HOME

TV-Film "George" in der ARD: Der unüberwindbare Vater

In "George" arbeitet sich Filmstar Götz George an seinem Übervater ab, dem Brachial-Schauspieler und Nazi-Mitläufer Heinrich George - um ganz bewusst zu scheitern.

Von Sophie Albers

Es war ein tragischer Dienstagabend, als der TV-Film "George" vor drei Wochen im Berliner Kino Babylon gezeigt wurde. Die Zuschauer sahen eine der schauspielerischen Naturgewalten des vergangenen Jahrhunderts angesichts politischer Macht scheitern - und einen Sohn vergeblich um die Gunst des Vaters kämpfen, weil der schon seit fast 67 Jahren tot ist. Nach zwei Stunden weiß das Publikum mehr über Götz George, als einem lieb sein kann. "George" ist einer der persönlichsten Filme überhaupt.

Sieben Jahre alt war Götz George, als sein Vater Heinrich 1946 in russischer Gefangenschaft im ehemaligen KZ Sachsenhausen an einem Herzkollaps starb. Heinrich George war damals 52 Jahre alt und hatte eine steile Schauspielkarriere hinter sich.

Götz George will nicht reden

In den 20ern und Anfang der 30er stand der bullige "Gewaltmensch" (Götz George) für Kultregisseure wie Bertolt Brecht und Erwin Piscator auf der Bühne. Fritz Lang holte ihn für "Metropolis" (1927) vor die Kamera. Heinrich George war ein Star. Ein wilder Genussmensch, der Disziplin einzig auf der Bühne angemessen fand. Als 1933 die Nazis die Macht übernahmen, macht George bald Karriere als Staatsschauspieler und Intendant des Schiller-Theaters. Vor allem aber spielte er in den Propagandafilmen der Nazis mit - sei es der anti-jüdische Hetzfilm "Jud Süß" oder der Durchhaltestreifen "Kolberg" kurz vor Kriegsende. Auch durch Radioansprachen und Auftritte an der Seite von Hitler oder Goebbels war er der deutschen Bevölkerung bestens vertraut.

Vertraut wirkt auch der 74-jährige Götz "Schimanski" George, der in Jeans, schwarzem Blazer und Kaugummi kauend an den Sitzreihen vorbei Einzug hält. Auch sein älterer Bruder Jan ist da, der dem Vater übrigens wesentlich ähnlicher sieht. Zehn Jahre lang hat Autor und Regisseur Joachim Lang ("Jud Süß - Ein Film als Verbrechen?") an diesem Projekt gearbeitet, international recherchiert und wohl alles eingesehen, was die George-Archive hergeben. 15 Drehbücher soll es über die Zeit schon gegeben haben, in denen Götz George seinen Vater spielt. Die waren dem Mimen aber alle "zu kleinkariert". Erst Lang habe ihn vor vier Jahren überzeugt. Der Filmemacher habe ausgiebig gebohrt, so der nicht nur an diesem Abend maulfaule Götz George. Dessen Abwehrhaltung trotz eines wohlgesonnenen Publikums lässt die Fragerunde im Anschluss an den Film schnell enden.

Dabei liefern die Filmmenschen am Mikrofon so wenig Antworten wie ihr Werk selbst, an dem sich nun nicht nur Filmhistoriker abarbeiten werden. Es ist ein Hybrid aus Realfilm, Interviews und Dokumentaraufnahmen. Dabei ist er so wenig Krebsgang wie Abrechnung, sondern eben dieser persönliche Versuch, einen Vater zu finden.

So berserkt George mal als Heinrich, mal als Götz im Heinrich-Kostüm über die Leinwand. Und der Zuschauer sieht nur zu genau, wie Recht der Sohn hat, wenn er sagt, dass sein Vater ihn immer überholt habe, immer besser gewesen sei. Nur die Erklärung dazu stimmt nicht. "Besessener" war der Vater nicht. In der Spielwut steht Götz George ihm in nichts nach. Aber an der brüllenden Körperlichkeit fehlt es dem Schauspieler.

"Ich kann meinen Namen nicht ändern"

Immer wieder zeigt der Film, wie der begnadete Schauspieler Heinrich George vor lauter Egozentrik die Katastrophe nicht nahen sehen will. Warnungen will er nicht hören. Sich abwendende Freunde tut er als neidische Kollegen ab. Goebbels' Lob - "Das deutsche Volk braucht einen Schauspieler für den Bauch - hat er angeblich nicht gehört. Zur "Wollt ihr den totalen Krieg"-Massenkundgebung im Berliner Sportpalast hätten die Nazis ihn entführt. "Was heißt böse", fragt er den Russen, der das Verhör leitet. "Den Bösen gut zu spielen, das ist die Herausforderung für den Schauspieler." Heinrich George hat sechs Tage nach der Kristallnacht sein Schiller-Theater feierlich eröffnet. Man möchte sich übergeben angesichts von so viel Ignoranz. Aber das Anliegen dieses Films ist nunmal die Vater-Sohn-Beziehung.

"Ich heiße Götz George, das kann man nicht mehr ändern", sagt der Sohn schließlich. So gräbt und leuchtet er aus, wo er ein Stück Vater finden kann. Ob der Koloss, den er auch gefürchtet hat, nicht doch auch Zärtlichkeit abwirft. Keine Beziehung ist enger, formender und komplexer als die zu den Eltern. Allerdings fühlt Götz George sich nach diesem Mammutakt offensichtlich nicht besser.

Der Zuschauer auch nicht, denn "George" wagt Ungeheuerlichkeiten wie die liebliche Musik, sobald Kriegsgefangene zu sehen sind, die ein Loblied auf Heinrich George anstimmen, der ihnen im Lager Hoffnung gegeben habe. Bei keinem wird erklärt, warum sie inhaftiert waren. Mehr als einmal bricht Georges rumpeliger Charme mit dem Ernst der Lage. Und schließlich schimpft Götz George auf die "Google-intellektuellen" Interviewer, "die meinen Vater nicht kannten und die die Zeit nicht kannten".

Die tiefschichtige Auseinandersetzung mit dem Künstler, der sich der Diktatur hingegeben hat, muss jemand anderes liefern.

Die ARD zeigt "George" am 24. Juli um 21.45 Uhr.