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TV-Kritik "Menschen bei Maischberger": Für eine Handvoll Ravioli

Am Ende ihres Arbeitslebens wollte Hannelore Nehls im Park sitzen und gemütlich Kaffee trinken. Stattdessen sammelt die Berlinerin Pfandflaschen, um ihre schmale Rente aufzubessern. Hitzig begann die Diskussion um Rentner und Rentabilität, am Schluss menschelte es gar ein wenig.

Von Ingo Scheel

Der deutsche Rentner ernährt sich bodenständig italienisch, Ravioli aus der Dose sind sein Hauptnahrungsmittel. Jedenfalls, wenn es nach der Maischbergerschen Redaktion geht. Die hatte im Studio, wo in der letzen Woche noch die Plastikhühner von Gottlieb Wendehals herumlagen, eine Pyramide aus neun Konserven des Pastaklassikers aufgebaut. 16 Euro, oder eben 9 Dosen Ravioli - so viel soll der durchschnittliche deutsche Rentner im nächsten Jahr mehr im Portemonnaie, respektive auf dem heimischen Herd haben. Ist das ausreichend? Gerecht? Oder sind die Alten eh viel zu gierig?

"Ackern bis zum Umfallen - hat uns der Sozialstaat betrogen?" lautete das Thema der Maischberger-Mottoshow. Man hätte die Frage besser im Singular formulieren sollen. Hannelore Nehls, Rentnerin aus Berlin, war die einzige in der Runde (Durchschnittsalter 66 Jahre), die diese Frage hätte stellen dürfen. 43 Jahre hat sie in verschiedenen Jobs geschuftet, am Ende bleiben ihr 690 Euro Rente, nach Abzug der Fixkosten überschaubare 230 Euro. Der Blick in ihren luftig gefüllten Kühlschrank stimmt melancholisch. Mediterrane Genüsse, ob frisch oder in Dosen, Fehlanzeige. Stattdessen eine halbe Tomate, etwas Marmelade, eine angebrochene Packung Käse-Scheibletten ("Davon lebe ich eine Woche"). Um ihre Finanzen aufzubessern, geht die Seniorin Pfandflaschen sammeln. Ihren drei Kindern ist das kaum peinlich ("Gut für die Umwelt, und frische Luft hast Du auch noch") und die Enkel freuen sich, wenn Omchen dann doch einmal ein Eis spendieren kann.

"Aus einem faulen Apfel einen florierenden Obsthandel"

Der Weg, auf den sich die Beisitzer von Frau Nehls an diesem Abend begaben, war steinig. Zu Lösungen ihres Problems - fast ein ehernes Gesetz, das den allabendlichen Talktiraden innewohnt - führte er nicht. Gregor Gysi eröffnete die Runde mit etwas Zahlenlotto und hatte nach kürzester Zeit nicht nur die Senioren unter den Zuschauern dem Federbett ein gutes Stück näher gebracht. Kapriziös kumulierte er die Zahlen von real gesunkenen Renten, Niedriglohn-Beschäftigten und Mindestbeträgen, Jahreszahlen und Prozentanteilen.

Einzig sein Sofanachbar, der Historiker Arnulf Baring, sprang auf das Zahlen-Portfolio des Fraktionsvorsitzenden der Linken an. Das jedoch hätte er, so wurde schnell klar, auch getan, hätte Gysi die Inhaltsstoffe einer Dose Nudeln vorgelesen. "Gysi macht aus einem faulen Apfel einen florierenden Obsthandel", motzte Baring kryptisch und deklamierte in der Folge, wie Waldorf und Stadler in Personalunion, ein ums andere Mal, Gysi hätte qua Herkunft und Beteiligung am DDR-Regime auf immer sein Recht verwirkt, soziale Gerechtigkeit einzufordern.

Nehls konnte sich ein Lachen kaum verkneifen

Demgegenüber gab Lothar Späth den notorischen Nuschler, so proto-gemütlich wie sein baden-württembergischer Duktus. Menschen einbinden, Genossenschaftsmodelle einführen, Solidarpakte schaffen - wie durchgenudelte Wahlkampfslogans der 90er-Jahre fielen dem ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten die Satzbrocken aus dem Hemdkragen.

Bernd Klöckner, mit 45 Jahren der Benjamin der Runde, packte da expliziter zu. Ein kongenialer, ja, zynischer Zug der Redaktion, in Zeiten von Wall-Street-Protesten, "Occupy"-Bewegung und Euro-Rettungsschirm ausgerechnet einen Anlageberater in die Diskussion um die ach so unersättlichen Rentner zu schicken. Dessen Bücher heißen "Reich ohne Risiko" oder "Mit Taschengeld zum Millionär". Sein Kernpamphlet, augenscheinlich das Bewerbungspapier für diese Sendung, trägt den Titel "Die gierige Generation: Wie die Alten auf Kosten der Jungen abkassieren". Seine Thesen: Den Rentnern geht es viel zu gut, um nicht zu sagen fantastisch, und arme Senioren sind doch absolut in der Minderheit. Selbst Flaschensammlerin Nehls konnte sich ein Lachen kaum verkneifen.

Der Rest der Runde hatte da schon fast abgeschaltet, respektive erging sich in anderen Themen. Was aus der Regierung wird, sollte die FDP sich im Dezember gegen den Euro-Rettungsschirm aussprechen? Wie es mit Stuttgart 21 weitergeht? Und ob es denn okay ist, so viel Geld nach Griechenland zu pumpen? Das waren plötzlich die Themen außerhalb des Rentenradars. Und während Lothar Späth zumindest bei der letzten Frage eine Antwort parat hatte - "einfach mal ein paar baden-württembergische Finanzbeamte nach Griechenland schicken" - steckten ausgerechnet Oma Nehls und Kollege Klöckner die Köpfe zusammen. Schmunzelten über die Polit-Zossen auf der anderen Seite des Tisches, flüsterten ein wenig verschmitzt und wer weiß - vielleicht verabredeten sich die beiden zu einem Teller Ravioli.