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TV-Kritik zu "Günther Jauch": Mal wieder über Sex reden

Was tun mit Prostitution? Bei Günther Jauch wurde in gewohnt verzerrter Weise über Huren, Zuhälter und Freier debattiert - und es findet sich niemand, der sie ganz und gar verbieten will.

Von Jan Zier

Prostitution geht ja immer. Also: als Talkshow-Thema. Okay, es gibt im Grunde wenig neue Erkenntnisse oder Argumente auszutauschen, seit Jahren schon. Aber wenigstens einen neuen Anlass, dies zu tun: Den Aufruf von - natürlich! - Alice "Emma" Schwarzer, Prostitution einfach ganz und gar zu verbieten und Freier zu bestrafen. Die Alt-Feministin selbst ist diesmal nicht gekommen - und auch der Part der vehementen VerbotsverfechterIn in dieser Runde bleibt unbesetzt.

Zwar unterstützt auch Saarbrückens Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) Schwarzers Kampagne mit ihrer Unterschrift. Und doch ist sie, die einstmals für die rot-grüne Legalisierung der Prostitution stritt, auch heute noch gegen das Totalverbot. Zwar sagt Britz: "Frauen werden durch diesen Job zerstört." Doch am Ende will die einstige Sozialarbeiterin vor allem "kontrollierte Verhältnisse". Und über Sex und das Verhältnis von Männern und Frauen reden. Letztlich ist dann aber doch wieder vor allem von behördlichen Kontrollen die Rede.

Belastbare Zahlen hat niemand

Ansonsten krankt auch diese Debatte an den üblichen Verzerrungen. Da gibt es auf der einen Seite jene, die sagen: 80 Prozent der Prostituierten sind ausgebeutet, unmündig, fremdbestimmt und von Zuhältern versklavt. Diese Rolle übernimmt diesmal die Journalistin Rita Knobel-Ulrich, die im Milieu recherchiert hat, aber natürlich auch keine belastbaren Zahlen hat. Allerdings ist auch sie gegen ein Verbot der Prostitution.

Auf der anderen Seite gibt es Frauen wie Lena Morgenroth. Sie vertritt den Typus der toughen, selbstbestimmten und selbstbewussten Sexarbeiterin, die kein Problem hat, ihren Beruf auch im Fernsehen zu verteidigen. Sie hat einen Studienabschluss als Informatikerin und ein Umfeld, das zu ihr steht. Seit vier Jahren arbeitet die Endzwanzigerin in einem Berlin Erotik-Studio - selbstständig, natürlich. Sie ist eine von jenen, die sagen, dass ihnen ihr Job Spaß macht, ja. sie "erfüllt". Immerhin sagt auch sie: "Ich bin nicht repräsentativ".

Hat Deutschland ein "Zuhälterschutzgesetz"?

Von all den anderen Prostituierten hierzulande ist in Debatten wie auch dieser nur selten die Rede. Von männlichen schon gar nicht, aber auch nicht von all den anderen, die in der Branche arbeiten und weder zur einen, noch zu anderen Gruppe gehören, Call-Girls und Escort-Ladies etwa, nebenberufliche Prostituierte und solche, die ihren Job halt so naja finden. Immerhin versucht Morgenroth eine Lanze für die "unglaubliche Diversität" ihrer Branche zu brechen. Und gegen die "unproportionale Aufmerksamkeit" zu kämpfen, die das Problem der Zwangsprostitution und des Menschenhandels in der Debatte um käuflichen Sex erfahre.

Laut BKA, sagte kürzlich die Sozialwissenschaftlerin Emilija Mitrovic, Autorin mehrerer Bücher zum Thema Prostitution, könne man etwa für 2011 "mit Sicherheit" nur von 640 mutmaßlichen Opfern von Menschenhandel in Deutschland sprechen. Knobel-Ulrich indes sagt, das Problem der Zwangs- und Armutsprostitution sei "ziemlich dramatisch" und Deutschland ein Land mit "Zuhälterschutzgesetz". Auch der obligatorische Polizist in der Runde, Uwe Dörnhöfer von der Münchner Polizei, hält das Prostitutionsgesetz von 2002 für einen "zahnlosen Tiger". Seriöse Zahlen gebe es keine, sagt Dörnhöfer zu Recht. Und fügt an, dass "die Masse" der Prostituierten in München völlig ungebildet sei.

Geschäft mit Sex ist im Saarland lukrativ

Die Rolle des Bordellbetreibers in solchen Fernseh-Diskussionen übernimmt meist Jürgen Rudloff, Betreiber eines des größten Bordelle Europas. Er ist einer, der sagt, es gibt so etwas wie gute, faire Prostitution, die ohne Zwang und Zuhälterei auskommt, ganz ordentlich Steuern abführt und allen staatlichen Kontrollen standhält. Die Prostituierten in seinen Häusern sind Mieterinnen. Sein Sohn soll den Familienbetrieb mal übernehmen. Gerade plant er eine neue "Wellnessoase" in Saarbrücken - Britz indes will einen wie Rudloff nicht in ihrer Stadt haben. Sie findet allerdings auch keine rechte Handhabe gegen ihn. Das Geschäft mit dem Sex ist im Saarland lukrativer als anderswo - weil im nahen Frankreich Freier wie Prostituierte bestraft werden.

Britz ist froh um die Debatte. Doch über das Verhältnis von Männern und Frauen hat man dann am Ende doch nicht geredet. Das war ja auch nicht zu erwarten.