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"Tatort"-Kritik: Wahnsinn ohne Methode

Kommissar Stellbrink ermittelt diesmal im Rockermilieu. Aber der wunderbare Devid Striesow kann auch den zweiten Saarland-"Tatort" nicht retten. Eine Frage an den Drehbuchautor.

Von Sophie Albers

Lieber "Tatort"-Drehbuchautor, ich habe gerade "Eine Handvoll Paradies" gesehen und hätte da eine dringende Frage: Wer hat Ihnen ins Handwerk gepfuscht?

Natürlich erinnert der Titel "Eine Handvoll Paradies" an den Western-Klassiker "Für eine Handvoll Dollar". Und es ist ein verdammt guter Anfang, wenn der kauzige Kommissar Stellbrink, wunderbar gespielt von Devid Striesow, auf seiner rosa Vespa zu Cowboy-Gefiedel durchs saarländische Death Valley reitet. Auch dass die Schurken statt schwarzer Hüte schwarze Kutten tragen, ist in Ordnung, schließlich sind sie Rocker. Diese gefühlten Augenblicke, in denen Sheriff Stellbrink James-Garner-mäßig in den Saloon marschiert und nach einem Glas Milch fragt, sind wirklich gelungen. Alles ein bisschen aberwitzig, alles ein bisschen verschroben-niedlich.

Aber alles - und es tut mir leid, das sagen zu müssen - wie im ersten Stellbrink-"Tatort" wieder knapp daneben. Denn Striesow als einzige Blume kann keine ganze Wiese erblühen lassen - um es mal poetisch auszudrücken.

Striesow, rette uns

Wann immer dieser Milchbart-Sheriff in seiner kindlich-genialen Mischung aus Naivität und Cleverness Fahrt aufnimmt, grätscht ihm ein brutal hölzerner Dialog dazwischen. Das muss Ihnen doch Schmerzen bereiten. Die wohlausformulierten Sätze von Kollegin Lisa kann man noch wegatmen, meinetwegen sogar den gescheiterten "Wir sind so schlau"-Schlagabtausch Novalis gegen Saint-Exupéry. Doch jeder Auftritt von Staatsanwältin Nicole Dubois schmeißt den Zuschauer hochkant aus dem Krimi-Feeling. Höhepunkt ist ihr nicht enden wollendes, plapperndes Umkreisen von Stellbrinks Schreibtisch. Da kriegt nicht nur der Kommissar Kopfschmerzen.

Selbst die Rocker geben sich alle Mühe, auch in den letzten Reihen verstanden zu werden. Warum erinnern die schweren Jungs - deren Boss zu Beginn mit gebrochenem Genick neben seiner Harley gefunden wird - eigentlich an Ralf Königs Lack- und Leder-Helden statt an schwerkriminelle Mörder und Menschenhändler, wie man sie aus den Nachrichten kennt? Bösewichte funktionieren nur, wenn man sie selbst in ihrer Lächerlichkeit ernst nimmt. Siehe Perücken-Bardem in "No Country for old Men".

Glückwunsch zum "blauen Klaus", der die Beinprothese so charmant als Whiskeyflaschenhalter nutzt. Aber was soll bitte Stellbrinks Knockout-Traumsequenz mit Sado-Maso-Halsband? Gab es Streit mit der Kostümabteilung?

Beleidigte Leberwurst

Ganz ehrlich, irgendwann ertappt man sich dabei, diese Momente des Irrsinns zu sammeln: der Junkie, der sagt, er drücke den Stoff "in den Pullermann", der Bruder der Rockerbraut, der wegen einer Erdbeertorte zum Krüppel geschossen wurde, die Lisa-Stellbrink-Perle: "Du bist ein großes Kind, eine beleidigte Leberwurst" - "Nööö, keine beleidigte Leberwurst, bitte!". Da fällt sein einsamer Eintrag ins Logbuch der Sternenflotte mit Borg-Warnung kaum mehr ins Gewicht. Und für den fragilen kickboxenden, asiatischen Transvestiten hat man kaum mehr ein Schulterzucken übrig.

Alles Absicht, sagen Sie? Der Wahnsinn hat Methode? Den hat er leider nicht in letzter Konsequenz, sonst würden Striesow und die Augenblicke des Aberwitzes nicht so zusammenhanglos in der Geschichte herumpaddeln, dann wäre der Abgrund zwischen gut und schlecht gemacht nicht so tief. Also: Fürs nächstes Mal mehr Mut, bitte. Dann wird der Saarland-"Tatort" der coolste von allen!

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