum Freispruch.

Im zweiten Fall ehelichte ein Münsteraner eine über 30 Jahre jüngere Frau, die er in Brasilien kennengelernt hatte. 2007 erwürgte er die lebenslustige Lou im gemeinsamen Haus unweit der Lamberti-Kirche. Das Motiv: Eifersucht. Die Leiche rollte er in einen Teppich aus dem Baumarkt ein und transportierte sie mit einer Sackkarre unbehelligt durch die belebte Fußgängerzone. Später versenkte sie in einem Kanal. Auf seine Spur kam die Kripo, nachdem der Geliebte die Frau vermisst gemeldet hatte.

Die k3-Krimitour endet schließlich auf dem Überwasserkirchplatz, mit Blick auf die Diözesanbibliothek, die in einem der Krimis eine hypermoderne Firmenzentrale war, und auf das Antiquariat Solder. Von dort aus ermittelt seit mehr als 20 Jahren ein anderer: Wilsberg, aus der gleichnamigen ZDF-Krimiserie.

Und der entführte Boerne? Nur so viel sei verraten: Er lebt.


Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo