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TV-Kritik "Günther Jauch": Gurlitt, die Beutekunst - und ein Verdacht

Gurlitt und die Leichen in deutschen Museumskellern: Günther Jauch arbeitete sich mit seinen Gästen am Kunsthändlersohn und am Umgang mit NS-Raubkunst ab – doch die entscheidenden Personen fehlten.

Von Mark Stöhr

Nachdem die Alliierten nach 1945 von den Nazis gestohlene oder erpresste Kunstwerke ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben hatten, blieben 10.000 Bilder übrig. Ihre Herkunft war nicht zu ermitteln. Also landeten die Werke beim Bundesfinanzministerium – und schmückten fortan die Amtsstuben quer durch die Republik. Die Direktive lautete: Es mögen aber bitte schön Amtsstuben ohne Publikumsverkehr sein. Das schlechte Gewissen hing mit an der Wand.

Michael Naumann erzählte diese Geschichte gestern Abend bei Günther Jauch. Dem ehemaligen Rowohlt-Chef wiederum wurde sie zu seiner Zeit als Kulturstaatsminister Ende der 90er Jahre von einem Finanzbeamten zugetragen. Eine Recherche wurde damals in die Wege geleitet, bei der immerhin zwei Canelettos wieder auftauchten. Welche Mengen NS-Raubkunst – ob aus jüdischem Besitz oder waggonweise aus den besetzten Gebieten nach Deutschland geschafft –, sich heute noch in deutschen Wohnungen oder in den Depots von staatlichen Museen befinden, weiß niemand so genau. Doch sie müssen erheblich sein.

Cornelius Gurlitt, der Messie der Klassischen Moderne

Darüber waren sich die von Jauch eingeladenen Journalisten und Anwälte einig: Cornelius Gurlitt, der mittlerweile weltberühmte Kunsthändler-Sohn und Messie der Klassischen Moderne, ist nur ein Fall von vielen. Wäre er nicht Zollfahndern mit einem Sack voll Bargeld an der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz in die Hände gefallen, würde er wahrscheinlich noch heute mit den beiden Reitern von Max Liebermann in seinem Wohnzimmer sitzen.

Eben dieses Gemälde, wusste die "Spiegel"-Reporterin Özlem Gezer zu berichten, wollte Gurlitt 2011 eigentlich verkaufen, doch er konnte es mit seinem schweren Originalrahmen nicht tragen. Also entschied er sich für Max Beckmanns "Löwenbändiger", das war "solide verpackt". Gezer, die vier Tage mit Gurlitt verbracht und darüber eine "Spiegel"-Titelgeschichte geschrieben hat, beschrieb den 80-Jährigen als "aus der Zeit gefallen". Als einen, der mit seiner Schreibmaschine einen Brief tippt, um ein Hotelzimmer zu reservieren, und nie die Post öffnet, wenn er den Absender nicht kennt. Ein alter Mann ohne Rente und Krankenversicherung.

Naumann war dieses Gurlitt-Porträt zu harmlos. Gurlitt sei nicht immer Greis gewesen, "er war auch mal jung" und habe schon gewusst, warum er den Kunstschatz seines Vaters wie in der "Höhle von Ali Baba" versteckt und sich in München nie angemeldet habe. Gezer hielt dagegen, für Gurlitt sei sein Vater bis heute ein Held, der die als "Entartete Kunst" diffamierten Werke vor den Nazis und der Vernichtung gerettet habe – nicht der skrupellose Profiteur des NS-Regimes, der er in Wirklichkeit und ohne Zweifel war.

Dilettantismus der bayerischen Justizbehörden

Doch wem gehört die Kunst? Nicht nur jene 1300 Werke, die von den bayerischen Behörden in Schwabing bei Gurlitt beschlagnahmt wurden, sondern auch die unzähligen anderen, die auf dubiose Weise bei ihren jetzigen Besitzern oder Verwahrern gelandet sind? In dieser Frage brachte die Jauch-Gesellschaft nicht wirklich Licht ins juristische Dunkel. Verwickelte und zum Teil auch groteske rechtliche Bestimmungen kamen noch einmal aufs Tablett, über die man im Zuge der ausführlichen Gurlitt-Berichterstattung in den letzten Wochen schon oft genug den Kopf geschüttelt hat.

Dass zum Beispiel hierzulande anders als im Ausland Käufer von NS-Raubkunst, die sich dessen nicht bewusst sind – der Fachterminus lautet "gutgläubig" –, nicht belangt werden können und eine mögliche Rückgabe lediglich auf Good-Will-Basis beruht. Oder dass das "Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst" aus dem Jahr 1937 nach dem Krieg nie für ungültig erklärt wurde. Es war dasselbe Jahr, in dem der legendäre Kunsthändler Alfred Flechtheim völlig verarmt in seinem Londoner Exil starb. Die Nazis hatten ihm alles genommen. Der von Julius Gurlitt zu einem Auktionshaus gebrachte "Löwenbändiger" stammte aus seinem Besitz.

Man hätte gerne einen Vertreter der Augsburger Staatsanwaltschaft oder vom bayerischen Justizministerium in der Runde gesehen, denen der Anwalt Peter Raue im Umgang mit der Causa Gurlitt Dilettantismus und "einen der größten Kunstskandale" bescheinigte. Dann wäre etwas Zunder gewesen im letztlich allzu höflichen und vagen Hin und Her der Einschätzungen und Meinungen. Auch einen jener Museumsdirektoren mit reichlich Leichen im Kunstkeller hätte man gerne zur Sache gehört, denen Michael Naumann, wie er erzählte, als Kulturstaatsminister mal einen Brief zum Thema Provenienzforschung geschrieben hatte, ohne darauf je eine Antwort erhalten zu haben.

Wenigstens in einem Punkt gab das Expertengremium eine konkrete Antwort: Der Gurlitt-Schatz sei nie und nimmer eine Milliarde Euro wert, wie mancherorts kolportiert wurde, sondern höchstens 50 Millionen.