HOME

Til Schweigers "Mission Hollywood": Stöhnen, schlecken, strippen

Um den Walk of Fame von Hollywood geht es Til Schweiger genauso wenig wie Heidi Klum um die Laufstege von Paris. Die neue Castingshow "Mission Hollywood" dient der Selbstinszenierung des Gastgebers und weniger der Talentsichtung. Während sich Schweiger zum Auftakt in großen Posen gefiel, mussten die Kandidatinnen vor allem zeigen, ob sie zu "Germany's next Pornostar" taugen.

Von Katharina Miklis

Yesim fühlt sich unwohl. Mit feuchten Händen knetet sie die Gummi-Nippel, die sie sich auf die Brüste kleben soll. Gleich muss sie die berühmte Striptease-Szene aus "9 1/2 Wochen" nachspielen. Und das obwohl sie ihrem Mann doch versprochen hat, bei der RTL-Castingshow "nichts mit Sex zu machen".
Wer "nichts mit Sex" machen möchte, ist bei "Mission Hollywood" nicht gut aufgehoben. Striptease, Lesbenkuss und Orgasmusszenen: So sieht es aus, wenn RTL in einer Castingshow nach Nachwuchsschauspielerinnen sucht. Die Kandidatinnen sind vielleicht nicht ganz so hübsch wie bei "Germany's next Topmodel". Ansonsten gleichen sich die beiden Formate wie die Selbstverliebtheit ihrer Hauptjuroren Heidi Klum und Til Schweiger. Viel nackte Haut, sinnentleerte Aufgaben und Prüfungen, die mit der Realität wenig zu tun haben - eine Castingsendung auf Flaschendreh-Niveau.

Die Kandidatinnen, die bei Schweigers schlüpfriger Schauspielschule "Mission Hollywood" in der Regel wie beim großen Formatvorbild "Germany's next Topmodel" ("GNTM") nur "Mädchen" genannt werden, müssen in der ersten Folge als erstes einen Mann "anmachen". Diese Form der Talentprüfung ist aus "GNTM" hinlänglich bekannt. Skurriler werden die nächsten Prüfungen. Die Orgasmus-Imitation aus "Harry und Sally" soll dargestellt werden, ebenso Kim Basingers Striptease aus "9 1/2 Wochen" und der Lesbenkuss aus "Eiskalte Engel". RTL ist offenbar auf der Suche nach Germany's next Pornostar. Und Schweiger gefällt sich als Schmuddelregisseur, der Tipps für den perfekten Orgasmus gibt.

Der Sender geht auf Nummer sicher. Es wird gestöhnt, es wird gestrippt, es wird geknutscht. Was bei ProSiebens "Mädchen" die Quoten in die Höhe getrieben hat, soll nun auch bei der Konkurrenz Wirkung zeigen. Dass Castingshows nicht unbedingt ein Garant für gute Quoten sind, haben einige Flops in der vergangenen Zeit gezeigt. Der Start von "Germany's next Showstars" war vergangene Woche äußerst verhalten. Die Modelcasting-Reihe "Die Talentsucher" auf Vox musste bereits nach drei Folgen abgesetzt werden, weil kaum jemand zuschauen wollte. Damit RTL nicht das gleiche Schicksal ereilt, hat man die Produktionsfirma TresorTV mit "Mission Hollywood" beauftragt, also jene Firma, die Heidi Klums Modelsuche Traumquoten bescherte.

Tränen, Trash und große Träume

Das Problem: Somit wird die ganze Sendung zur Kopie des Erfolgsformates. Aufbau, Musik, sogar der Sprecher aus dem "Off" klingt wie beim Original. Der einzige Unterschied ist, dass in den Werbepausen nicht Heidi Klum in einen Burger beißt, sondern Til Schweiger den Rasierer schwingt. Wie bei "GNTM" sind auch bei "Mission Hollywood" schräge Charaktere dabei. Die religiöse Friederike hat eine "Flatrate zu Gott", Yesim hält sich für ein Topmodel und Julianes traurige Vergangenheit (wurde in der Schule gemobbt, Mutter verstorben) nutzt RTL, um zu zeigen, wie emotional so ein Casting sein kann. Tränen, Trash und große Träume - der Stoff aus dem die Castings sind.

Wenn es um Improvisationen eines Wutanfalls geht, zeigen sich die schauspielernden "Mädchen" ebenso kreativ wie die Model-Anwärterinnen ("Ey, guck nicht so behindert!"). Anstatt eines Fotos gibt es für diejenigen, die am Ende jeder Folge weiterkommen, einen Mini-Oscar. Für Styling-Tipps ist Tshibo-Designer Michael Michalsky zuständig ("Lila ist das neue Schwarz"). Der Bruce Darnell der RTL-Castingversion ist der amerikanische Schauspiel-Coach Bernard Hiller ("Bist du eine bisschen Victim in deine Leben?"). Til Schweiger ist ebenso untalentiert im Spannungsaufbau wie Heidi Klum. Immerhin hat er nicht nur Stylingtipps für seine Schülerinnen parat ("Dünner würde dir echt gut stehen und mit kurzen Haaren würdest du nicht so billig aussehen"), sondern auch ein paar Lebensweisheiten. "Beim Film sagt man: Wer Requisiten klaut, der bumst auch Komparsinnen", sagt er und isst die Weintrauben am Set. Die "Mädchen" wirken etwas überfordert bei der Fülle sexueller Anspielungen, die Schweiger auffährt. Auch verstehen sie nicht, wie man die Jury mit Gestöhne von seinem Schauspieltalent überzeugen soll und wie wichtig Plastiknippel fürs Weiterkommen sind. Das macht sie zumindest sympathisch.

Schweigers Ego-Trip

Die "Talentierteste" bekommt am Schluss der Show eine Nebenrolle in dem Kinofilm "Twilight". Ob auf die Gewinnerin von "Mission Hollywood" jedoch tatsächlich der große Durchbruch in Hollywood wartet? Auch Schweiger, der selbsternannte Schauspiellehrer, hat es dort nicht weit gebracht und gehört in L.A. zu der Liga eines Ralf Möller. Aber einen echten Star zu kreieren, ist genausowenig sein Auftrag wie es Klums Absicht war, ein neues Topmodel zu casten. "Mission Hollywood" ist Schweigers Ego-Trip. Vom Publikum zwar größtenteils geliebt, von Kritikern jedoch belächelt, kann er sich endlich zeigen, wie es ihm gefällt. Im roten Cabrio cruist er im Show-Trailer durch L.A. Die Kandidatinnen rennen kreischend hinterher. In Zuhälterpose winkt er sie gönnerhaft zu sich. So gefällt er sich.

Am Ende kommen nicht die Talentiertesten, sondern die Hübschesten weiter. Dafür sorgt auch Heiner Lauterbach, der Schweiger als Gastjuror mit sexistischen Altherrenwitzen aushilft. Neun Kandidatinnen dürfen nach Hollywood fliegen. Das Leben in Hollywood ist hart, sagt Schweiger. Der Weg dorthin noch härter. Das trifft wohl vor allem auf den Zuschauer zu. Der Vorspann für die nächste Folge lässt erahnen, dass es mit dem Niveau der Show nicht besser wird. Immerhin dürfen die "Mädchen" für ihre nächste Rolle mehr Text auswendig lernen. Eine der Kandidatinnen probt ihn schon einmal: "Ich habe mir eine Flöte in die Muschi geschoben."

  • Katharina Miklis