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TV-Kritik "Make Love": Kuscheln auf dem Venushügel

Jeder weiß, wie Sex geht. Eine Sexologin zeigt im MDR jetzt, wie er auch Spaß macht. So erfrischend war Aufklärungsfernsehen lange nicht. Lektion der ersten Folge: das "Rieseln" im Unterleib der Frau.

Von Mark Stöhr

Reden wir mal über das da unten. Das da unterm Dirndl, wo es sich laut einer Studie der Uni Göttingen offenbar gründlich ausgejodelt hat. 51 Prozent der deutschen Männer und Frauen sind unzufrieden mit ihrem Sexleben. Überall – im Kino, im Internet, bei den Nachbarn oben drüber – werden die wilden Nummern geschoben, nur man selbst murkst sich mit seinem Partner mühsam zum Höhepunkt. Im Kopf ein König, im Bett ein Bettler. Müssen wir noch mal die Schulbank drücken in Sachen Sex? Es scheint fast so.

Dass ausgerechnet der Mitteldeutsche Rundfunk, diese Einschlafhilfe für sächsische Pensionäre, eine Better-Sex-Brigade ins Rennen schickt, ist ein gelungener Scherz der TV-Geschichte. Aber sie macht ihre Arbeit gut. Die fünfteilige Doku-Serie "Make Love" ist klassisches Aufklärungsfernsehen, wie man es zuletzt in den Siebzigern bei Oswald Kolle und Kollegen gesehen hat. Mit Schaubildern von den menschlichen Geschlechtsorganen und erotischer Erbauung. Dazu Großaufnahmen eines zuckenden Penis und einer offengelegten Vagina, was in den Boulevardmedien im Vorfeld zu Hyperventilationen geführt hatte.

Ann-Marlene Henning, übernehmen Sie!

Dieser kalkulierte Aufschrei der Entrüstung (Genitalien im Gebührenfernsehen!) war bereits ein Hinweis auf den Kern des Problems: Die Welt ist tapeziert mit Pornografie, von "Alice im Ständerland" bis "Zucht der Karibik", aber sobald es um den echten, eigenen Sex geht, werden viele Erwachsene wieder zu Pubertierenden. Dann wird verlegen gekichert – und geschwiegen. Das belegt eine andere Zahl aus Göttingen: 36 Prozent der Männer und Frauen würden ihren Partnern gern ihre sexuellen Wünsche erfüllen. Doch sie kennen sie nicht. Es wird also höchste Zeit, mal über das da unten zu reden. Ann-Marlene Henning, übernehmen Sie!

Die 49-Jährige Sexologin aus Hamburg hat das Aufklärungsbuch "Make Love" geschrieben und ist auch Protagonistin der darauf basierenden Serie. Sie hat nicht so lange Beine wie Erika Berger, aber auch nicht deren schwüle Kaffeehaus-Erotik. Henning ist eine wache und lustige Person, die Leute schnell aus der Reserve lockt. Natürlich nervt sie auch. Alle Therapeuten nerven. Henning mit Sätzen wie "Da können wir ganz toll drüber reden später!" oder "Ich sehe, dass ihr gerade was verstanden habt". Dafür hat sie immer ein iPad mit scharfen Einspielern dabei.

Ihre Probanden sind Jessica und Oli aus Böblingen, beide Ende zwanzig. Sie sind seit zehn Jahren zusammen und haben nur noch Quartalssex. Jessica findet, dass Oli zu schnell zur Sache kommt ("Seine Art der Berührung ist sehr zielführend"). Er, mehr der Versteher als, nun ja, der Steher, sieht das auch sofort ein. Zwischendurch bricht er in Tränen aus, und man ist geneigt zu mutmaßen, dass die Beischlafkrise in Böblingen auch mit Olis etwas übertriebenem Softitum zu tun hat.

Im Vergleich zur Vagina ist der Penis ein Trottel

Doch Ann-Marlene Henning weiß es natürlich besser. Langjährige Paare, so ihre Diagnose, sehen ihren Partner als Hauptquelle der Sicherheit. Dieses "Versorgungssystem" wollen sie nicht durch ehrgeizigere, sexuelle Ambitionen oder die Offenlegung ihrer wirklichen Wünsche gefährden. Nach dem Motto: Mit dem, der auf einen aufpasst, fummelt man nicht rum. Jessica und Oli sollen aber nun genau das tun: rumfummeln. Nur anders als bisher. Zu diesem Zweck verwandelte sich die Sexologin Henning in eine Biologielehrerin. Erstes Kapitel: die weibliche Vagina.

Gemessen an der Komplexität einer Vagina (8000 Nervenenden) ist der Penis (2500) ein Trottel. Das weiß man. Aber dass die Klitoris nicht nur ein kleiner Lustpunkt, sondern insgesamt zehn Zentimeter lang ist? Dass Frauen wie Männer über eine Prostata verfügen und ejakulieren können? Nicht gewusst. Auch Jessica und Oli verfolgten den anatomischen Vortrag einigermaßen konsterniert und befühlten unsicher die von Henning hervorgezauberte "Mösette", eine Art Plüschmodell der Scheide. Lernlektion hier: Das langsame Stimulieren der äußeren Schamlippen, was der Sexlehrerin aus Hamburg zufolge "mehr so ein Rieseln" bewirkt.

Und so kuschelte sich Ann-Marlene Henning einmal den Venushügel hoch und wieder runter. "Make Love" ist für den Sex, was "The Voice of Germany" für die Musik ist: ein ausführliches Herzen und Kraulen als Kontrapunkt zum harten Wettbewerb in der Leistungsgesellschaft. Am Ende muss jedoch hier wie dort die Performance stimmen. Man darf gespannt sein. In der nächsten "Make Love"-Folge ist bestimmt der Penis dran.