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20 Jahre: Die Köpfe des Privatfernsehens

20 Jahre Privatfernsehen haben in Deutschland Menschen prominent gemacht, die sonst vielleicht nie eine Chance zum Aufstieg in der Medienszene gehabt hätten.

Die Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1995 war schwül, und sie dauerte lange. Gegen vier Uhr morgens zog sich Margarethe Schreinemakers nach ihrem alljährlichen Sommerfest in den Maskenraum zurück. Dort entkorkte die SAT.1-Moderatorin, damals mit "Schreinemakers live" auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, eine Flasche Champagner und ließ vor einer Hand voll Freunden und Bekannten die Katze aus dem Sack: "Ich wechsle zu RTL". Die Nachricht traf die Fernsehnation damals wie eine Keule, vergleichbar nur mit Harald Schmidts jähem Rückzug von SAT.1 vor wenigen Tagen.

20 Jahre Privatfernsehen haben in Deutschland Menschen prominent gemacht, die sonst vielleicht nie eine Chance zum Aufstieg in der Medienszene gehabt hätten. Auf der anderen Seite haben viele Bildschirmgesichter die Chance, die sie erhielten, nie nutzen können und verschwanden in der Versenkung. Die werbefinanzierten Sender brachten eine Dynamik ins Medium Fernsehen, die von den öffentlich- rechtlichen bis dahin nicht bekannt war: Wer nach den Quotenmessungen der GfK-Fernsehforschung nicht erfolgreich war, wurde innerhalb kürzester Zeit gnadenlos vor die Tür gesetzt.

Absturz ins Nachmittagsprogramm

Schreinemakers' Schicksal ist insofern typisch. Ihr Aufstieg bei SAT.1 fing 1992 an und gipfelte 1995 in höchster Popularität. Der Wechsel zu RTL, die beginnende Quotenmisere und ihre so genannte Steueraffäre brachen ihr jedoch das Genick. Nach einem kurzen Intermezzo bei RTL II ("Big Diet") beginnt sie nun mit einer kleinen, bescheideneren Nachmittagsshow in der ARD, für die die Produktionsgesellschaft Bavaria Entertainment beispielsweise Leute sucht, die Rückwärtssprechen und Rückwärtsschreiben können - und das für 100 Euro Honorar. Bei SAT.1 gab es mindestens 500 Mark Gage und eine Übernachtung im "Wasserturm", einem der besten Kölner Hotels.

Günther Jauch, König von RTL

Das Privat-TV wurde oft von Personen geprägt, die beim öffentlich-rechtlich Funk begannen und dann dem Lockruf des Geldes nicht widerstanden: Frank Elstner zog es zu RTL, wo er mit Shows wie "Aber Hallo" Erfolg hatte, mit "Flieg mit AirTL" aber eine Eintagsfliege produzierte. Rudi Carrell probierte in Köln auch einige Shows und platzierte mit "7 Tage - 7 Köpfe" einen Langläufer. Karl Dall wechselte zwischen RTL und SAT.1 hin und her und fand jetzt bei Kabel 1 eine neue Heimat. Günther Jauch, ausgebildet beim Bayerischen Rundfunk, ist ungekrönter RTL-König, Harald Schmidt (früher WDR) brauchte SAT.1 zur Selbstfindung, nur Thomas Gottschalk hatte bei RTL mit seinem Late Talk und bei SAT.1 mit der "Hausparty" keine Fortune.

"Eigengewächse" der Privaten

Die privaten Sender entwickelten aber auch ihre eigenen Gesichter: Hugo Egon Balder, der gerade bei SAT.1 ganz "Genial daneben" zur Hochform aufläuft, gehört dazu wie "Karlchen"-Erfinder Björn Hergen Schimpf - beide Urfiguren von RTL. Mit Balder, bekannt geworden als "Herr der Möpse" in der Busenparade "Tutti frutti", wuchsen auch Quasselstrippe Hella von Sinnen ("Alles nichts, oder?!") und Sexpertin Erika Berger beim Kölner Sender auf, ähnlich wie Barbara Eligmann oder Frauke Ludowig und Hans Meiser. Auch Arabella Kiesbauer (ProSieben) oder Ulrich Meyer und Kai Pflaume (beide SAT.1) gehören zu den typischen Vertretern der privaten Zunft.

Öffentlich-Rechtliche werben Moderatoren ab

Doch nach dem Exodus der prominenten öffentlich-rechtlichen Moderatoren zu Beginn der 90er Jahre setzte zum Ende des Jahrzehnts die Gegenbewegung ein. Reinhold Beckmann zog es als Talker und Sportmoderator von SAT.1 zur ARD, Jörg Pilawa folgte seinem Ex-Sportchef von Berlin auch zur ARD und wird dort als Allzweckwaffe mit Erfolg eingesetzt. Auch Johannes B. Kerner hielt es nicht länger als Daily Talker bei SAT.1; er hat sich beim ZDF inzwischen eine Omnipräsenz aufgebaut.

Ilja Richter moderierte nur einen Tag

Viele Blüten des Privat-TV sind inzwischen vergessen: Wer erinnert sich noch an Radka Kaspar, die erste Gerichtsshow-Moderatorin (Vox), die 1998 wegen zu geringer Quoten aus dem Programm flog? Hubertus Meyer-Burckhardts Ausflug zu ProSieben ("River Café") endete mit einem Flop. Ilja Richter moderierte genau einen Tag lang das SAT.1- Frühstücksfernsehen. Eine gewisse Sybille Storkebaum moderierte die SAT.1-Show "Ich bekenne", aber nicht sehr lange. Von Kai Tasche, der einmal "Das goldene Ei" präsentierte, redet keiner mehr, auch die Talker Peter Imhof, Ricky Harris und Andreas Türck sind weg vom Fenster.

Filmreife Geschichte des Privatfernsehens

Manche Produktion ist gar nicht erst gesendet worden. Die RTL-Serie "Zechen Blues" erreichte nie Bildschirmreife, die Serie "Corinna" wurde von RTL nach einer Folge abgesetzt. Der SAT.1-Film "Die Russenhure" lagert immer noch im Giftschrank - angeblich weil die Russenmafia den damaligen SAT.1-Geschäftsführer Fred Kogel bedrohte. Böse Zungen behaupten indes, dass Kogel selbst diese Theorie lancierte, in Wirklichkeit aber sauer auf den Regisseur war, weil dieser eine Affäre mit einer Kogel-Freundin gehabt haben soll. Auch die Geschichte des Privatfernsehens, so scheint es, hat filmreife Stoffe geschrieben.

Carsten Rave, dpa / DPA