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TV-Kritik "Menschen bei Maischberger" Männer sind ihr Untergang


Ingrid Steeger bei Maischberger: Sie hätte interessant werden können, die Hartz-IV-Beichte des gefallenen Siebziger-Darlings. Doch leider ging Steeger auch in der Talkshow unter - Schuld waren mal wieder die Männer.
Von Dirk Benninghoff

Ingrid Steeger: Start als Akkordarbeiterin in Sachen Sex ("Die liebestollen Baronessen", "Der lüsterne Türke", "Die goldene Banane von Bad Porno"), mit 30 heißeste Ulknudel im Land, mit 40 schon bedeutungslos, Mini-Hausse im ernsten Genre ("Der große Bellheim"), dann nur noch Männer, Männer, nichts als Männer. Und jetzt das: Hartz IV und bei Sandra Maischberger auf der Pleite-Couch.

Es hätte also spannend werden können, am späten Abend mit Maischberger und ihren Menschen. Doch leider wird die potenziell spannendste Protagonistin auch hier von männlichen Mühlen zermahlen. Still und verschüchtert kommt Ingrid Steeger daher. Klar, warum diese Frau bei der Sozialhilfe gelandet ist: Ausgenutzt wurde sie nach Strich und Faden. Naiv war sie. Zu schwach, sich zu wehren. Und so läuft es dann auch in der Show. Während Pleitegenosse Carlo von Tiedemann seine unersättliche Lebensgier zur Schau stellt, kommt Steeger kaum zu Wort. Sie geht unter im Koks, den Nutten und der vielen Kohle des schnauzbärtigen NDR-Moderators. Dessen Geschichte kennt zwar schon jeder, doch die Lebenslust treibt sie noch einmal aus Tiedemann heraus. "Ich liebe das Leben", schließt der TV-Greis. Das hat mittlerweile ohnehin jeder geahnt. Und jeder hat begriffen, dass Tiedemann immer viel Geld verdient hat. Er hat es etwa ein halbes Dutzend Mal gesagt. Der Sinn der Sendung sollte offiziell sein, vor Verschuldung warnen und aufzuklären. Tiedemanns pralle Beichte dürfte viele Zuschauer eher dazu verführen, die Kohle jetzt so richtig zu verjubeln.

Joghurt für 29 Cent

Bei so viel Testosteron hat Ingrid Steeger keine Chance. Zerbrechlich wirkte sie schon immer, der soziale Abstieg hat sie jetzt richtig verschüchtert, scheint es. Die Stimme noch leiser und gebrochener als früher, schildert sie ihren Abstieg. Zurückhaltender, nüchterner, realistischer, vor allem sympathischer als Tiedemann. Während der Fernseh-Mann ein Täter ist, ist Steeger das Opfer. Sie habe schon immer kein Selbstwertgefühl gehabt, könne nicht nein sagen und hätte mehr für andere gesorgt als für sich, womit vor allem ihre Männer gemeint sind. Irgendwann war es dann zu spät: keine Engagements mehr, kaum Geld, stattdessen Joghurt für 29 Cent. Doch Steeger will nicht klagen: Sie käme mit Hartz IV schon klar.

Man hätte der Frau mit der zarten Stimme den ganzen Abend lauschen mögen, doch auch bei Maischberger hat der Leise keine Chance. Stattdessen gibt es neben tiedermannscher Lebensgeilheit jede Menge Binsenweisheiten der Herren Lehmann (Ex-ARD-"Börsenguru") und Zwegat (RTL-Schuldenexperte), die Tiedemann stets mit erfreutem Kopfnicken quittiert - ganz so, als würden die Herren ihm Neues erzählen. Wenn dem so wäre, müsste man sich größere Sorgen um ihn machen, denn das Finanzexperten-Duo hat solche Texte im Köcher: "Wenn es irgendwann mal brennt, dann stehst du ganz alleine da." Oder: "Der größte Fehler ist die Gutgläubigkeit." Besonders Lehmann legt eine unerträgliche Selbstgerechtigkeit an den Tag, weiß alles und war offenbar sowohl im Heim auch in der Seele der prominenten Pleitiers schon zu Gast. Fast wünscht man ihm die private Insolvenz.

Steeger dagegen kann man nur ein "alles Gute" mit auf den Weg geben. Sie habe wieder ein paar Engagements, freut sie sich, über befreundete Theaterleute eingestielt. Nach Bremen und Lübeck soll es gehen. Die großen Bühnen sind nicht mehr ihre Welt. Talkshows leider auch nicht.


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