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Dialogangebot an Nordkorea: Für mehr als eine Handvoll Reis

Die USA bitten Nordkorea zu Gesprächen - und beide Seiten wahren ihr Gesicht. Der Konflikt ist zwar noch nicht beigelegt, aber Kim Jong Un kann nun auf mehr als die üblichen Reissäcke hoffen.

Von Niels Kruse

Kim Jong Un hat die USA an den Verhandlungstisch zurückprovoziert. Die Vereinigten Staaten seien offen für "echte und glaubwürdige" Verhandlungen mit Nordkorea, gab US-Außenminister John Kerry in Tokio bekannt. Mit dieser Aussage im Rücken wird der gewohnt pompös inszenierte Geburtstag seines Großvaters und Staatsgründers Kim Il Sung gleich ein doppelter Feiertag für den jungen Diktator. Denn nun kann er sich vor sein Volk stellen und verkünden, dass die verhasste Supermacht eingeknickt sei. Dass er dem Erzfeind nun seine Forderungen diktieren könne. Dass seine "Politik" und keine andere dem Ansehen Nordkoreas dienlich sei.

So etwas in dieser Art wird bald aus Pjöngjang zu hören sein. Das dortige Regime kann das Gesprächsangebot als größten anzunehmenden internationalen Erfolg verkaufen. Und Kim Jong Un kann sich tatsächlich ein wenig als Sieger fühlen. Zumindest an der internen Front: Er hat dem skeptischen und mächtigen Militärapparat gegenüber bewiesen, dass er führen kann. Er hat seinem Volk gezeigt, wie man sich in der Welt Respekt verschafft. Und er dürfte nun freie Bahn für die geplanten Wirtschaftsreformen haben, die (entweder nach chinesischem oder vietnamesischem Vorbild) das Land einschneidend verändern könnten.

Diesmal will Nordkorea mehr als ein paar Reissäcke

Vorausgesetzt zumindest, es folgt der übliche Nachgang, der stets nach dem gleichen Muster abläuft, nachdem das dortige Regime aufmerksamkeitsheischend an seiner Atombombe herumgefummelt oder Kernwaffen getestet oder probehalber eine Rakete, einer der wenigen Exportschlager des Landes, abgefeuert hat: Für das Strecken der Waffen gibt es vom Westen (und China) Lebensmittel, Kraftstoff und Devisen. Dieses Spielchen hat Tradition in der Familie Kim. Schon der "ewige Präsident" Kim Il Sung hatte mit kriegerischem Getöse ausländische Hilfe erbettelt. Ebenso wie sein Sohn ("der Irre mit der Bombe") Kim Jong Il. Und nun eben der "große Nachfolger" Kim Jong Un.

Der Konflikt auf der koreanischen Halbinsel ist mit dem Gesprächsangebot aus Washington aber noch nicht beigelegt. Denn die Steine, die der Despot aus dem Norden auf den Weg zu einem wie auch immer gearteten Abkommen hinterlassen hat, sind diesmal besonders groß. So deutlich wie nie hatte Kim Jong Un den Wert seines bescheidenen Atomwaffenarsenals benannt: Es diene der Abschreckung und sei Grundlage für Wohlstand, sagte Kim in einer Rede vor dem Zentralkomitee der Arbeiterpartei Anfang April. Und: Unsere Kernwaffen seien auch nicht für Abermilliarden von Dollar verhandelbar. Genau das aber, Abrüstung, fordern die USA. Die Führung in Pjöngjang müsse "bedeutende Schritte" unternehmen, um zu zeigen, dass sie ihre internationalen Verpflichtungen einhalten wolle, sagte Kerry bei seinem Besuch in Tokio.

Ein erster Kompromiss schon erkennbar

Die beiden Positionen klingen auf den ersten Blick unvereinbar. Aber schon jetzt ist ein Kompromiss erkennbar, bei dem niemand vollends das Gesicht verliert. Die USA fordern vom Norden die Plutoniumgewinnung zu stoppen, Kim darf dafür seine Uranbomben behalten. Sozusagen ein Zugeständnis für ein "Atomprogramm light". Im Gegenzug, so Gerüchten zufolge, verlangt der Diktator Steuern, die die 123 (südkoreanischen) Firmen in der Sonderwirtschaftszone Kaesong künftig an den Norden zahlen sollen.

Um weitere Wirtschaftsreformen umzusetzen, braucht das Regime allerdings mehr als nur ein paar Säcke Reis. Ausländische Investoren etwa. Schon länger buhlt das Land um fremdes Geld und bietet im Gegenzug die "niedrigsten Lohnkosten Asiens", wie es einmal in einer Einladung des Wirtschaftsministeriums an westliche Firmen vor einigen Jahren hieß. Als Vorbild könnte dabei Vietnam dienen. Das immer noch unter der Knute der Kommunistischen Partei stehende Land, hat sich als Tigerstaat einen Namen gemacht, indem es die Türen für ausländische Unternehmen öffnete, die unter den restriktiven Bedingungen der Funktionäre ihre Geschäfte machen können.

Setzt Washington auf "Wandel durch Handel"?

Dieses Modell wird schon länger in Pjöngjang favorisiert. Vor allem auch deswegen, weil, anders als in China, das allermeiste Geld und die Kontrolle weiter in den Händen der allmächtigen Politkader bliebe. Und auch die USA könnten von der Liberalisierung profitieren. Wie in Vietnam, wo US-Firmen mittlerweile gute Geschäfte mit dem früheren Feind machen. Anfang des Jahres etwa eröffnete die Kaffeekette Starbucks ihre erste Filiale in Ho-Chi-Minh-Stadt. Soweit sind die Beziehungen zu Nordkorea zwar noch lange nicht. Aber vielleicht hat Außenminister John Kerry die Aussicht vom "Wandel durch Handel" bereits im Hinterkopf.