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TV-Comeback bei NeunLive: Schreinemakers kauft sich Arbeit

Sie ist die Berlusconi des deutschen Fernsehens: Als keiner mehr mit ihr rechnete, tauchte Margarethe Schreinemakers plötzlich wieder auf der Bildfläche auf. Und niemand weiß so richtig, warum. Dass ihre alten Sender nicht mehr mit ihr arbeiten wollten, konnte sie nicht stoppen: Sie kaufte sich einfach ihre eigene Show.

Von Katharina Miklis

Im Flur von Margarethe Schreinemakers trifft man auf ganz große Fußball-Namen: Inzaghi, Ronaldo... Ihre Trikots, um genau zu sein. Alle sind getragen und ungewaschen. Ein Hobby von Schreinemakers ältestem Sohn Lukas, 17. Der Schweiß großer Erfolge hängt in der Luft beim Hausbesuch bei der Frau, die nach ihrem unnachahmlichen Durchbruch von "Schreinemakers live" und diversen Flops ganz unten angekommen ist: bei NeunLive.

Wir befinden uns in Eupen, Belgien. Eine knappe Stunde vom Kölner Flughafen entfernt. Hier erstreckt sich hinter hohen Mauern das über 1000 Quadratmeter große Reich der ehemals erfolgreichsten Talkerin des deutschen Fernsehens. Auf dem Tisch im Esszimmer steht ein Reisfladen bereit. Schreinemakers Leibspeise. Dass sie sich da "reinlegen könnte" sieht man der zierlichen Moderatorin nicht an. Durchtrainiert sieht sie aus. Und unheimlich schmal. An den Wänden hängen große, moderne Gemälde. Margarethe Schreinemakers ist aufgedreht. Sie gestikuliert wild. Ein medialer Knallfrosch. Sie kann es kaum erwarten, dass ihr neues Projekt endlich an den Start geht. Die 49-jährige Grande Dame des Talks will es jetzt mit Internet-Fernsehen versuchen. Auf eigene Faust. "Wir wagen den Anfang vom Fernsehen der Zukunft". Ein Neuanfang wie sie sagt. Und ihr großes TV-Comeback, das sich jedoch als krampfhafter Selbstdarstellungsdrang auf einem völlig unbekannten Spartensender entpuppt. Die fetten Jahre sind vorbei.

Skandale, Sex, Sozialdramen und Singles

Im Prinzip macht sie die Themen, die sie immer gemacht hat. Skandale, Sex, Sozialdramen und Singles. Nur das Format ist neu. "Schreinemakers 01805 - 100 232" heißt es und ist auf www.schreinemakers.de und einmal pro Woche im NeunLive-Vorabend, der Frequenz NeunTV, zu sehen. Ein "crossmedialer, interaktiver Stammtisch" soll es werden, sagt NeunLive-Chef Marcus Wolters. Die Zuschauer sind per Mail und Telefon mit der Ikone des Barmherzigkeits-Fernsehens und anderen Zuschauern und Usern verbunden. Experten bieten Lebenshilfe. Und Singles können sich per Video-Botschaft vorstellen. Es ist irgendwie alles. Und nichts.

Gelingt Margarethe Schreinemakers ihr TV-Comeback?

Willkommen in Margarethes bizarrer Selbsthilfegruppe. Klingt nach dem typischen Programm der Moderatorin, die sich zu ihren Hoch-Zeiten Bezeichnungen wie "Sozialdomina" und "Heulsuse" gefallen lassen musste und deren Auftritte im deutschen Fernsehen so tränenreich waren, dass Bambi und Ross Antony einpacken können. Sie war die Quoten-Queen der 90er. Kassierte Millionengagen. Bis zu neun Millionen Leute schauten zu, wenn sie bei "Schreinemakers live" auf Sat1 Rotz und Wasser heulte. Bis zu vier Stunden dauerte ihre Gesprächstherapie. Niemals wieder hat eine Frau im deutschen Fernsehen solche Einschaltquoten erreicht. Es war die Zeit von Bärbel Schäfer, Ilona Christen und Hans Meiser. Doch keiner kam an die Schreinemakers heran - trotz unweiblicher Igelfrisur, überdimensionaler Schulterpolster und dem "schläfrigen Sex in der Stimme", die nur Ex-Mann Jürgen von der Lippe nicht nervig fand. "Bambi", "Goldene Kamera" - sie räumte alles ab. Bis 1996. Da kam der große Eklat, der an Schreinemakers Image kratzte.

Verlogene Doppelmoral der "Margarethe nationale"

Ihre Steuerhinterziehungsaffäre passte nicht zur volksnahen "Margarethe nationale", die mit dem Leid anderer kollektive Heulkrämpfe auslöste. Verlogene Doppelmoral wurde ihr vorgeworfen. Als sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in ihrer Sendung live zu ihrer Steuerhinterziehungsaffäre äußern will, dreht ihr Sat1 kurzerhand den Saft ab. Erstmals in der deutschen TV-Geschichte wurde eine laufende Live-Sendung mitten im Beitrag abgebrochen.

Danach kamen nur noch Flops. Der Wechsel zu RTL bedeutete einen derben Quoteneinbruch - auf nur 2,5 Millionen Zuschauer. Immerhin kassierte Schreinemakers von RTL eine fette Abfindung in Höhe von zehn Millionen Euro. 2001 zeigte sie sich noch einmal ganz moralisch und schmiss die RTL2-Abspeck-Show "Big Diet" nach zwei Folgen hin. Es ging ihr in der Endemol-Sendung nicht genügend um gesunde Ernährung, sondern nur um "Dicke im Container". Ihr letztes großes TV-Comeback floppte im Jahr 2004. Bei der ARD versuchte sie zur Mittagszeit mit "Schreinemakers" ihr altes Ding durchzuziehen. Wegen der mäßigen Einschaltquote setzten die Programmverantwortlichen die Sendung jedoch nach nur drei Monaten ab.

Das ist jetzt vier Jahre her. Eine Ewigkeit im TV-Geschäft. Aber die großen Sender haben immer noch keine Lust auf einen weiteren Flop. RTL und Sat1 sagten ab, als Schreinemakers ihr neues Konzept vorstellte. Sie haben das Potenzial ihrer Idee einfach nicht erkannt, sagt Schreinemakers und griff zu anderen Mitteln. In Eigenregie baute sie die komplette zweite Etage ihrer Eupener Villa in ein TV-Studio um und kaufte sich einfach einen neuen Job: "Ich habe hier alles selbst bezahlt. Wo andere shoppen gehen, habe ich mir Arbeit gekauft. Das, was ich hier ausgegeben habe, investieren andere mal ganz locker in teure Sportwagen oder Luxus-Abendroben."

"Ich halte durch. Machen sie sich um mich keine Sorgen!"

Verdienen will sie nur durch die Anrufer: "Die einzige Einnahmequelle der Internet-Sendung sind die Telefonkosten, die entstehen, wenn Menschen mit mir und meinen Experten diskutieren wollen. Und die sollen niedrig gehalten werden". 14 Cent pro Minute sind das - zumindest vom Festnetz. Schreinemakers ganz selbstlos? Nicht ganz: Vom Privatsender NeunLive, der im letzten Moment bei Schreinemakers anklopfte, gibt es auch noch "ein kleines Geld" - was auch immer das heißt. Dafür wird "Schreinemakers 01805 - 100 232" nicht nur im Internet stattfinden, wie anfangs geplant, sondern einmal pro Woche auch auf der Frequenz NeunTV.

Gewinn interessiert sie nicht, sagt sie. Es geht ihr nur darum, zu arbeiten. "Ich bin niemand, der sich im Vorfeld per Excel an Werbeeinnahmen glücklich rechnet!" Und überhaupt: "Eine Sendung kostet doch nur so viel wie eine Minute Superstars". Langsam wird Frau Schreinemakers ungeduldig. Sie will nicht mehr über Geld reden. Und auch nicht darüber, dass ihr neues Arbeitsumfeld bei NeunLive von vielen als äußerst fragwürdig betrachtet wird. "Wie fühle ich mich denn wohl bei Sendern, wo man sich über Dicke lustig macht oder 16-Jährige seelisch hinrichtet?", sagt sie und denkt dabei an alte Brötchengeber wie RTL. Nur macht das NeunLive besser? Und noch ein Wort zum Geld: "Ich halte durch. Machen sie sich um mich keine Sorgen!"

Sorgen machen wir uns nicht. Nur Gedanken, ob jemand zuschaut, wenn Margarethe Schreinemakers zwischen hirnrissigen Gameshows und billigen "La Notte"-Oben-ohne-Girls Lebensweisheiten erteilt. Doch das kann der Moderatorin jetzt egal sein. Denn einen weiteren Vorteil hat es, wenn man sich seine eigene Show kauft, das weiß auch "Margarethe geniale": "Immerhin kann ich jetzt nicht mehr abgesetzt werden".

"Schreinemakers 01805 - 100 232" auf www.schreinemakers.de und ab dem 25. April jeden Freitag um 18.45 Uhr nei NeunTV

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